Die Hexenschule

Kapitel
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Kapitel 6
Der Coven geht einen anderen Weg


Maike freute sich einerseits über die Blumenpracht auf ihrem Balkon. Andererseits war das gute Geld futsch, was sie für den Erwerb der teuren Samen ausgegeben hatte. Die dubiose Internetfirma, die inzwischen sang- und klanglos samt ihrer Homepage verschwunden war, hatte ihr Radieschen- statt Bilsenkrautsamen geschickt. Und auch die angeblichen Samen von Stechapfel, Chicalote und Alraune hatten sich als Löwenmaul, Verbene und Physalis herausgestellt.
Nunmehr meinte die junge Frau, hätte sich ja ihre Schuldlosigkeit herausgestellt und so nahm sie zu ihrer ehemaligen Oberhexe wieder Kontakt auf. Nicht zuletzt auch auf das Drängen ihrer Freundin Sylvia. Susan war zunächst mal überhaupt nicht begeistert gewesen.
"Warum willst du dir denn das antun, Maike?" hatte sie gefragt, "Du hast doch gar kein Gefühl für Magie." Aber Maike hatte betont, doch, doch! Sie hätte die Freundschaften aus dem Internet genutzt und inzwischen könne sie Auren sehen und sei Reiki-Meisterin ersten Grades. Und das alles durch ihre Freundin, die ebenfalls eine Hexe sei und übrigens ganz in der Nähe studieren würde.
"Ach ja, " schloss Maike, "diese Freundin, die heißt Sylvia und möchte auch gern an unseren Treffen teilnehmen."
So versprach also Susan, die anderen zu fragen, ob Maike und Sylvia kommen dürfen. Wohl war ihr nicht dabei, aber wenn Maike nun plötzlich doch anfing, magisch zu arbeiten, wollte sie ihr keine Knüppel zwischen die Beine werfen.

