Die Hexenschule

Kapitel
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Kapitel 7
Die Fahrt nach Seeroda


Das Fest Beltaine rückte heran und da Susan gesagt hatte, es wäre der wichtigste keltische Feiertag, hatte Cindy sich Bücher aus der Steinbacher Universitätsbibliothek geholt, um über die Geschichte dieses Tags mehr zu erfahren. Was sie da las, war ihr nicht gerade angenehm. Von Opfern war die Rede, die in Holzkäfige gesperrt wurden. Holzkäfige in Form riesiger Menschen, voll gestopft mit Verbrechern. Und diese Käfige wurden als ganzes verbrannt. Das war ja schlimmer als die Hexenverbrennung durch christliche Eiferer im 18. Jahrhundert! Sollte das wirklich Praxis unter den Kelten gewesen sein?
Irgendwie widersprach das alles Cindys Gefühl.
Sie wollte es verdrängen, aber auf der Homepage des Covens wurde auf einmal ebenfalls über den Tod debattiert.
‚Nun gut', dachte Cindy, ‚die Götter wollen anscheinend, dass ich mich intensiver mit diesem Thema auseinandersetze.' Und so überlegte sie, welche Bedeutung der Tod für sie hat.
‚Wenn ich sterbe, gehe ich in die Anderswelt ein. Und dann? Ich werde wiedergeboren. Also muss ich ja keine Angst vor dem Tod haben, denn es geht weiter.' Sie wog gegeneinander ab, was für und gegen den Tod sprach. So fiel ihr ein, dass es sehr viel Menschen gibt, die ihr Tod schmerzen würde. Andererseits war der Tod nötig, damit die Menschheit sich weiterentwickeln konnte. Ewiges Leben in einem Körper würde bedeuten, dass die Menschen ziellos würden. Denn wenn man sich nicht mehr um die Erhaltung seines Lebens kümmern müsste, hätte das Antriebslosigkeit zur Folge. Alles musste einen Sinn haben. Haben? Nein, den Sinn musste man dem Leben erst geben, an sich hat das Leben noch keinen Sinn.
Und so kann Cindy auf den Gedanken, eine Heldentat würde ein wunderbarer Sinn für ihr Leben sein können. Sie schrieb in das Forum der Homepage:
"Ich würde für meinen Glauben in den Tod gehen. Natürlich nicht in der Weise, dass eine Hohepriesterin mir sagt:
‚Erstech dich!' und ich würde das Messer zücken und mit Freude in meinen Leib drücken. Das würde ich ablehnen, weil es sinnlos ist. Aber stellt euch vor, ich gehe nachts durch unsere Stadt und sehe, wie eine Truppe Neonazis einen Dunkelhäutigen verprügeln will. Dann würde ich zur Hilfe kommen, auch wenn ich damit mein Leben gefährde. Und in der Zeitung könnte stehen: Eine Heidin kam bei der Verteidigung der Menschenrechte um. So würde ich unserer Religion Ansehen verschaffen und trotz des Schmerzes, den meine Freunde und Verwandten über den Verlust hätten, könnten sie Stolz auf mich sein."
Ramona ging gleich auf den Beitrag ein und stimmte dem Inhalt zu. Dann aber passierte etwas, was Cindy so im Coven noch nicht erlebt hatte. Susan meldete sich zu Wort und schimpfte. Sie hätte sich sehr geärgert über die Beiträge. Jemand, der noch so neu sei, wie Cindy und demzufolge von dem Thema noch nicht allzu viel Ahnung haben könne, der solle sich doch nicht zu solchen schwerwiegenden Themen äußern. Und noch dazu in eifernder Weise…
Und dann ging es Schlag auf Schlag: die anderen Coven-Mitglieder stimmten Susan zu, schimpften mit Cindy und machten sie lächerlich. Sylvia schrieb sogar:
"Ich stell mir gerade vor, wie Cindy sich auf die Horde Glatzköpfe stürzt. Eine irreale Vorstellung. Man sollte es einmal mit Nachdenken versuchen, ehe man so etwas schreibt. Denn verbal kann man vieles äußern, sollte es aber nur, wenn man es real umsetzen will. Und das scheint mir recht unwahrscheinlich, so wie ich Cindy kenne!"
Cindy verstand die Welt nicht mehr. Was sie da geschrieben hatte, entsprang doch ihrem Herzen. Und nichts daran war ihrer Meinung nach eifernd, nichts war vollmundig geäußert ohne es im Falle eines Falles nicht wirklich machen zu wollen.

