Die Hexenschule

Kapitel
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Kapitel 8
Eine unangenehme und eine angenehme Erfahrung


Als Cindy von der Beltainefeier nach Hause kam, war es etwa halb vier in der Nacht. Die Mutter war wach und hatte sich Sorgen gemacht. Voller Wut riss sie Cindy das Amulett vom Hals und schimpfte, was sie sich dabei denke.
"Aber Mutti", versuchte Cindy gegenzusteuern, "ich habe dir doch gesagt, dass wir in Seeroda feiern. Und irgendwie müssen wir ja von dort zurückkommen. Ein Zug fährt um diese Zeit nicht mehr, also musste ich auf die anderen warten, die mit dem Auto fahren und mich mitnehmen konnten."
Aber alle Erklärungen halfen nichts, ihre Mutter war dem Mädchen böse und so hatte Beltaine für Cindy noch einen weiteren negativen Beigeschmack bekommen. Das musste Cindy irgendwie verarbeiten und schrieb am nächsten Tag wieder etwas in das Internet-Forum des Covens.
Sie begann damit, dass doch der Coven irgendetwas falsch gemacht haben müsse, wenn die Götter so massiv dafür gesorgt hätten, dass so einiges schief ging. Und nun fing sie an aufzuzählen, was ihr Negatives begegnet war - beginnend von dem unpünktlichen Erscheinen der meisten, über den teureren Grill, den Ärger mit Gabi wegen ihrer mangelnden Fahrpraxis, dem Streit über die fehlenden Festtagskleider, die Irrfahrt nach Seeroda und endend mit dem Schimpfen ihrer Mutter in der Nacht. Und da Cindy befürchtete, dass es bei einem weiteren Treffen in Seeroda wieder so spät würde und der nächste Ärger vorprogrammiert wäre, zog sie eine Schlussfolgerung, die nicht ganz uneigennützig war:
"Vielleicht liegt es am falschen Ort der Feier und wir sollten vielleicht in Steinbach eine passende Stelle finden." schrieb sie. Die Reaktionen waren wieder einmal völlig anders, als Cindy sie erwartet hatte. Fast einstimmig äußerten sich die anderen Coven-Mitglieder, dass es doch eine tolle Feier gewesen wäre und keiner es so negativ empfunden hätte, wie sie. Sogar Gabi, die ja an diesem Tag so nah am Wasser gebaut hatte, behauptete, einen wunderbaren Tag erlebt zu haben. Was war nur mit dieser Gruppe los? Irgendetwas stimmte da nicht. Oder, so überlegte Cindy, sie selber hatte irgendetwas nicht richtig begriffen. Aber was? Sie wollte die nächsten Ereignisse abwarten und sich darüber weiter Gedanken machen, wenn sie klarer sehen würde.

Das nächste Coven-Treffen sollte zum Thema "Element Wasser" stattfinden. Es war an einem Samstag geplant, an dem Familie Sumpfmann aber die Großeltern in Berlin besuchen wollte. Und so versuchte Cindy, zu organisieren, dass der Termin um einen Tag vorverlegt würde. Einen nach dem anderen erreichte sie und eigentlich hatten alle auch am Freitag Zeit. Nur der Kontakt zu einer ganz Neuen, die das erste Mal teilnehmen wollte, war nicht zustande gekommen. Da Cindy gehört hatte, Sylvia würde diese Laura kennen, fragte sie noch einmal nach einer Kontaktmöglichkeit.
"Die Telefonnummer weiß ich", erläuterte Sylvia, "aber ich gebe sie dir trotzdem nicht, weil ich nicht weiß, ob Laura das möchte."
Na, das schlug dem Fass ja den Boden aus! Nicht nur, dass Cindy nun der Weg zur endgültigen Klärung der Terminverschiebung verbaut war. Nein, nun bekam sie wiederum fehlendes Vertrauen demonstriert. Hatte sie irgendwann die Gruppe enttäuscht? Cindy überlegte und kam zu dem Schluss: Nein! Es ging anscheinend um etwas ganz anderes. Sylvia war nach ihr zur Gruppe gestoßen, aber sie war versierter im Umgang mit Magie. Sylvia hatte innerhalb des ganzen Landes Kontakte zu anderen Coven und lockeren Hexenvereinigungen und fühlte sich als etwas Besseres. Und vor allem ging es ihr um Macht. Es war ihr gelungen, die Susan einzuwickeln, aber zu Cindy hatte sie keinen Zugang gesucht. Wahrscheinlich war das Mädchen in Sylvias Augen zu unbedarft und unwichtig. Und weil sie das so sah, meinte sie, Cindy müsse erst einmal lernen, sich unterzuordnen.
Aber das war nicht nach Cindys Natur. Einordnen in ein Team, wo eine Neue sofort den anderen gleichberechtigt angesehen wurde, das lag ihr. Aber nicht das Unterordnen unter eine "Hohepriesterin", die das Sagen hatte. Und wenn es Sylvia gelang, die Susan zu so einer "Hohepriesterin" umzuformen, dann hatte Cindy wenig Lust, weiter zu machen. Wie war es Sylvia nur gelungen, die Situation so zu ändern? Cindy dachte mit Traurigkeit an die ersten Male auf dem Mondberg, als sie noch voller Begeisterung war. Das war jetzt irgendwie verflogen. Erst einmal sagte Cindy die Teilnahme am Treffen ab, indem sie Susan eine Mail schrieb. Cindy verwies noch darauf, dass sie den "Unterrichtsstoff" mit Gabi nachholen könne, die das sicher gerne machen würde, und meinte, es wäre damit alles -wie man so schön sagt- "in Butter".

