UAMBALI UANAGGI

DER WOLF


In hellen Augen spiegelt sich
sein ganzes Wissen
und der Instinkt des Überlebens.
Er ist ein Ausgestoßener,
und keiner würde ihn vermissen,
als wäre nun sein ganzes Sein
vergebens.

Das Rudel gab ihn auf;
es ließ sich von Bequemlichkeit verführen.
Er wollte nicht, er wehrte sich
und zahlte drauf;
er bleibt sich treu und weiß:
er wird den Kampf verlieren.

Er frißt aus keines Menschen Hand -
er reißt die Beute, säuft ihr Blut;
noch ist er frei und stolz
und findet keinen mehr,
mit ihm verwandt -
es ist sein Ende, und so ist es gut.


Am Morgen hatte ich es mir noch nicht träumen lassen, dass der Canada Day für mich in einer "Indian Kitchen" zu Ende gehen sollte. Die Luft im Raum enthielt im Wesentlichen konzentrierte Bestandteile von Zigarettenrauch, Kaffee- und Bierdunst, abgerundet mit Schweißgeruch. Auf dem Tisch, an dem wir saßen, begannen Kaffeepfützen und Bierlachen zu einem klebrigen Film zu gerinnen. Eine Dakota und ein alter Mann europäischer Abstammung schüttelten sich nach ihrem Drink aus Wasser mit Haarspray. Übervolle Asche- und herumliegende Kaffeebecher animierten mich, Ordnung zu schaffen. Gerade als ich vom Thresen einen Lappen zum Säubern der Tischplatte holen wollte, fasste mich Joe White Bear Fisherman am Arm. "Komm mit, wir haben jetzt lange gesprochen. Du glaubst, verstehen zu können. Du hast mir gesagt, dass dein Gefühl für uns Natives nicht mehr allein von Romantik bestimmt ist, und du bist traurig. Wir werden jetzt einen Freund besuchen, und danach wirst du vielleicht feststellen, dass dein Gefühl irgendwo dazwischen liegt".

Zwei Fenster des äußerlich stark heruntergekommenen Holzhauses waren schwach erleuchtet. Joe klopfte an. Nach geraumer Weile öffnete uns eine alte Frau. Die Begrüßung erfolgte ohne jedes Wort. Sie musterte uns kurz, drehte sich um und führte uns in Richtung einer geöffneten Tür am Ende des Flures, aus der schwaches Licht sickerte. Wir folgten der kleinen, zierlichen Gestalt. Aus einer Ecke des Raumes in den sie uns mit einer kaum angedeuteten Geste wies, drang leises Husten. In diese Ecke führte uns nun die Frau und deutete auf zwei Hocker, über denen irgendwelche Felle lagen. Meine Augen brauchten eine Weile, um sich an die sparsame Beleuchtung zu gewöhnen. Ich war zunächst damit beschäftigt, mich im Raum umzuschauen. Das was ich gerade noch erkennen konnte, glich in nichts einem Wohnraum, wie wir ihn als Europäer zu sehen gewohnt sind. Auch die Größe des Zimmers war in diesem Schummer nicht zu bestimmen. Neben mir an der Wand lehnte ein mit Federn geschmückter Speer. Daneben lag ein riesiger, blanker Tierschädel. Direkt vor mir, auf etwas Ähnlichem wie einem niedrigen Bett, über welches ein großes Fell gebreitet war, hockte ein sehr alter Indianer. Nunmehr bemerkte ich auch, dass mein Begleiter schon eine Weile mit dem Alten sprach. Jener Alte musterte mich dabei aus in Falten fast versunkenen schwarzen Augen. Ich verspürte erstmals das Gefühl "durchschaut" zu werden, ohne selbst aus dem Blick des anderen etwas herausdeuten zu können. Joe wandte sich mir zu. "Ich habe schon über dich zu ihm gesprochen".

