Der Skorpion

Ein Skorpion trippelte zwischen den unter den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne orange aufleuchtenden Steinen so gut es ging geradeaus. Ein Morgen in der Wüste. Noch vor wenigen Augenblicken war es bitterkalt gewesen. Bald würde die höher steigende Sonne den Tag mit ihrer Gluthitze anfüllen. Nun krabbelte der Skorpion über die Zehen eines Mannes, der auf einem der vielen Steine hockte und den Kopf in die Hände gestützt hielt. Er sah den Skorpion und wusste, dass von ihm keine Gefahr ausging. Den zweiten Tag und eine Nacht war der Mann in der Wüste allein. Er suchte die Medidation, suchte die physischen Qualen, die völlige Verleugnung des Körpers und die Reinigung seines Geistes. Er hoffte, endlich eine Botschaft von dem zu empfangen, in dessen Sendung er zu predigen und zu handeln glaubte. War die Gewißheit seines Sendungsbewusstseins nicht einfach ein sich Hineinsteigern in die eigene, ganz subjektive Interpretation der göttlichen Botschaft? Sein eigener Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit - stand er nicht im Widerspruch zu den biblischen Interpretationen der Priester? Kam der Auftrag, dem er folgte, wirklich von Gott dem Vater oder lediglich aus sich selbst heraus? Aber wieso eigentlich ein väterlicher Gott? Konnte es nicht eher eine Mutter sein? Das Mütterliche ist es doch, was das Leben gebärt.
Die Sonne war merklich höher gestiegen und brannte auf den einsamen Mann herab. Irgendwo zwischen den Felsen schrie ein ebenso einsamer Falke, das einzige Geräusch in der sich mehr und mehr entwickelnden Hitze. Unter dieser gnadenlos weißblau leuchtenden Glocke des Himmels kämpfte ein Mensch mit sich selbst, seinem Willen und den Zweifeln, rang um die Reinheit seines Denkens. Insgesamt vier Botschaften über einen frühen Tod durch sein eigenes Volk hatte er deuten können, und - warum gerade diese Verheißung?
Dreißig Jahre war er nun alt. Bereits als Zwölfjähriger hatte er die Machenschaften der Priester und Schriftgelehrten durchschaut; Menschen die den Vorteil ihres Wissens nutzten, um die Masse der unwissenden Mitmenschen auszunutzen und in Furcht vor einem gnadenlosen, strafenden Gott der Juden zu halten. Als er das erkannt hatte, ergriff er als Kind in der Synagoge das Wort und teilte den Anwesenden in einer geschliffenen Rede mit, was die Aufgabe eines Priesters vornehmlich sei: nämlich Gott zu dienen und nicht Menschen zu manipulieren. Das war nicht gerade das, was die autorisierten Verkünder des Gotteswortes hören wollten. Die Menge der zum Gebet Gekommenen war freudig erstaunt. Ein Kind, das ihnen aus der Seele sprach. Nach anfänglichen Irritationen besänftigten sich die anwesenden Priester, indem sie auf die Unwissenheit eines Kindes verwiesen. Dennoch hatten sie selbst erstaunt den klaren und leidenschaftlichen Worten dieses außerordentlichen Kindes gelauscht. Man würde es im Auge behalten müssen. Den Jungen selbst hatte die verhaltene und dennoch deutlich spürbare Begeisterung der Gläubigen in jener Synagoge stark beeindruckt. Was ihn selbst vor allem erstaunte, war die Tatsache, dass er überhaupt nicht die Absicht gehabt hatte, zu den Gläubigen zu sprechen. Er hatte verkündet, was plötzlich in ihn geflossen war. Damals wurde ihm erstmals die Kraft seiner Seele und seines Geistes bewusst.