So wie sie es hin und wieder in der Vergangenheit gemacht hatte, ging Cindy am darauf folgenden Donnerstag in zwei aufeinander folgenden Freistunden zum Bäcker, holte ein paar Stück Kuchen und klingelte bei Susan. Sie wollte über das erlebte und ihr Gefühl dabei mit Susan reden. Aber wiederum zeigte sich, dass der Weg des Covens ein anderer geworden war. Susan war zwar da, auch ein paar "alte Coven-Mitglieder", wie man ihr sagte, aber man ließ sie nicht herein. Susan hätte keine Zeit, Beltaine würde vorbereitet. Wenigstens den Kuchen nahm man Cindy nach mehrmaligem Drängen ab, denn sie hätte ihn ja sonst umsonst gekauft. Allein konnte sie nicht so viel verdrücken.
Cindy fühlte in ihrem Herzen einen großen Stein, als sie wieder zur Schule ging. Was war nur los? Hatten die anderen plötzlich kein Vertrauen mehr zu ihr?
Am Abend redete Cindy mit ihrer Mutter darüber. Aber nach dem Gespräch ging es ihr eher schlechter als besser. Sie hatte sich anhören müssen, dass ihr Coven eine "typische Sekte" sei. Das wäre immer so: am Anfang sind die freundlich zu den Neuen und dann entpuppen sie sich, üben Druck aus. Ob Cindy denn schon viel Geld bezahlt hätte? Und in diesem Kontext ging es weiter. Die zwei Euro pro Vollmond schienen dem Mädchen nicht als "viel Geld" gelten zu können. Und unter "Druck ausüben" verstand sie auch etwas anderes, als das was auf der Homepage stattgefunden hatte. So sperrte Cindy das Gefühl in ihrem Herzen ein und verdrängte es. Sie wollte im Moment mit niemandem anderen darüber reden.