In dem Schweigen, welches nun eintrat, war es an mir, den Alten aufmerksamer zu betrachten, zumal sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten. Lange, weiße Strähnen fielen zum Teil über ein Gesicht, das nur noch aus Falten und Runzeln zu bestehen schien. Dazwischen eingebettet eine flache, leicht gekrümmte Nase und eben jene Augen, deren Aufmerksamkeit so sehr im Kontrast zu all den Runzeln standen. Der Alte kramte hinter sich herum und schien nicht fündig zu werden. "Hast du Zigaretten dabei?", fragte er mich schließlich. Ich reichte ihm die Schachtel "Players". Mit zitternden Fingern zog er eine Zigarette heraus und hielt uns die Schachtel hin. "Lasst uns erst rauchen". Ohne dass er seine Frau dazu aufgefordert hätte, brachte diese aus dem Hintergrund des Raumes einen glimmenden Holzspan. Der Alte wies mit einer kurzen Geste auf sie. "Moon Shadow, meine Frau". Nacheinander entzündeten wir unsere Zigaretten. Als erster der Alte. Den Rauch der ersten Züge fächelte er mit der freien Hand vor sein Gesicht und die Brust. Joe tat es ihm gleich. Ich schloss mich suggestiv dieser Handlung an, ohne mir dessen recht bewusst zu sein. Eine ganze Weile saßen wir schweigend da und rauchten unsere Zigaretten zu Ende. Dabei sah mich der alte Indianer unverwandt an. Schließlich beugte er sich von seinem Lager herunter und drückte die Kippe auf dem Fußboden aus. Auf einen ratlosen Blick meinerseits, brachte die Frau eine kleine Tonschüssel als Aschebecher.

"Du kommst von sehr weit her", sprach der Alte mich nun an. "White Bear hat mir von dir erzählt, als du noch damit beschäftigt warst, dich umzusehen. Du interessierst dich für unser Volk, hast viel gelesen, was weiße Männer und Frauen über uns geschrieben haben, auch das was von einigen unserer Leute aufgeschrieben wurde". Er schwieg. Lange Zeit starrte er wie abwesend vor sich hin. "Ich will dir eine Geschichte erzählen, die mein Großvater erlebte, als die Stämme der Siksikau noch frei durch die Prärie zogen und die Ponys der Assiniboine, Crow und Cree stahlen", begann er wieder. "Wir waren ein stolzes Volk. In der englischen Sprache nennt man uns Blood. Man fürchtete uns, und wir waren stolz darauf. Aber ich will zu dieser Geschichte zurückkommen. Ich glaube, mein Vater hat sie mir erzählt, als ich noch sehr klein war. Vielleicht kam aber auch der Geist meines Großvaters im Traum zu mir. Meine Großeltern verloren damals zwei Kinder.

Es war einer jener besonders harten Winter. Die Vorräte der Herbstjagd waren aufgebraucht, und die Familien begannen ihre Hunde zu schlachten. Täglich waren die Krieger unterwegs, um einen Wapiti oder eine Antilope aufzutreiben. Alles Wild hatte sich in die Vorberge und schützenden Täler der Rocky Mountains zurückgezogen. Der Stamm war ihnen gefolgt und hatte seit Beginn des Winters das Lager an einem Quellfluß des South Saskatchewan River aufgeschlagen. Unsere Krieger waren tagelang unterwegs, um Wild aufzuspüren. Die noch nicht geschlachteten Ponys waren abgemagert. Der Hunger war groß damals, und viele Alte und Kleinkinder starben in diesem Winter.
Eines Tages machten mein Großvater und ein anderer Krieger sich auf, um nach Wild zu suchen. Sie hatten Glück. Am zweiten Tag entdeckten sie die Winterhöhle eines Grizzly. Es ist nichts Besonderes, einen schlafenden Bären zu töten. Die Krieger hatten aber keine Wahl. Ein Bär im Winterschlaf ist nicht besonders fett, zumal gegen Ende des Winters. Aber es war Fleisch. Was du hier siehst, das da auf dem ich sitze, ist seine Haut. Die Frauen und Kinder zerteilten den Bären vor Ort und trugen das Fleisch zum Lager. Sonst besorgten den Transport die Hunde, aber es waren kaum noch welche da. Einige von ihnen, die ausgerissen waren, um nicht das Schicksal ihrer Artgenossen teilen zu müssen, waren den ebenso hungrigen Wölfen zum Opfer gefallen.

Mein Großvater streifte mit jenem anderen Krieger noch einige Tage in den Vorbergen herum, in der Hoffnung, noch einmal Fleisch zu finden. Dabei stießen sie auf eine Wolfshöhle. Die Wölfin muss gerade nach Beute unterwegs gewesen sein. Nun, in der Höhle befanden sich vier Welpen. Mein Großvater nahm sie kurzerhand mit, um sie großzuziehen. Einen Tag nach seiner Rückkehr in das Lager wurde er von von einer großen Wölfin angefallen. Ihm gelang es, das Messer zu ziehen, und er verletzte das Tier an der Schulter. Daraufhin ließ sie von ihm ab und verschwand. Später umschlich die Wölfin Tag und Nacht das Lager. Tags blieb sie weiter weg und duckte sich in das Erlen- und Weidendickicht am Flussufer. Nachts drang sie bis in das Lager vor. Als sie eines nachts versuchte, in Großvaters Tipi einzudringen, erlegte sie Großvaters Bruder, der gerade von der Pferdewache zurück kam.

