Das Ribbaldslied

Er jagte wohl über die Haide
In Sturm und Wetterstreit.
Und hielt mit sichern Armen
Die wonnigliche Maid.

Da sah ein stolzes Gräflein
Ihn mit der Beute flieh'n:
"Ei, Ribbald, wohin willst du
Mit deinem Raube zieh'n?"

"Schweig, Graf, und deine Rede
Will diesmal ich verzeih'n,
Die Jungfrau ist Margrete,
Mein trautes Schwesterlein."

"Du täuschest mich mit nichten,
Gullbrun kenn' ich genau;
Du raubst des Königs Tochter
Und führst sie nicht zur Trau."

"So ist sie dir nicht genommen,
Mir aber ist sie werth;
Und hüte dich nur, Gräflein,
Vor meinem guten Schwert.

Doch soll's dir aller Zeiten
Getreu zu Diensten steh'n,
Verhehlest du dem König,
Was hier du jetzt geseh'n."-

Herr Ribbald ritt mit Gullbrun
Dann weiter auf schnellem Roß,
Der And're aber eilte
Zum hohen Königsschloß.

"Hier säumet ihr, Herr König,
Bei Spiel und Meth und Wein,
Indeß man euch entführet
Das schöne Töchterlein?"

"Wer ist's, du sollst es sagen,
Wer, der mit frevelnder Hand
Die Tochter mir entführet,
Den größten Schatz entwandt?"

"Herr König, er heißt Ribbald,
Und stark ist er und reich;
Man sagt, ihm komme Niemand
In allen Landen gleich."

Da sprang empor der König
In namenloser Wuth,
Vom stürzenden Tische strömte
Des Trinkhorns Purpurfluth.

Er schleuderte die Harfe
Zu Boden, daß sie zersprang,
Daß sie zersprang mit schrillem
Unglückweissagendem Klang.

Dann rief er: "Meine Söhne,
Zu Roß, ihr Degen gut;
Der Räuber soll den Frevel
Verbüßen mit seinem Blut."

Herr Ribbald jagt über die Haide
In Sturm und Wetterstreit,
Er hält in Armen Gullbrun,
Die wonnigliche Maid.

Da tönt weit hinten Hufschlag
Und Gullbrun blickt zurück:
"Mein Vater und meine Brüder!
Die bringen uns nimmer Glück!

Und kommt es zum Kampfe, Ribbald,
Den jüngsten Bruder dann schon',
Er ist meiner guten Mutter
Von allen der liebste Sohn.

Das Leben sollst du ihm lassen,
Zum Trost ihr in dieser Welt,
Und daß von den andern er künde,
Die hier du erschlagen im Feld."

"Ich binde mein Roß an die Weide
Und harre der Nahenden hier,
Doch was mir geschähe zu Leide,
Zu schweigen rath' ich dir.

Ich rathe dir, Jungfrau Gullbrun:
So lange mein Arm noch ficht,
Was du auch siehst und hörest,
O nenn' meinen Namen nicht!

Und sähest du, wie ein Blutstrom
Mir aus den Wunden rinnt;
Wenn du mich nicht willst tödten,
Sprich meinen Namen nicht, Kind!

Und sähest du mich schwanken,
Erbleichen in höchster Noth;
Meinen Namen darfst du nicht nennen,
Gullbrun, das würde mein Tod!"-

Schon kommt die Schaar geritten
Mit Racheschnauben und Dräu'n,
Der König, dazu elf Söhne
Und der Tochtermänner neun.

Die Schilde klirren, die Schwerter,
Daß die Haide weithin hallt;
Es fließt aus vielen Wunden
Der Strom des Lebens bald.

Der König sinkt der Erste,
Getroffen auf den Tod;
Von seinem Blut sieht Gullbrun
Erbleichend die Erde roth.

Dann sieht sie der Schwestern Gatten
Gefällt von Ribbald's Schwert,
Das wie ein leuchtend Wetter
Im Kreise niederfährt.

Und Einer nach dem Andern
Von ihren Brüdern sinkt;
So daß die satte Haide
Den Blutquell kaum noch trinkt.

Zuletzt kämpft nur noch Einer,
Ein Einz'ger der ganzen Schaar,
‚s ist Gullbrun's jüngster Bruder
Mit dem gold'nen Lockenhaar.

"O Ribbald, Ribbald, Gnade!
O Gnade dem jungen Blut!"
Da wendet sich Herr Ribbald:
"Bei Gott, das war nicht gut!"

Sobald dies Wort gesprochen,
Traf ihn des Gegners Erz;
Was half's nun, daß er dem Knaben
Zerklüftete das Herz?

Herr Ribbald trocknet im Ginster
Sein blutigrothes Schwert;
"Gullbrun, du hast's verdient,
Was nun dir widerfährt.

Meine Liebe magst du erkennen,
Sie ist dir Schirm und Schild:
Wenn nicht, daß du mich verrathen,
Mein Arm dir nun vergilt;

Doch brauseten die Wetter,
Ach, noch so schreckhaft wild,
Die Lieb' ist's ja, die Liebe,
Die alles Zürnen stillt."

Er hob mit matten Armen
Die Jungfrau dann auf's Roß,
Und ritt wohl über die Haide
Zu seines Bruders Schloß.

"Sei mir willkommen, Ribbald,
Wein ist und Meth gemischt,
Zu Händen nimm den Becher,
Daß dich sein Trank erfrischt."

"Laß mich, mein Bruder, laß mich,
Ich begehre nicht Meth und Wein;
Sieh nur, was ich dir bringe,
Ich komme nicht allein.

O hör's, Herr Bruder Rigard,
Eine Gattin bring' ich dir;
Ich muß jetzt Abschied nehmen
Von diesem Leben hier."

"Ich nähme sie, mein Bruder,
Sie wäre mein Wahl;
Wenn ich jungfräulich sie wüßte,
Sie würde mein Gemahl."

"Dann nimm sie, Bruder Rigard;
Ich schwör's in dieser Stund',
Ich küßte sie nur ein Mal
Auf ihren rothen Mund."

Dann sank Herr Ribbald nieder,
Erschöpft vom Blutverlust -
Und lehnte noch im Sterben
Das Haupt an Gullbrun's Brust.

Sie aber schwur ihm weinend:
"Jungfräulich bleibt mein Leib;
Ich will dir Treue bewahren!
Nie werd' ich Mannes Weib!"