Zornlied

Ich dicht' ein Rügelied statt einen Fluch
Und fing' in meinem Unmuth, meinem Grimmme,
Wie Bößewichter sich erhöhe'n durch Trug,
Und Herzensgüt' und Tugend geh'n in's Schlimme;
Denn Räuber seh' ich Redlichen vergeben
Verbrecher die verdammen, die fromm leben,
Und Sünder predigen mit lauter Stimme.
Betrogen ist in seinem tollen Wahn
Der Tohr, der meint, daß List und sündlich Streben
Dem, der sie treibt, je Schaden angethan,
Da sie vielmehr ihn stärken und erheben.
Mich wundert's, daß nicht Alle ganz verderben,
Da man durch Schlechtthun nur dann Glück erwerben
Und Redlichkeit für Trug wird ausgegeben.
Ein gier'ger Herrscher Seinesgleichen haßt
Und von gleicher Habsucht sind die Pfaffen;
Die möchten Alles, was die Welt nur haßt,
Mit Ausschluß jedes Andern an sich raffen.
Um Land zu rauben, geben sie Gesetze,
Und spannen aus nach Beute ihre Netze,
Um immer mehr Gewalt sich zu verschaffen.
Mit allen Händen sieht man sie bemüht,
Die Welt zu fah'n, die sie auch ohne Zweifel
Erlangen, sei's gewaltsam sei's in Güt',
Sei es mit Meucheln oder sei's mit Schmeicheln,
Sei es mit Ablaß, Trinken oder Essen,
Mit Bannstrahlschleudern,Predigten und Messen,
Sei es mit Gott, sei es auch mit dem Teufel!

des Troubadour Peire Cardinal im Anfang des 13. Jh. übersetzt von Brinckmeier