Die Verdrängung klappte einwandfrei, denn Gabi hatte ihre Fahrprüfung bestanden und so freute man sich über den neuen Führerschein und dachte nicht mehr an den Tod und den Streit darüber. Susan hatte die Beltainefeier in einem Wäldchen bei Seeroda anberaumt und Cindy beauftragt, sich auf das "Anrufen des Wächters des südlichen Tores" vorzubereiten. Und nun freute sich Cindy auf das Fest. Fleißig lernte sie einen Spruch auswendig, den sie sich selbst entworfen hatte. Nach dem Anzünden von Holzkohle in einer Opferschale, die sie im Osten des Kreises vorbereiten wollte, würde sie rufen:
"Ich segne dich, Geschöpf des Feuers, auf dass du uns allen und dem Kreis zur Segnung dienen sollst!"
Dann würde Cindy das Räucherwerk einstreuen und fortfahren:
"Ich segne dich, Geschöpf des Rauches, auf dass du uns allen und dem Kreis zur Segnung dienst. Ihr Mächtigen des Südens, ich segne Euch mit Feuer und Rauch!"
Dann würde sie wie üblich, alle anderen Himmelsrichtungen mit Feuer und Rauch segnen, danach die Männer aus dem Coven, bis der letzte Mann ihr die Opferschale abnahm und die Frauen segnete.
Cindy meinte, alles wunderbar zu beherrschen und brannte darauf, dass der Feiertag kommen möge. Man wollte sich 17.00 Uhr treffen und Cindy war pünktlich da. Doch an diesem Tage schien alles schief zu gehen. Außer Susan und ihr war um Fünf noch niemand weiteres da. Dann rief Gabi an, dass sie nicht kommen könne, weil ihr der Zug vor der Nase weggefahren sei, weil sie doch den Grill mitbringen sollte und in ihrem Schuppen nicht gefunden hätte. Somit würde wohl nichts aus Grillen werden und sie sei Schuld. Gabi fing am Telefon an, zu schluchzen und Susan versuchte sie zu beruhigen. Erstens könne sie ja in dieser Ausnahmesituation ja mal ihren Freund fragen, ob sie sein Auto borgen könne. Und zweitens würde Susan das mit dem Grill schon organisieren. Nun weinte Gabi erst richtig los.
"Ich habe doch meinen Führerschein erst neu. Und wenn was passiert? Das verzeiht mit René nie!"
Während sonst im Coven ein angenehmer, rücksichtsvoller Ton herrschte, hörte Cindy mit Erstaunen, wie Susan jetzt reagierte:
"So, Gabi, du reißt dich jetzt zusammen, atmest erstmal tief durch, und hörst auf mit flennen. Das ist unser Feiertag und die Götter sind auf unserer Seite. Also wird auch nichts passieren. Du borgst dir jetzt von deinem René das Auto, setzt dich rein und kommst her! Klar?"
Was sollte Gabi darauf antworten? Sie versprach, sich an Susan's Aufforderungen zu halten und zu kommen. Aber Cindy hatte auf einmal ein komisches Gefühl. Derartiges hatte sie in der Hexengemeinschaft noch nie erlebt. Zunächst einmal wurde sie aber von dem Gefühl wieder abgelenkt, weil Daniel eintraf und Susan die beiden zum Baumarkt schickte, einen Grill aus der Werbung zu holen. Da Daniel keine Monatskarte hatte und ihm ein Busfahrschein zu teuer war, gingen die zwei zu Fuß und schwatzten sehr unterhaltend über alles Mögliche. Aber im Baumarkt angelangt, waren die beworbenen Grills alle. Cindy überlegte nicht lange hin und her, sondern nahm einen anderen Grill, der allerdings viel teurer war.
Was soll's", sagte sie zu Daniel, "wir wollen Grillen und brauchen einen. Wer weiß warum uns die Götter vor dem Billiggrill bewahren, vielleicht wär mit dem irgendein Unfall passiert. Und wenn wir das Geld aus der Covenkasse nicht bekommen, bezahl ich ihn eben selber."
Aber Cindys Sorge war unbegründet, sie bekam das ausgelegte Geld wieder. Inzwischen war aber über eine Stunde vergangen und die anderen waren eingetroffen. Außer Žanetta, die aufgrund ihres Alters, wie sie sagte "nicht mit durch die Wiesen toben" wollte. Und nun ging der nächste Ärger los. Susan regte sich wahnsinnig darüber auf, dass alle in Jeans und anderen "normalen" Kleidungsstücken gekommen waren. Es sei schließlich Feiertag und da müsse man sich etwas "gutes" anziehen. Gabi, die heute sowieso nah am Wasser gebaut hatte, heulte gleich wieder los. Und Cindy fühlte sich zu unrecht beschimpft, da es ihr erster Feiertag im Coven war und ihr niemand etwas davon gesagt hatte. Sie sei auch nicht gemeint, betonte Susan, sondern die anderen, die schon länger mitmachten. Trotzdem war es Cindy sehr unangenehm, wie Susan heute mit Gabi umging und sie setzte sich neben die weinende Frau, drückte sie und begann ihre Schulter zu streicheln. Aber wenn Cindy dachte, das würde alles sein, worüber sie sich heute ärgert, da irrte sie wohl. Susan legte fest, mit welchem Auto nun wer nach Seeroda gelangen sollte. Auf Gabis Auto verteilte sie Cindy und Daniel. Gabi protestierte:
