UAMBALI UANAGGI

Vorwort
Drei Geschichten für unvergessene Freunde


Man kann auf zwei grundlegend voneinander zu unterscheidende Arten reisen. Entweder man bucht pauschal - Hotelunterkünfte in bester Lage, landschaftliche wie folkloristische Höhepunkte und bei Bedarf zusätzliche Animation inbegriffen. Oder aber man bestellt lediglich die erforderlichen Tickets, packt das Nötigste in einen Rucksack und lässt sich überraschen, was auf ein East German Greenhorn in der "terra incognita" zukommt.

Als erstes literarisches Resultat entstand die Reflexion des Erlebten wie Erfahrenen auf der Grundlage eines Tagebuches. Bevor ich damit begann, verging ein Jahr. Diese Zeit brauchte es, um das Wesentlichste zu verarbeiten. Was sich mir damals verdeutlichte, war die Tatsache, dass ich unbewusst gesucht und mehr gefunden hatte. Einer meiner diffusen Träume war der Wunsch "echten" Indianern zu begegnen und mit ihnen sprechen zu können.

In Nordamerika, in diesem Fall in Kanada, lassen sich Begegnungen mit Ureinwohnern kaum vermeiden. Mit ihnen in ein substanzielles Gespräch zu kommen, ist eine andere Sache. Als Pauschaltourist wird einem sicher ein nachgestelltes Pow Wow geboten - Touristenattraktion eben, an denen auch die Natives ihren Teil verdienen, abgesehen von den Souvenirshops mit Native art. Ich kann den Punkt einer tiefere Begegnung exakt definieren. Und es hatte anfangs nicht direkt mit Indianern zu tun - nicht mit den heute lebenden. Es passierte, als ich inmitten einer Reservation der Shushwap bei Kamloops/ BC wie ebenso inmitten einer Pferdeherde stand. Es vollzog sich in meinem Bewusstsein. Ich war auf der Suche. Das begriff ich. Am Frühnachmitag hatte ich das kleine Reservationsmuseum am Ufer des Thompson River besucht und eine Menge über die hier lebenden Ureinwohner und deren Geschichte erfahren zumal deren Stammesname außer in den Memoiren von Buffalo Child Long Lance nirgendwo in der einschlägigen Literatur erwähnt wird.

Und nun stand ich am Abend des selben Tages inmitten jener Pferdeherde. Mir wurde bewusst, dass ich auf dem Boden derer stand, deren Zeugnisse eines früheren Lebens ich Stunden zuvor betrachtet hatte. Es war die Magie des Augenblicks, die mich von da an nie wieder verließ und die mein weiteres Leben massiv beeinflusste. Ich hatte unbewusst etwas abgelegt, was mit moderner Zivilisation zu tun hat. Es gibt nur einen wirklichen Aberglauben - den an den Fortschritt.

Es folgten zwei weitere Begegnungen, eine davon sehr intensiv, die andere mehr nebenbei. Mein Sohn bat mich einst, eine Wolfsgeschichte zu schreiben. Erste Gedankengänge mündeten in einem Gedicht. Dann geschah etwas, was ich rational nicht erklären kann. Ich "entkernte" die erlebte Realität einer Nacht in Edmonton und fand zu diesem im Gedicht bereits vorskizzierten Wolf. Ich hatte damit die ausschließliche Betrachtung des Gegenwärtigen, Realen verlassen.

Als nächstes ließ mich die Frage nach den Hintergründen von Rays Träumen keine Ruhe. Ich (er)fand die Geschichte - Ghost Horse - dazu. Es passierte etwas, was jeder gestandene Literat als Humbug abtut: Eine Geschichte ohne Konzept und mit einem Verlauf, von dem ich am Ende selbst überrascht war. Und dann war da noch jener junge Native, der mich vor einem Comic-Antiquariat in Edmonton anbettelte. Ich weiß nicht ob er ein Plains Cree, Blackfeet oder Sioux war. Inzwischen las ich sehr viel zum Thema, hauptsächlich Autoren, die sich allein von ihrer Abstammung her bestens in der Materie auskennen: Tahca Ushte, Black Elk, Mary Crow Dog und Buffalo Child Long Lance. Das grundlegende Problem dessen, was mit der europäischen Invasion auf dem nordamerikanischen Kontinent geschehen war, hatte ich bereits in jener Nacht in Edmonton erkannt. Die Erschütterung aus jenem Erkennen hallt in "Der Wolf" nach, die frei interpretierte Entsprechung meines Empfindens in dieser bewussten Nacht. Am Ende steht "Der Schatten des Adlers", die Geschichte als Resultat der Begegnung mit jenem Jungen am vermeintlichen Ende des Aufenthaltes in Edmonton. Ich wünschte, er hätte diese von mir ihm zugedachte Perspektive.

Ich fühlte mich verpflichtet, diese Geschichten zu schreiben, da ich den Zugang zu ihnen in Träumen fand. Ich verfüge über die Stilmittel - die Geschichten sind etwas anderes, Unerklärbares.


Dresden im September 2003


Unsere Urmutter, die Erde, erinnert sich an jedes ihrer Kinder. Wenn wir uns dessen bewusst sind, kann es geschehen, dass uns das Stück Boden auf dem wir in Ruhe verweilen, an seinem Erinnern teilhaben lässt. Uanaggi - Schatten, Geist und Seelen derer, für die vorzeiten genau dieses Stück Land ein guter Ort war, werden vor den Blick unseres innersten Seins treten und in unserem Bewusstsein ihren Platz finden.

Hetschetu uelo - so ist es!

Claudia & Wolfgang Strahl

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