Bald erkannte er, dass er in der Lage war, Menschen zu beeinflussen und zu begeistern. Er verstand die Gefühle seines Volkes, konnte sich mühelos in die Nöte seiner Mitmenschen hineinversetzen - stammte er doch selbst aus den gleichen, ärmlichen Vehältnissen. Das Leid dieser Menschen, die täglichen Sorgen der Masse des Volkes waren ihm nur zu sehr vertraut. Die römische Besetzung Judäas stellte noch das kleinste Übel dar. Diese Besatzungsmacht störte lediglich die Reichen, weil diese nun reichlich Abgaben an die Römer zu entrichten hatten. Dennoch kooperierten sie mit den Römern in wiederlichster, liebedienerischer Art und Weise. Den Teil ihrer Abgaben holten sie sich ohnehin vom Volk wieder. Macht im Schatten einer noch größeren Macht - welch besseren Schutz für einen Schurken kann es geben?
Unbarmherzig brannte die Sonne. Die Konturen der nahen Felsen verschwammen in der zitternden Luft. Kein Laut drang zu ihm, der sich in den Schatten eines großen Felsblockes gehockt hatte. Flecken kristallisierten Schweißes bildeten sich auf seinem Gesicht. Die Zunge klebte angeschwollen im Mund. Selbst der wenige Speichel, um die aufgesprungenen Lippen zu befeuchten, fehlte. Der Mann war in einen Halbwachzustand gefallen. Erinnerungen, Bilder aus seiner Kindheit, das Gesicht seiner Mutter Miriam und die Gestalt seines Vaters Youssef tauchten immer und immer wieder auf. Sein Denken war der reinen Wahrnehmung gewichen, und selbst die Wahrnehmung hatte sich getrübt, vermischte sich mit den wunderlichsten Eingebungen und Erscheinungen.
Irgendwann bemerkte er, daß der Skorpion ruhig und nicht weit von ihm ebenfalls im schmalen Schatten desselben Steines ruhte. Das Insekt erschien dem Mann ungewöhnlich groß. Es erinnerte ihn an einen der gepanzerten römischen Soldaten, der gefährliche Stachel am Schwanzende einer römischen Lanze gleich, immer bereit, zuzustechen. Hunger verspürte er nicht, nur ein kaum noch zu kontrollierendes Verlangen nach Wasser. 'Wie kostbar doch das reine Wasser ist' dachte er. 'Viel kostbarer als der teuerste Wein, wenn du das Wasser nicht hast' Ihm war es bei einer Hochzeit gelungen, den Gästen deutlich zu machen, wie köstlich doch dieses von der Natur geschaffene Getränk eigentlich ist. Sie hatten am Ende wirklich geglaubt, statt Wasser Wein zu trinken. Sie waren auf Wein fixiert, weil Wein eben zu einer Hochzeit gehört, und am Ende erkannten sie das reine Quellwasser als das, was sie wünschten. Ähnlich hatte es sich mit etlichen seiner Wunder verhalten. Wie leicht zu beeinflussen waren sie doch, diese einfachen und auf Erlösung von ihrer täglichen Mühsal hoffenden Menschen, bereit, als Wunder anzuerkennen, was sie mit der Hilfe eines Wissenden in sich selbst bewältigen konnten. Die Priester verübelten ihm, dass er sich selbst als Sohn Gottes bezeichnete. Was war daran verwerflich? Waren doch alle Lebewesen Kinder einer göttliche Schöpfung. Die gelebte Konsequenz oder Nichtkonsequenz aus dieser Einsicht machte den Unterschied.