"Ich hab René aber versprochen, alleine zu fahren, weil ich's noch nicht so gut kann. Verantwortung für die Beifahrer mit zu übernehmen, wäre nicht gut, meint er."
Aber Susan konterte sofort:
"Und wie willst du dahin finden? Daniel weiß, wo es ist, du nicht. Und dann habe ich dir heute schon mal gesagt, dass nichts passiert, weil die Götter uns davor bewahren!"
Gabi wischte sich ein paar Tränen aus den Augen, gab sich aber geschlagen und so gingen die drei Festgelegten zu Renés Auto. Kaum saßen sie drin und Gabi fragte, wo sie denn nun lang fahren solle, stellte sich heraus, dass Daniel zwar wusste, wo in Seeroda das Wäldchen ist, aber nicht, wie man von Steinbach nach Seeroda kommt. Gabi schrie laut: "Nein!" und fing wieder mit Heulen an, aber zum Glück bewahrte jetzt Cindy die Ruhe. Sie legte Gabi die Hand auf die Schulter und meinte:
"Pass auf, Gabi, wir schaffen das. Jetzt atmest du erstmal tief durch und wischst dir die Tränen ab. Hast du eine Straßenkarte?"
Doch das verneinte die Fahrerin. Aber Cindy ließ sich noch nicht entmutigen:
"Na macht nichts, ich habe zu Hause auf die Straßenkarte meines Vaters geschaut. Soweit ich mich erinnern kann liegt Seeroda etwa im Nordwesten, ein Stückchen nördlich von Zwickwalde. Ich schlage vor, loszufahren - und zwar die Zwickwalder Straße, die doch in Richtung Westen aus der Stadt rausführt. Dann fahren wir über die Dörfer immer in Richtung untergehende Sonne weiter, bis irgendwo Seeroda dann ausgeschildert ist."
So richtig wohl war Gabi nicht dabei, aber die drei fuhren entsprechend Cindys Vorschlag los. Das Wetter war schön und die Fahrbahn trocken. Es war auch nicht viel Verkehr, sodass Gabi langsam etwas Sicherheit bekam. Langsam fing man an, sich über andere Dinge zu unterhalten, als den Weg. Aber es war trotzdem ein komisches Gefühl, nicht genau zu Wissen, wo man ist und nur auf die Götter zu vertrauen. Die Straße, die nach Zwickwalde führte, war zum Glück eine Bundesstraße, sodass die drei einfach der Ausschilderung folgten. Sie fuhren 20 km und noch kein Schild wies auf Seeroda hin. Auch nach 30 km noch nicht. Zwickwalde rückte immer näher und Cindy schlug vor, jetzt langsam nach rechts abzubiegen, um die Richtung langsam auf Norden zu ändern. Aber Gabi hatte Angst, sich von der Bundesstraße zu entfernen.
"Vielleicht fahren wie dann total in die Irre." meinte sie. Und so einigte man sich darauf, nach Zwickwalde hinein zu fahren. Aber selbst dort war Seeroda noch nicht angekündigt.
"Ach was", entschloss sich nun Cindy, "obwohl hier nichts von Seeroda steht, fahren wir die nächste große Straße in Richtung Norden. Ich bin sicher, das ist richtig."
Wahrscheinlich hatte sie sehr sicher geklungen, oder aber es lag daran, dass die nächste Querstraße eine andere Bundesstraße war, jedenfalls machte Gabi, was gesagt worden war. Noch etwa 10 km fuhren sie in Ungewissheit, aber dann leuchtete vor ihnen das erste Hinweisschild "Seeroda" auf. Jubel erfüllte nun den kleinen gelben Flitzer. Laut dankten die drei den Göttern, die sie nach einer weiteren halben Stunde zum Ort der Feier brachte.

Das Beltainefest verlief dann in angenehmer Atmosphäre, der Alltag und der Ärger war nahezu vergessen. Auch bei ihrer Aufgabe patzte Cindy nicht. Aber ein flaues Gefühl in ihrer Magengegend konnte sie über den ganzen Abend nicht ganz überwinden.

Olaf Tauchert & Kati Fräntzel

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