Nein, weit gefehlt! Im Internetforum des Covens wurde extra ein Thread geschaffen, in welchem nun jeder anfing, das Mädchen madig zu machen. Cindy versuchte sich, zu rechtfertigen, schrieb, wie sie sich das Leben in einem Coven vorstellen würde und dass sie es am Anfang so empfunden hätte, als wär das Leben in diesem Coven so. Cindy schrieb von "Vollkommener Liebe und vollkommenen Vertrauen" und dass man sich doch vorgenommen hatte dies zu erreichen. Sie schrieb von Achtung als gleichberechtigtes Coven-Mitglied, die doch wohn selbstverständlich sein müsste - aber ihre Meinung wurde nicht akzeptiert. Man schimpfte:
"Wenn dir der Coven nichts wert ist, dann solltest du nicht solche Ansprüche an den Coven stellen!",
"Ich bin sauer, weil du die Gruppe im Stich lässt!",
"Man muss sich vollkommene Liebe und vollkommenes Vertrauen auch bei uns erst erarbeiten. Was meinst du, warum es in der Regel ein Jahr und einen Tag dauert, ehe man vollwertiges Coven-Mitglied ist?"
"Achtung bekommt man nicht geschenkt, die muss man sich verdienen!" oder
"Willst du, dass wir dich alle bedauern, wenn du in Selbstmitleid versinkst?"
Cindy hatte den Eindruck, die anderen würden an ihr vorbei reden und sie an den anderen. Anscheinend begriff niemand ihr Gefühl und auch Cindy konnte nicht begreifen, was die anderen von ihr wollten. Und so warf sie das symbolische Handtuch indem sie abschließend schrieb:
"Was sagt dieser ganze Thread aus? Welchen Status-Quo verdeutlicht er? Meiner Meinung nach folgenden: Wir haben ein falsches Bild voneinander gehabt. Ich von Euch und Ihr von mir. Wir waren einer Täuschung erlegen und sind jetzt ent-täuscht. Ihr offensichtlich mehr von mir, als ich von euch. Aber ist egal - ich betrachte mich jedenfalls ab sofort nicht mehr als zu Euch gehörig!"

Hinterher war ihr wohler. Cindy hatte das getan, was ihr unbewusst schon einige Zeit als notwendig erschienen war. Seit Sylvias Erscheinen war eines deutlich geworden: Cindy hatte sich getäuscht in ihrer Vorstellung darüber, was die anderen vorhatten. Nicht eine Gemeinschaft von ähnlich Glaubenden, in der man sich wohl fühlen konnte, war das Ziel gewesen - das hatte sich Cindy nur eingebildet. Was die anderen wollten war…; ja was eigentlich? Sollte auch egal sein. Sie würde niemals wieder nachfragen, niemals wieder zu einem Treffen gehen und auch die Homepage des Covens nicht mehr anklicken. Es gab noch andere Foren, wo sie als Heidin ebenso anerkannt wurde und über ihren Glauben schreiben konnte. In einem, welches die germanische Weltenesche Yggdrasil in seinem Namen führte, fühlte sie sich bald besonders wohl.