Die Sonne begann sich zu neigen. Ein erster kühlender Hauch strich über die ausgebrannte Erde, die Steine und felsigen Berge. Der Skorpion hatte sich wieder, sicher nach einer Mahlzeit, aufgemacht. Der Durst war nicht mehr ganz so brennend. Selbst in den Körper war Lethargie eingekehrt, so als hätte er sein Aufbegehren gegen den Wassermangel fast aufgegeben. Als die Sonne endgültig hinter den Bergen verschwunden war, setzte unvermittelt die Nachtkälte ein. Der Einsame grub mit den Händen ein Loch und spannte ein Tuch darüber. So würde er am Morgen einige wenige Tropfen Wasser vorfinden, genug um die von aufgerissenem Schorf bedeckten Lippen zu befeuchten. Schließlich rollte er sich hinter seinem Stein zum Schlafen zusammen. 'Warum', dachte er, 'tue ich mir das an. Ist die Erkenntnis, die ich vielleicht aus all dem gewinne, nur wichtig für mich, oder kann ich den Menschen wirklich helfen, wenn sie mich am Ende doch tot sehen wollen?' Bald fiel er in einen unruhigen Schlaf. Wirre Träume schreckten ihn von Zeit zu Zeit auf. Dann träumte er von Miriam, Miriam von Magdala, von der er wusste, dass sie ihn mit der ganzen Leidenschaft eines Weibes liebte. In dieser Nacht hielt er sie in seinen Armen und es war ihm, als sei er wieder ein Kind in den Armen seiner Mutter. Der Schutz dieses Traumes, der nie seine Erfüllung finden würde und konnte, ließ ihn ruhig bis zum Sonnenaufgang schlafen.

Der neue Tag war die reine Hölle. Noch wusste er nicht, wenn er den Tag überhaupt überleben sollte, ob ihm heute die entscheidende Erleuchtung kommen würde. Im Grunde glaubte er fast nicht mehr daran. Nahezu alle körperlichen und seelichen Empfindungen begannen sich von ihm zu lösen. Der Skorpion war nicht in den Schatten des Steines zurückgekehrt. Warum interessierte ihn das eigentlich? Doch, das Tier hatte ihm bisher, wenn auch nicht durchgehend, Gesellschaft geleistet. Im spärlichen Schatten eines anderen Steines döste eine Viper vor sich hin. Das alles nahm er völlig apathisch zur Kenntnis. Ungefähr um die Mittagszeit, als die heiße Luft in Schlieren selbst noch in mehreren Metern Höhe über dem Wüstenboden jegliche Konturen auflöste, nahm er in unbestimmbarer Entfernung eine Gestalt wahr, die sich auf ihn zubewegte. Anfangs erschien ihm diese Gestalt riesig, bald wurde sie wieder kleiner, und nach einer ganzen Weile erkannte er einen Mann in einem dunkelblauen Gewand. Den Kopf verhüllte bis auf die obere Hälfte des Gesichtes ein Tuch, welches durch einen schlichten dreifachen, gedrehten Lederreif gehalten wurde. Der Fremde blieb vor ihm stehen.
"Du bist also dieser Yeshua von Nazareth, habe ich dich endlich gefunden. Deine Männer oder auch Jünger, wie sie sich bezeichnen, wollten mir nicht verraten, wo genau du bist. Irgendwo in der Wüste, sagten sie".
"Wer bist du, und was willst du von mir?"
"Gut, wer ich bin, sage ich dir gleich. Man nennt mich Nursis, den Ägypter. Was ich von dir will, ist nicht so schnell erklärt. Ich wünschte, wir hätten ein angenehmeres Plätzchen zum Plaudern, aber andererseits ist dieser Ort auch nicht schlecht".
"Dann sprich, oder denkst du, ich halte mich zum Vergnügen hier auf? Auf Gesellschaft war und bin ich nicht vorbereitet. Aber da du nun einmal da bist, sollst du nicht umsonst die Mühen einer weiten Wanderung durch diese heiße Wüste auf dich genommen haben, wenn es anscheinend so wichtig ist, was du mir mitzuteilen hast".
"Fangen wir an. Ich weiß nur nicht so recht, wie ich beginnen soll, ohne missverstanden zu werden. Also gut, ein Handelsreisender berichtete vor einiger Zeit von dir und von den Wundern, die du mit Hilfe deines Gottes an den Menschen vollbringst. Er schilderte dich als einen Mann, der Großes vollbringt und zu noch Größerem berufen sein könnte und sollte".