Flecken für Flecken zog sich der tauende Schnee vom feuchten, Totgras des Vorjahres zurück. Die Wolfswelpen waren trotz der kärglichen Nahrung gewachsen und spielten tagsüber vor dem Tipi meines Großvaters mit den Kindern. Nicht viel später geschah etwas, was für Wölfe ungewöhnlich ist. An einem Morgen tauchte ein riesiger Wolfsrüde am Flussufer auf und witterte zum Lager hinüber. Meine Großmutter war gerade dabei, Wasser zu holen, als sie den Wolf bemerkte. Sie erschrak zunächst, kümmerte sich aber nicht weiter um das Tier. Sie wunderte sich nur ein wenig darüber, dass der Wolf nicht verschwand, als sie ganz in seiner Nähe Wasser schöpfte. In der darauffolgenden Nacht heulte ein Wolf ganz nahe des Tipis meiner Großeltern. Großvater nahm sein Gewehr und schlüpfte leise aus dem Zelt. Es war in den Nächten des verdeckten Mondes und stockdunkel. Plötzlich heulte der Wolf in unmittelbarer Nähe. Großvater entdeckte ihn schließlich hinter dem Tipi seines Bruders. Der Wolf lief nicht weg. Vielmehr schien er Großvater mit seinen hellen Augen durchdringen zu wollen. Unbeweglich saß er da und blickte mit aufgestellten Ohren Großvater unverwandt an. Wölfe legen wie Hunde die Ohren an und fletschen knurrend die Zähne, wenn sie Gefahr wittern. Nicht dieser Wolf. Großvater wusste nicht, was er tun sollte. Er hätte das Tier leicht erlegen können, aber irgendetwas hielt ihn davon ab. Schließlich schoss er, ohne zu zielen, in Richtung des Wolfes. Er muß ihn wohl verletz haben, denn am Morgen wies der Bruder meines Großvaters auf eine Kette von Blutstropfen, die von seinem Tipi weg zum Flussufer führte.

Die Tage vergingen. Die Welpen wurden größer und benahmen sich wie alle übriggebliebenen Hunde im Lager. Demütig bettelten sie vor jedem Tipi nach Futter und nahmen, wenn auch jaulend, manchen Fußtritt eines Kriegers hin. Bald hatten sie herausgefunden, dass es ratsamer war, einem Krieger aus dem Weg zu gehen und stattdessen auf das Auftauchen einer der Frauen zu warten. An einem Nachmittag geschah es dann. Mein Vater spielte gerade in der Nähe des Tipis, als ein großer, grauer Schatten herangeflogen kam. Die Wolfswelpen balgten sich spielend nahe bei meinem Vater. Ein Wolf war zwischen den Jungtieren gelandet und biss vier Mal zu. Nur einer der Welpen jaulte kurz auf. Mein Vater war wie errstarrt. Alle vier Welpen lagen mit durchbissener Kehle am Boden. Das Fell auf dem Rücken des Wolfes war gesträubt, die hochgezogenen Lefzen zeigten ein furchtbares Gebiss. Schließlich konnte sich mein Vater offenbar zu einem Schrei entschließen. Die anderen Frauen und Kinder, die diesen Vorfall starr und steif vor Schrecken mit angesehen hatten, begannen ebenfalls zu schreien. Einige der Männer eilten herzu, aber der Wolf war weg, so plötzlich, wie er gekommen war. Niemand hatte sehen können, wohin und wie. Zurück blieben die toten Wolfsjungen. Mein Vater und seine beiden Schwestern waren sehr traurig. Sie hatten sich an die Wölfe gewöhnt. In den letzten Nächten des Winters hatten die Tiere mit unter ihren Decken gelegen und so die Kinder gewärmt. Großvater machte nicht viele Worte darüber. Nachdenklich saß er am Feuer und dachte an jene Nacht, in der er das, was ihm der Wolf offenbar hatte sagen wollen, nicht hörte oder auch nicht verstand. Den Tod der Jungwölfe betrachtete er nüchtern. Der Tod gehörte zu den Selbstverständlichkeiten im Alltag der Prärieindianer. Nur dass ein Wolfsrüde am hellichten Tag seinesgleichen umbrachte, beschäftigte ihn.