Nach einem Ritualabend war die Frage in den Raum gestellt worden und sehr schnell kam man zu dem Schluss, dass nun genügend Zeit verstrichen sei und man Maike die zweite Chance einräumen solle. Und so wurde die nächste Zusammenkunft auch kurz darauf anberaumt. Cindy und Žanetta saßen schon im Tempelraum, als Sylvia und Maike eintrafen. Zur Begrüßung umarmten sich alle und da noch ein wenig Zeit war, bis der Rest eintreffen würde, stand Sylvia erst einmal Rede und Antwort dazu, wer sie denn sei.
"Ich bin in NRW groß geworden und hab mich schon als kleines Mädchen mit Magie befasst." fing Sylvia an, "Und ich wollte Montanwissenschaften studieren, worauf es mich hier her verschlagen hat. Zuerst dachte ich ja, dass mich der Osten anöden würde. Und ich fand ja keine anderen Hexen. Der eine oder die andere hatten sich zwar zu meiner Annonce im Internet geäußert, aber so richtiges Interesse an einem Kontakt konnte ich nicht feststellen. Bis ich dann auf Maike stieß. Wir haben uns gleich gemocht. Und so hab ich ihr einen Reiki-Lehrgang bei uns in NRW vermittelt, den sie ja offensichtlich mit Erfolg bestanden hat. Sie hat ihren Urlaub dafür geopfert und billig war er ja auch nicht. Das hab ich bewundert und darum sind wir auch dicke Freundinnen geworden. Und nun bin ich ja zum Glück auf euch gestoßen. Ich glaube, mit meinen Erfahrungen kommen wir hier ein ganzes Stück voran..."
Sylvias Ausführungen wurden durch Daniel's Eintreffen unterbrochen und kaum hatte er alle begrüßt, ging es Schlag auf Schlag mit dem Eintrudeln der anderen, sodass innerhalb von 10 Minuten der ganze Zirkel vollständig war. Man ging in den Tempelraum und zog den Kreis. Als erstes wurden durch drei der Hexen die Elemente der Göttin dargestellt. Anna mimte "Fodla", die jugendliche Göttin. Sie stand in einem weißen Kleid da und machte schwärmerische Augen, wobei sie ein Gedicht vortrug. Den Inhalt des Gedichts hat sich wohl keiner der Anwesenden gemerkt, aber alle waren später davon begeistert, wie gut sie diesen Aspekt darstellte. Danach war Susan mit "Banba", der mütterlichen Göttin an der Reihe. Auch ihr gelang es gut, die Wärme und Geborgenheit auszustrahlen. Von Regina, die "Eríu", die greise Göttin darstellte, war Cindy allerdings unangenehm berührt. Regina stellte eine überhebliche Alte dar, die in arroganter Art und Weise über die Welt sprach. Total abschätzig meinte sie zum Beispiel auch: "Ich brauche keine Männer mehr!"
Cindy wechselte mit Žanetta einen Blick, der ihrem Gefühl recht zu geben schien. Nein, das war nicht die Darstellung einer typischen alten Frau. Da hatte Regina wohl eine falsche Vorstellung.
Susan erklärte, dass von allen drei Aspekten der Göttin immer ein gewisser Anteil in uns ist, egal wie alt man sei und schloss damit diesen Teil des Rituals ab. Nun bat sie alle, sich hinzulegen oder bequem zu setzen, denn Daniel hatte eine Meditation zum Thema "Element Feuer" vorbereitet. Er und fing mit ruhiger Stimme zu sprechen an:
"Ihr befindet euch auf einer bunten Sommerwiese, die Sonne scheint heiß und keine einzige Wolke ist am Himmel ..."
Cindy hatte in einem Buch gelesen, welche Haltung die kymrischen Kelten beim Meditieren einnahmen und genau so hatte sie sich hingesetzt: Der Rücken lehnte an einer Truhe, das linke Bein war ausgestreckt und das rechte bildete einen spitzen Winkel, sodass ihre rechte Fußsohle am linken Oberschenkel zu liegen kam. Die Arme hatte sie angehoben und stellte sich in der einen den Goldreif und in der anderen den Aal vor. Diese Körperhaltung schien Wunder zu wirken, denn im Nu war Cindy wirklich in der Sommerwiese und nahm kaum die Worte wahr, die Daniel sprach. Allerdings befand sie sich in der von Daniel beschriebenen Welt. Ein riesiger Adler schwebte heran und landete neben Cindy. Der Adler bat sie, auf seinem Rücken Platz zu nehmen, was sie auch tat. Das Tier erhob sich in die Lüfte und flog auf einen Berg zu, der sich beim näheren Heranfliegen als Vulkan entpuppte. Aus allen Fugen stiegen Dämpfe auf, die Steine waren von einem tiefen Schwarz und rote bis hell orange Lavaströme gossen sich über die Berghänge hinab. Der Adler erreichte den Rand des Kraters. Obwohl sie weit darüber flogen, schlug ihnen aus dem Inneren des Kessels eine unglaubliche Hitze entgegen. Um ihr zu entgehen, zog der Adler Kreise, die sie höher und höher trugen. Die Hitze wurde erträglicher. Aus Richtung Krater näherte sich eine schwarze Wolke, die jedoch nicht aus Rauch bestand. Kleine Wesen schwebten auf Cindy und den Adler zu. Schwarz waren sie, mit gelben Flecken. Feuersalamander. Wieso diese doch eigentlich im feuchten Gras lebenden Wesen nun schweben konnten, erfuhr Cindy nicht, denn jemand hatte gekichert. Worüber, wusste das Mädchen nicht, aber sie ärgerte sich, denn sie war "raus" aus der Meditation.
Das Kichern war nicht laut gewesen, aber da außer der Stimme von Daniel absolute Stille herrschte, hatte das Geräusch einige zurückgeholt. Sylvia entschuldigte sich später dafür. Sie hatte mit offenen Augen dagesessen und die meditierenden Coven-Mitglieder beobachtet. Als Cindy das hörte, war sie etwas verwundert. Sie zog ihre Stirn in Falten, sagte jedoch nicht, was sie dachte: "Was bildet diese Frau sich nur ein? Ist das erste Mal hier und anstatt alles mitzumachen, beobachtet die uns!" Aber es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Cindy an diesem Abend etwas nicht gefiel.
Nach beendetem Ritual wurde erst einmal gegessen und ein wenig Tee getrunken und danach schwatzte man wie üblich in kleinen Gruppen. Es war schon dunkel geworden und einige hatten sich auf Susan's Balkon zurückgezogen. Als Cindy dazu stieß, erklärte ihr Sylvia:
"Wir sind gerade dabei unsere Auren zu beobachten. Schau mal, die Aura von Daniel ist ganz grün." Wahrheitsgemäß meinte Cindy, sie sähe nichts.
"Na, komm mal hier her!" forderte Sylvia sie auf, "Von dieser Stelle aus hast du den dunklen Hintergrund der Steinbacher Bibliothek. Wenn du dich genau darauf konzentrierst, siehst du sie…" Cindy versuchte ihr Möglichstes. Aber das einzige was sie sah, war ein geringes Schimmern um den Körper von Daniel herum. Das schob sie aber darauf, dass sie lange auf dieselbe Stelle gestarrt hatte und sich dann ein Bild sozusagen in die Augen einbrennt.
"Nun, man muss nicht alles können." sagte sie zu sich, holte sich noch einen Becher Tee und setzte sich wieder zu Sylvia und Daniel. Die waren inzwischen dabei, die Auren zu erfühlen. Auch dabei hatte Cindy kein Glück. Sie spürte zwar in geringer Entfernung zur Haut ein bisschen Wärme. Aber sollte das die Aura sein? Strahlt nicht jeder Körper Wärme ab?

Das Gefühl, was Cindy an diesem Abend im Coven hatte, war ein ganz anderes gewesen, als sonst. Irgendwie war alles dabei, sich zu verändern, ihr fremd zu werden. Der Weg des Covens schien eine andere Richtung zu nehmen. Etwas traurig ging Cindy nach Haus.

Olaf Tauchert & Kati Fräntzel

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