Es verging ein Jahr und die Abiturprüfungen erforderten Cindys gesamte Aufmerksamkeit. Wochenlang büffelte sie in ihrer Freizeit. Nur um dann einen Notendurchschnitt von 1,7 zu erreichen. Die Eltern freuten sich zwar, dass eine Eins vor dem Komma stand, aber Cindy war es nicht genug. Zum einen war sie nicht mit bei besten Gymnasiasten mit einem Durchschnitt von 1,5 und besser, die beim Abi-Ball vor den anderen Schülern aufgerufen wurden. Zum anderen verfehlte sie damit haarscharf den Numerus Clausus von dem Studium, das sie am liebsten machen wollte: Psychologie. Die Jungs aus ihrem Kurs, die ebenfalls Psychologen werden wollten, konnten ihren Zivildienst noch dazwischenlegen, bis sie in der Warteliste der Universitäten nachrücken würden. Aber sie? Ein ganzes Jahr sinnlos warten?
Eines Abends, als sie wieder darüber nachgrübelte und tief in Gedanken versunken durch Steinbachs Straßen schlenderte, quietschten plötzlich Autoreifen und irgendwas riss sie nach hinten.
"Mensch, Mädel, bist du lebensmüde?" fragte sie der junge Mann, der Cindy gerade noch rechtzeitig davor bewahrt hatte, unter die Räder des Porsches zu kommen, dessen Herannahen das Mädchen wohl überhört hatte. Er war schlank und muskulös. Die zerrissenen Jeans, die er trug, fand Cindy zwar nicht so toll, aber seine freundlichen grünen Augen und das bräunliche Haar, was in langen Locken über seine Schulter wallte. Über das T-Shirt mit Bushs Konterfei und dem Kommentar "It's not my president!" musste sie sogar lachen.
"Ja, offensichtlich bist du lebensmüde", kommentierte der Junge für sich selbst, "wenn du das sogar noch zum lachen findest."
"Nein, mein Lebensretter", meinte Cindy etwas gestelzt, "eigentlich bin ich nicht lebensmüde, hab nur ein bisschen geträumt. Aber wenn du mir deinen Namen verrätst, könnte ich dich unter Umständen zu einem Bierchen einladen. Als Dank für die Rettung sozusagen."
"Na, da sag ich nicht nein! Ich bin übrigens der Martin - und das ‚difranco' ist nicht weit, da ist es nicht so teuer."
"O.k., dann lass uns dahin gehen!" entgegnete Cindy. Eigentlich war sie über sich selber überrascht, denn so schnelle Annäherungen waren sonst nicht ihr Ding. Aber innerlich sagte sie sich: ‚der Kerl ist doch sooo süß'! Und so hielt sie ihr ungewöhnliches Auftreten für gerechtfertigt.
Das "difranco" entpuppte sich als ziemlich verräucherte Studentenkneipe, in der man seine Getränke selbst am Tresen holen musste. Aber das Thunfischomelett, was die beiden außer 3 Glas Bier noch zu sich nahmen, war sehr schmackhaft. Und so blieb sie noch ein Weilchen und schwatzte mit Martin über dies und das. Als erstes stellte sie fest, dass er ebenfalls gerade sein Abitur gemacht hatte, allerdings mit 2,6. Auch Martin wollte Psychologie studieren, hatte dieses Projekt aber fallen lassen, da mit seinem Notendurchschnitt eine Wartezeit von zehn Jahren normal gewesen wäre. Auch mit der Alternative, der Sozialpädagogik sah es nicht allzu viel besser aus. Es gab also noch andere Leute, denen es ähnlich ging wie Cindy. Das Mädchen wunderte sich darüber, dass diese Situation Martin so unberührt ließ. Kein Grübeln trotz fehlender machbarer Zukunftsträume. Martin lebte anscheinend glücklich in den Tag hinein. Dafür bewunderte sie ihn. Wie in Gedanken streichelte Cindy seinen Arm. Martin lächelte und an ihrem Blick sah er, dass Cindy seine letzten Sätze wohl nicht wahrgenommen hatte. Er legte seinen Arm um ihre Schulter und rückte etwas näher an sie heran. Cindy tanzten die Schmetterlinge im Bauch und die beiden begannen sich zärtlich zu küssen. Es wurde der schönste Abend, den Cindy je erlebt hatte. Martin brachte das Mädchen noch bis vor die Haustüre und das junge Paar versprach, sich recht bald wieder zu sehen.