Mittlerweile blühte die Prärie, und durch das stumpfe Braun des Altgrases schob sich frisches Grün. Der Fluss war voller Wasservögel, die auf ihrer Wanderung nach Norden rasteten. Die Wochen des Hungerns waren vorüber. Gabelböcke zogen wieder in Rudeln durch die Prärie, und die Jäger kamen immer mit ausreichender Beute heim. Der Vorfall mit den Wolfswelpen war fast in Vergessenheit geraten. Eines Tages schickte Großmutter wie üblich die Schwestern meines Vaters zum Fluss, um Wasser zu holen. Die Mädchen müssen damals sechs und sieben Winter alt gewesen sein. Sie waren älter als mein Vater, denn er konnte sich an den Vorfall mit dem großen Grauen und den totgebissenen Jungen später nur noch dunkel erinnern. Die Mädchen kamen vom Wasserholen nicht zurück. Großmutter machte sich auf die Suche nach ihnen. An der Wasserstelle waren sie nicht. Lediglich die Abdrücke ihrer Mokassins waren im feuchten Ufersand zu sehen. Das war auch das Ende der Spur. Ratlos berichtete sie meinem Großvater davon. Daraufhin machte er sich, zusammen mit seinem Bruder, auf die Suche.

Jenseits des Flusses stießen sie auf die Spur des Wolfes. Ein Stück weiter fanden sie den toten Körper eines der Mädchen. Ihr Hals war völlig zerfleischt. In der Hand hielt sie noch die mit Wasser halbgefüllte Büffelblase. Die Krieger suchten weiter. Die Spur des Wolfes verlor sich im Geröll der Vorberge. Wo war das andere Mädchen? Als es zu dämmern begann, kehrten die Männer um. Vom Fluss her hörten sie das Wehklagen meiner Großmutter. Sie hatte inzwischen ihre andere Tochter ein Stück flussabwärts der Wasserstelle im Ufergebüsch gefunden, ähnlich zugerichtet und tot. Der Wolf musste sich durch das flache Wasser angeschlichen haben, denn auf dieser Seite waren keinerlei Spuren zu entdecken. Noch zwei Kinder der Blood tötete der Graue, und von dieser Zeit an wurde er nie wieder gesehen.".

Der Alte war in sich zusammengesunken. Es war totenstill im Raum. Von irgendwoher knisterte ein Feuer, und nun entdeckte ich die geheimnisvolle Lichtquelle. Aus der offenen Tür eines Kanonenofens verbreiteten brennende Holzscheite Licht und Wärme. Völlig in Gedanken zündete ich mir eine Zigarette an, wobei ich mir den Rauch der ersten Züge unbewusst, genau wie am Anfang, vor Gesicht und Brust fächelte. Der alte Blood hielt mir seine Hand entgegen. "Gib mir noch so ein Ding, mein Junge". Joe bediente sich ebenfalls. So saßen wir schweigend beieinander und rauchten. Der alte Indianer hatte inzwischen eine Decke um seine Schultern gezogen. Der Widerschein des Feuers flackerte auf den Falten seines Gesichtes. Es erinnerte mich an ein Gebirge aus großer Höhe betrachtet. Warmes leuchtendes Ocker, durchzogen von den schwarzen Tälern und Schluchten der Falten und Runzeln. Alles war auf einmal unwirklich. Ich fühlte mich um mehr als hundert Jahre zurückversetzt. Von diesem Ort, von der Situation ging etwas für mich völlig Neues, Geheimnisvolles aus. Als wir mit unseren Zigaretten fertig waren, nahm ich allen Mut zusammen und fragte den Alten nach seinem Namen. Er antwortete gedankenverloren im Blood-Dialekt. Joe übersetzte: "Crying Raven, bei den Behörden wird er unter William Crow Thunder geführt".