"Halt, dieser Mann hat dir die Unwahrheit berichtet. Es sind nicht meine Wunder, die ich vollbringe. Es sind die Wunder, die die Menschen mit der Kraft des Glaubens an sich selbst vollbringen".
"Das mag sein. Du hast allerdings, und du wirst es nicht abstreiten können, die Kraft und das geheime Wissen, Menschen dafür zu öffnen, dass sie die Kräfte des Glaubens an sich erfahren".
"Bist du diesen beschwerlichen Weg nur deshalb gekommen, um mir das zu sagen?"
"Nein, wenn ich ganz ehrlich sein soll, deshalb allein nicht. Du hast mich auf etwas gebracht. Ich dachte mehr daran, dich zu überzeugen, wie du diese, deine besonderen Gaben besser einsetzen könntest. Sieh dich an. So wie du herumläufst repräsentierst du die unterste Stufe der Gesellschaft. Dich ärgert die Macht der Unwürdigen, und dabei könntest du daran leicht etwas ändern. Du verfügst über Gaben, wie sie selten einem Sterblichen mit auf den Weg gegeben wurden. Du nutzt sie nicht. Stattdessen predigst du zu der Masse, die mit deinem Geist nicht allzuviel anzufangen weiß. Du stiftest indirekt damit Unruhe, wirst den Priestern und sonstigen Machthabern suspekt, eine unkalkulierbare Größe, und eines schönen Tages werden sie dich steinigen oder durch die Römer an ein Kreuz hängen lassen. Diejenigen, zu deren Anwalt du dich berufen fühlst, werden dazu schweigen, wenn sie nicht gar deinen Tod bejubeln. Glaube mir, der Priesterschaft wird schon etwas einfallen, wie sie dich beim Volk als einen versponnenen Störenfried überzeugend darstellt. Und warum? Wer die weltliche Macht inne hat, dem steht auch die Macht der Überzeugung - und sei es mit Gewalt - zur Verfügung".
"Was willst du; hat dir dein Reisender so wenig über mich erzählt. Macht ist nicht der Anspruch, den ich erhebe. Dienen ist mir wichtiger. Dienen ist ein wesentlicher Bestandteil der Liebe. Dass ich durch Menschen sterben werde, weiß ich bereits. Ich verachte sie deswegen nicht. Ideale sind in dieser Gesellschaft so rar geworden, dass sie nicht mehr verstanden werden. Menschen mit reinen Idealen erkennt man auch nicht mehr. Sie haben Angst davor, diese öffentlich zu bekennen, weil ihnen die Kraft fehlt, ihr gutes Wollen in vermeintliche Wunder umzusetzen, so wie ich es ausnahmsweise vermag. Sich der Lächerlichkeit preiszugeben, ist schlimmer als der Tod".
"Komm mit mir, Iesus von Nazareth, ich will dir etwas zeigen. Du kriechst hier unten wie ein Wurm auf dem Boden. Betrachte die Dinge einmal aus größerer Höhe. Vielleicht denkst du anders darüber, wenn die Welt zu deinen Füßen liegt. Steigen wir auf diesen Berg dort".
Schweigend begannen die beiden Männer den Aufstieg in der sengenden Nachmittagshitze. Anfangs war es fast unerträglich. Nursis der Ägypter stieg mit einer erstaunlichen Leichtigkeit voran. Kein Wunder, er war ja auch nicht wie Yeshua den dritten Tag allein ohne Wasser und Brot in der Wüste. Je höher sie kamen, um so leichter wurde das Steigen. Die Sonne brannte nach wie vor, aber hier oben linderte ein kühlender Wind die Beschwerden dieses der Sonne gnadenlosen Ausgesetztseins. Schließlich erreichten sie den Gipfel.