Am nächsten Morgen wachte Cindy mit einem ganz anderen Gefühl auf. Alle Schwermut war verschwunden, sie hatte Martins Gesicht vor ihren geistigen Augen und meinte, Bäume ausreißen zu können. Seit langer Zeit setzte sie sich noch dem Frühstück wieder einmal an den Computer und sah auf der Yggdrasil-Homepage nach, ob es etwas Neues gab. Erst vor einer halben Stunde hatte jemand eine persönliche Nachricht an Cindy gesendet. Eine Jenny fragte an, ob Cindy, die doch "schon so lange in diesem Forum angemeldet" sei, nicht etwas mehr über die keltische Religion wüsste. Sofort schrieb Cindy zurück und gab einen kleinen Überblick über die Geschichte und Gegenwart der Kelten, sowie das was sie an heidnischem Glauben für wichtig hielt.
Dann inspizierte sie Kühl- und Vorratsschrank auf zu besorgende Vorräte und schrieb ihrer Mutter einen Zettel, dass sie einkaufen sei. Vor der großen Einkaufsmeile angelangt, sah sie auf einer Bank Žanetta sitzen. Die alte Frau lächelte freundlich und winkte Cindy heran. Das Mädchen vergaß bei Žanettas Anblick, was der Coven ihr angetan hatte, drückte die Greisin und setzte sich auf die Bank neben sie. Žanetta berichtete, dass es auch ihr im Coven nicht mehr gefallen würde.
"Die jungen Leute dort hat irgendein Dämon befallen", berichtete sie, "und ich verstehe nicht mehr, was sie vorhaben. Jedenfalls gehe ich nicht mehr dort hin."
Nun berichtete Cindy, wie es ihr seither ergangen war und bevor Cindy nun wirklich einkaufen ging, lud sie Žanetta noch zu sich nach Hause ein.
Mit zwei schweren Beuteln bepackt traf Cindy zu Hause ein und erntete erst einmal ein großes Lob von ihrer Mutter.
"Ja, Mutti, ich fange jetzt ein neues Leben an!" verkündete das Mädchen. Ramona runzelte die Stirn zwar etwas ungläubig, klopfte ihrer Tochter aber anerkennend auf die Schulter und forderte sie auf:
"Tu das!"
Wie zum Beweis, dass sie es ernst meinte, fing Cindy auch sofort an, ihr Zimmer aufzuräumen. Sie bündelte ihre Schulsachen und sah allerlei Aufzeichnungen durch, die wild auf ihrem Schreibtisch herum lagen. Einen dieser Zettel sah sie etwas genauer an. Er stammte aus den Anfangszeiten bei Susan Zimmermann und Cindy hatte sich dort notiert, welche Prophezeiungen die Götter ihr in dem Immrama gemacht hatten:
Beau Naomha "Du wirst dem Tod nahe sein, doch ihn überwinden!"
Creiddyladh "Du wirst lieben und geliebt werden!"
Turrean "Viele werden dich achten und dir vertrauen!"
Uairebhuidhe "Du bist geboren, um zu führen."
Als sie das las, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Es konnte kein Zufall sein: Erst der Porsche, der sie beinahe überfahren hatte. Dann Martin, in den sie sich verliebt hatte. Dann die Anfrage dieser Jenny und die Wiederbegegnung mit Žanetta - es war die Zeit gekommen, in der sich die die Prophezeiungen erfüllen würden. Cindy musste einen eigenen Coven gründen. Sie musste Žanetta und Jenny und später noch mehr Leute einladen und gemeinsam mussten sie sich über ihre Religion austauschen. Jeder, ob alter Hase oder Neuling sollte das gleiche Recht bekommen, sich einzubringen und alles sollte auf Aneignung und Festigung von Wissen ausgerichtet sein. Der Coven sollte eine Gemeinschaft mit gleichem Ziel sein und mit familiärer Wärme. Das was sie vorhatte, zu kreieren, war eigentlich eher eine Hexenschule, als ein normaler Coven. Aber es sollte ihr gelingen.

Sieben Jahre später schrieb Cindy das alles auf und gab mir das Konzept, damit ich eine Geschichte daraus machen sollte. Ich habe die Namen geändert, aber glaubt mir, es hat sich wirklich alles so zugetragen. Übrigens ist Cindy jetzt eine anerkannte Therapeutin für Naturheilverfahren, ist mit Martin verheiratet und hat mit ihm drei Söhne. Žanetta ist inzwischen 103 Jahre alt und führt mit Cindy gemeinsam den Coven.

Olaf Tauchert & Kati Fräntzel

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