Nach einer Weile sprach Crying Raven weiter. "Warum habe ich Dir gerade diese Geschichte erzählt? Je älter ich werde, um so öfter geht sie mir durch den Kopf. Ich verstehe nun auch meinen Großvater, zum Teil wenigstens. Alles was wir tun, hat Folgen. Manche dieser Folgen stellen sich erst viel später ein. Ich war noch nicht auf der Welt, als die Weißen Verträge mit meinem Volk schlossen. Danach war es vorbei mit dem freien Leben in den Prärien. Einzelne Flecken Land blieben uns noch. Die Büffelherden zogen schon lange nicht mehr, Farmer hatten große Stücken Prärieland eingezäunt, als könnte man Leben in Zäune pressen. Was blieb uns anderes übrig, als Pferde zu züchten. Wir verstanden viel von Pferden, war doch das Leben der Präriestämme eng mit diesen Tieren verknüpft.

Die Blood lebten nun in einer Reservation, wie es die Weißen nennen, südöstlich von Fort Calgary. Die Winter waren immer noch kalt und lang und sind es auch noch heute. Die Familien waren nun nicht mehr von der Jagd abhängig. Wo hätten sie auch jagen sollen. Mein Vater hatte gerade einen Mustang gezähmt, den ihm Großvater geschenkt hatte, einen reinblütigen Appaloosahengst. Mein Vater liebte dieses Tier und verbrachte die meiste Zeit mit seinem Pony. Er mochte etwa elf Sommer alt gewesen sein, als eines Tages ein schwarz gekleideter Mann in die Reservation kam. Er verlangte, dass sich der Geheimnismann, der Häuptling sowie die Unterhäuptlinge mit ihm Stammeshaus treffen sollten. Dort forderte er, dass alle Kinder des Stammes, die alt genug wären, ab sofort in die Schule zu gehen hätten. Sie sollten lernen, so zu leben, wie die neuen Siedler. Er gebrauchte dabei solche Worte wie Integration und Assimilation. Großvater weigerte sich, seinen Sohn herzugeben, zumal sich die Schule damals in Calgary befand. Mein Vater war das einzige Kind, welches meinen Großeltern geblieben war. Er sprach also folgendermaßen zu diesem schwarzen Mann: "Mein Sohn braucht nicht so zu leben, wie der weiße Mann. Wie sollen wir als Blood überleben, wenn unsere Kinder anfangen, wie Weiße zu lernen und zu denken; wer erzählt dann unsere Geschichten, wer singt unsere alten Lieder? Er lernt alles, was ein Krieger wissen und können muss bei mir".
"Was denn für ein Krieger?" fragte der andere. "Begreife, daß dieses Leben vorbei ist. Wo wollt ihr jagen, gegen wen wollt ihr Kriege führen? Außerdem ist es gegen Gottes Gebot, andere Menschen zu töten, und es ist gut, dass diese Zeiten ein für allemal vorbei sind".

Tage vergingen, Tage, in denen Großvater kein Wort sprach. Dann ging er in das Zelt des Geheimnismannes, um die Geister zu befragen. Der Geheimnismann lebte nach wie vor in seinem Tipi und nicht, wie inzwischen alle Familien, in einer Holzhütte. Das Tipi eines Geheimnismannes ist heilig, und die Geister von vielen Kriegern leben in ihm. Am Morgen darauf sprach Großvater zu seinem Sohn: "Du wirst in die Schule des weißen Mannes gehen und lernen. Du wirst danach zurückkommen und unseren Kindern das Wissen des weißen Mannes lehren". Das war alles zu diesem Thema. Mein Vater kam also in das Schulinternat. Zuvor brachte er seinen Hengst in die Vorberge der Rockys und ließ ihn frei. Vom Internat aus konnte er seine Eltern nur noch selten besuchen. Als erstes schnitt man ihm die Haare kurz. Weiterhin war es bei Strafe verboten, die alte Sprache zu sprechen. Ein neuer Gott trat an die Stelle der ewigen Geheimnisse. So sehr unterschied sich der neue Glaube nicht von dem der Siksikau. Was über die Schöpfung berichtet wurde, schon, aber dass man die Schöpfung Gottes mit Ehrfurcht behandeln sollte, war für einen Native nichts Neues. Nur hielten sich die meisten Weißen nicht daran. Wenn früher ein Blood gegen die Regeln der Schöpfung verstieß, hatte das unmittelbare Auswirkungen. Ein Blood lebte frei und wild von und mit der Schöpfung. Die Weißen dagegen haben zu essen, ob sie ihre Gebote einhalten oder nicht. Sie raffen um so mehr an sich, je weniger sie ihre Gebote achten. Schau dich um. Wie viele sind nicht einfach damit zufrieden, dass sie satt werden. Die Gefräßigkeit zerstört ihre Seelen.