"Sieh dich um", begann Nursis wieder. "Siehst du, wie klein und unbedeutend alles ist. Und kannst du dir vorstellen, wie erst ein Gott aus der Höhe seine Schöpfung betrachtet. Am Ende muss er doch daran verzweifeln, dass die Menschen, sein Meisterwerk, schon aus dieser Höhe betrachtet, höchstens Flöhen oder Läusen gleichen. Wie sollte er an dieser, seiner Schöpfung festhalten".
"Gott schaut nicht auf uns herab, sondern er ist mitten unter uns".
"Ja, wo denn, bei den Römern vielleicht, bei den Reichen, den Pharisäern, den Priestern, die das Volk eher verdummen, anstatt ihm zu helfen? Glaubst du nicht, dass du dazu auserwählt sein könntest, diesen erbärmlichen Zustand zu ändern? Allerding brauchst du dazu auch die weltliche Macht. Die Kraft der unzuverlässigen Überzeugung reicht nicht aus. Selbst wenn du den Menschen neue, bessere Glaubensinhalte nahebringst, sie werden nur die Stellen begreifen, die ihre leibliche Not lindert. Oder wie willst du es sonst anstellen? Du wirst die Wohlhabenden nicht dazu überreden können, freiwillig von ihrem Reichtum abzugeben. Das Prinzip der freiwilligen Nächstenliebe wird nie greifen. Noch ist sich jeder selbst der Nächste und wird es immer sein, es sei denn, du erringst die weltliche Macht und zwingst die Menschen, das zu tun, wovon du glaubst, dass es ihnen zum Heil gereicht, zumal du ein Nachkomme König Davids bist".
"Ich benutze meinen Glauben und meine Überzeugung nicht, um Macht zu erringen, auch wenn ich aus dem Haus Davids stamme. David war ein anderer Mensch als ich. Das, wovon ich glaube, dass es für die Menschen gut und richtig wäre, kann ich nicht für alle gleichermaßen zum Gesetz erheben. Gerade in der Freiwilligkeit der Überzeugung, anders zu leben und zu handeln als bisher, besteht der Gewinn. Keine Heilslehre ist so vollkommen, dass sie, einmal zum Gesetz erhoben, niemandem schadet und wären es nur einige wenige, die darunter leiden. Sicher, für manche gelte ich als ein in meine Überzeugung hoffnungslos vernarrter Irrer. Ich kann damit leben. Ich kann aber nicht mit dem Gedanken leben, dass ich als Mächtiger meine Vorstellungen von einer besseren Welt auf alle, am Ende mit Gewalt, übertragen kann. Schon die Tatsache, dass Judäa von den Römern besetzt gehalten wird, deren Götterglaube und Vorstellungen von einer ihnen gemäßen Gesellschaft und vor allem dem unbedingten Festhalten daran, würde zu einem beispiellosen Blutvergießen führen".
"Du bist ein Schwächling, und da ich das weiß, habe ich dich aufgesucht. Dein brillanter Geist, der Wunderglaube eines Volkes an dich und meine Kenntnis der Machtmechanismen würden uns gemeinsam unbesiegbar machen. Alles hier unter dir, so weit dein Auge reicht und noch weiter, wäre unser. Glaubst du, dass sich auch nur ein wenig ausschließlich durch das Predigen deiner Ideale ändert? Wie lange gibt es schon die zehn Gebote und wer hält sich daran?. Macht schafft ihre eigenen Gesetze, mit oder ohne Gott. Und wenn (mit Gott) die auf der Erde von Gottes Gnaden eingesetzten Mächtigen festlegen, dass eines oder mehrere dieser Gebote zum Wohl und Schutz der reinen Lehre außer Kraft zu setzen wären, dann ist selbst Töten vor dem Herrn gesegnet. Du kannst für dich und deine Zeit deine Ideale nutzen, indem du sie mit der Macht verbindest. Sterben wirst du so oder so. Aber wie du in deiner Zeit, ausgestattet mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, lebst und das Beste für dich daraus machst - das wäre doch zu überlegen. Gib dir einen Ruck und schlag ein, oder willst du unbedingt sterben?"