Mein Vater mochte das zweite Jahr im Internat sein, als Großvater anfing zu trinken. Großmutter erzählte mir, kurz bevor sie starb, dass sie ihren Mann dabei erwischte, als er mit einem Messer in der Hand am Bett des schlafenden Sohnes stand, als dieser gerade zu Besuch war. Im Rausch muss ihn wohl der Geist des Wolfes besucht haben. Jedenfalls wusste Großmutter, die verzweifelte Absicht ihres Mannes zu verhindern. Aber sie konnte nicht verhindern, dass er sich danach nur noch häufiger und schlimmer betrank. In einer Reservation ist es verboten, Alkohol auszuschenken. Dicht an der Reservationsgrenze verkaufte regelmäßig ein weißer Händler Whiskey oder Brandy, und dieses Geschäft lief gut. Eines Tages schnitt Großvater jenem Schnapshändler die Kehle durch und nahm seinen Skalp. Das Messer ließ er neben ihm liegen. Warum, konnte niemand sagen. Es gab keinen Zeugen und es war ein Tag, an dem er, selten genug, stocknüchtern war. Da es sich bei dem Ermordeten um einen Weißen handelte, waren die Mounties dafür zuständig. Bevor sie eintrafen, um Großvater mitzunehmen, erschoss er sich mit seinem alten Gewehr.

Mein Vater beendete die Schule und versuchte, wie ein Weißer zu leben. Er kehrte in die Reservation zurück, um die Kinder hier zu unterrichten, wie es sein Vater gewollt hatte. Nachdem ihm das von der Reservationsagentur verboten wurde, erkannte er, dass es hier nichts mehr für ihn zu tun gab, zumindest nicht das, wofür er gelernt hatte, wie die einstigen Lehrer immer behaupteten. So ging er zunächst nach Calgary zurück, und als er dort keine Arbeit fand, nach Edmonton. Es war die Zeit, als neben Fort Edmonton mehr und mehr eine Stadt wuchs. Er fand dort Arbeit auf einer Baustelle und heiratete. Wie die anderen Bauarbeiter half er dabei, die Prärie mit Steinhäusern zu bedecken. Als er sich dessen bewusst wurde, begann auch er zu trinken.

Im Rausch redete er oft mit einem Mustang, den nur er in diesem Zustand sah. Manchmal sprach er auch mit einem für uns nicht sichtbaren Wolf. Ich selbst habe nie Whiskey oder Brandy getrunken, weil ich das Zeug nicht brauche, wenn ich die Begegnung mit den Geistern suche. Aber das gelingt nicht jedem, und mancher braucht dazu den Rausch. Die Geistertänzerbewegung mit ihrem ganzen Peyotekult war im Grunde nichts anderes. Nach dem Ende, nach Woundet Knee, tanzt nun jeder für sich allein. Schnaps ist leichter zu beschaffen, als die Peyoteknolle. Manche finden ihre gesuchten Geister dabei, manchen geht es nur um's Vergessen. Mein Vater endete schließlich wie mein Großvater, nur mit dem Unterschied, dass er betrunken im Saskatchewan River ertrank".

Wir saßen noch lange schweigend beieinander. Schließlich rauchten wir jeder noch eine Zigarette. Durch die Fenster des Raumes zeigte sich das Licht des beginnenden Tages. Schließlich erhob sich Joe. Ich blickte mich nach der Frau um. Sie hockte schlafend in der Nähe des Ofens. Auf ihrem entspannten Gesicht tanzten schwach Licht- und Schattenflecken - der Widerschein des erlöschenden Feuers - ein schönes und sanftes Gesicht. Es gab nichts mehr zu sagen. Der Alte hockte völlig abwesend auf seiner Schlafstatt, die Augen dem Licht des Morgens zugewandt. Leise verließen wir das Haus. Im Glas der nahen Wolkenkratzer blendete das Licht der emporsteigenden Sonne. Ich fand mich in der realen Welt wieder, und diese Realität war so unwirklich, wie das soeben Erfahrene. Mir war, als hätte ich geträumt. An der Ecke der 4th Avenue verabschiedete ich mich von Joe. Ich konnte mich jetzt nicht einfach in ein Bett legen und schlafen. So ging ich hinunter zum Saskatchewan River. Neben einem Weidenbaum schlief ein Indianer seinen Rausch aus.

Claudia & Wolfgang Strahl

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