"Ich sterbe, wenn es sein muss, für meine Ideale, Mächtige hingegen lassen für ihre Ziele andere sterben".
"Du bist ein Narr. Es ist zum Verzweifeln. Da schenkt mir der Zufall einen Auserwählten und dieser nimmt seine Erwählung nicht an. Ich mach' dir einen Vorschlag. Bevor du vielleicht qualvoll am Kreuz stirbst, und ich denke, es wird das Kreuz sein, weil sich deine Widersacher nicht gern selbst die Hände schmutzig machen, dann springe doch gleich über die Felswand. Das wäre übrigens ein gutes Orakel. Ist dein Tod nicht vorbestimmt, wird dich dein Gott durch einen seiner Engel gewiss auffangen ..."
"Genug, hast du meine Worte nicht gehört, habe ich mich so undeutlich ausgedrückt? Du wirst mich nicht für deine Ziele gewinnen. Geh' jetzt, und lass mich allein!"
"Du willst also deinen Weg bis zu einem für dich erfolglosen Ende gehen. Ich kenne deine Ideen, deine Vorstellungen, doch überlege: Eine Welt in Nächstenliebe, Gehorsam und Demut, dem Volk als seligmachendes Ideal angepriesen, mit dem Paradies als Entschädigung für irdisches Leiden - ich finde es unglaublich, dass du dir die Macht darüber entgehen lässt. Niemand wird auf die Idee kommen, aufzubegehren. Sie werden es als gerecht empfinden, ob du sie strafst oder von ihrem Besitz nimmst. Sie werden dir noch den anderen Teil dazu geben, weil sie sich sündig fühlen. Menschen sind leicht zu handhaben, wenn sie ständig an ihr schlechtes Gewissen erinnert werden. Noch bist du für sie der strahlende Held, der Messias, und der kannst du noch lange bleiben. Ich kann es nicht fassen. König der Juden - einen jämmerlichen König gibst du ab. So einem Trottel habe ich meine Zeit geopfert. Es ist sowieso trocken hier, und ich Esel verbrauche meinen letzten Speichel, um einen Toren zum Erfolg zu verhelfen. Eines aber sage ich dir: Wenn du nicht mehr bist, werde ich deine Ideen aufgreifen. Mit meinen Vorstellungen werde ich für Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, die Mächtigen leiten, wie es bisher niemand für möglich hielt". Damit begann der Ägypter vor sich hinschimpfend abzusteigen. Yeshua blieb noch einige Zeit auf dem Gipfel. Die Sonne senkte sich bereits zum Horizont. Die Schatten der Felsen wurden länger, und der Wind wehte merklich kühler. Schließlich stieg auch er abwärts.

Am Fuße des Berges lief ihm der Skorpion über den Weg.

Am darauffolgenden Morgen war er wieder unter seinen Begleitern. Schweigend nahm er ihre Begrüßung entgegen. Er bemerkte die unausgesprochenen Fragen in ihren Blicken. Was hätte er ihnen erzählen sollen? Von einer Begegnung mit Nursis dem Ägypter vielleicht, die, so war er sich inzwischen fast sicher, vielleicht nie stattgefunden hatte? Wie auch immer, ob nun Nursis oder die Entdeckung der dunklen Seite seiner selbst - er war der Versuchung nicht erlegen. Nachdenklich betrachtete er seine Jünger. 'Eines aber sage ich dir: Wenn du nicht mehr bist...'. Er kämpfte gegen die in ihm aufsteigende Verzweiflung an. Wie hätte er in diesem Kreis das Bewusstwerden seiner Einsamkeit offenbaren können? Schließlich wusch er sich gründlich und legte frische Kleidung an.

Wolfgang Strahl