Die Hexenschule

Kapitel
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Kapitel 5
Die Aussprache


Cindy konnte es nicht begreifen. Was war nur mit ihrer Mutter passiert? Die ganze Nacht hatte diese auf der Intensivstation gelegen. Obwohl vorher keine Krankheit zu bemerken gewesen war. Und Cindys Vater wechselte kein Wort mit seiner Tochter. Als ob er ihr die Schuld gab. "Wir reden in Ruhe heute Abend darüber!" hatte er gesagt und den Rest des gemeinsamen Frühstücks geschwiegen.
Auf die Schule hatte das Mädchen sich kaum konzentrieren können und nun wollte sie nur noch in's Krankenhaus, zu ihrer Mutter. Kaum war die Schule aus, fuhr sie mit dem Bus an's andere Ende der Stadt. Die Klinik hatte sie schnell gefunden, nur das Durchfragen von Station zu Station hatte eine Weile gedauert. Erst hatte sie sich in der Notaufnahme gemeldet.
"Sumpfmann? Nein, der Name ist mir nicht begegnet." hatte ihr ein junger Mann gesagt, dann in ein paar Unterlagen geblättert. "Vielleicht in der vorigen Schicht und ihre äh..."
"Mutter" ergänzte Cindy.
"Ja, ihre Mutter ist sicher schon auf einer normalen Krankenstation. Fragen sie am besten am Haupteingang nach, dort ist der zentrale Service." Cindy hatte sich kaum bedanken können, da war die Notaufnahmetür schon wieder geschlossen. Wo war nun der Haupteingang? Noch einmal klingeln wollte sie nicht. So ging sie den Hügel ein Stück hinunter und als sie sich umdrehte, war es deutlich zu sehen. Unmittelbar links neben der Notaufnahme stand in großen Lettern: STADTWALDKRANKENHAUS HAUPTEINGANG. Sie drehte also um und ging durch die große Glastür. Auch die ältere Dame am Tresen konnte in ihren Unterlagen den Namen Sumpfmann nicht finden. Cindy fuhr der Schreck in die Glieder. Ihre Mutter würde doch nicht etwa... Sie wagte nicht zu Ende zu denken. Aber die freundliche Dame blieb ruhig, legte die Hand auf Cindys Schulter und meinte: "Keine Panik, junge Frau, wir finden ihre Mutter schon!" Nach ein wenig Herumtelefonieren war dann wirklich die entsprechende Station ermittelt. Cindy ließ sich den Weg erklären und fuhr mit einem uralten Fahrstuhl in den 10. Stock. Bald war auch das Zimmer ihrer Mutter gefunden und langsam öffnete das Mädchen die Tür. Ramona lag gleich links im ersten Bett und schlief. Die anderen Betten waren ebenfalls belegt. Eine ältere Frau hatte 2 Männer zu Besuch und im dritten Bett lag ein junges Mädchen, etwa in Cindys Alter und las ein Buch.
Cindy schlich sich in's Zimmer und setzte sich vorsichtig neben ihre Mutter auf das Bett. Die schlug die Augen auf und lächelte.
"Cindy, was machst du nur für Sachen?" murmelte Ramona.
"ICH, Mutti, wieso mache ICH Sachen?" fragte Cindy verblüfft.
"Na, das Bilsenkraut hast doch DU mitgebracht. Oder nicht?" Nun schaute auch ihre Mutter verwundert. Beide runzelten auf dieselbe Weise die Stirn, so dass man meinen mochte, zwei Spiegelbilder zu beobachten. Als ihnen das bewusst wurde, lachten sie herzlich auf und nun begann Cindy:
"Also, noch mal langsam! Die Pflanze, die ich mitgebracht habe, war also Bilsenkraut. Ja? Ich kannte sie nur nicht und wollte sie Vati zeigen. Damit er sagen kann, was es ist. Aber was hat das ganze denn mit dir zu tun?"
"Ich hatte eine Hyoscyaminvergiftung, wenn dir das etwas sagt, mein Töchterchen."
"Ja, natürlich sagt mir das etwas", erwiderte Cindy, "Hyosciamin ist einer der drei Wirkstoffe aus dem Bilsenkraut, darüber haben wir im Hexenzirkel gesprochen. Aber wie kommt der in deinen Magen? Du machst doch nicht aus wildfremden Kräutern, die ich mitbringe, Salat - oder?" fragte Cindy so ganz beiläufig und tat, als überhörte sie das "Töchterchen", was ihre Mutter nur gebrauchte, wenn sie ärgerlich war.
"Erstens, " wurde Ramona deshalb nun deutlicher, "reden wir über den sogenannten Hexenzirkel später noch. Zweitens war der Wirkstoff nicht in meinem Magen, sondern erst in meiner Lunge und dann im Blut. Ich habe das Kraut auf dem Tisch liegen sehen und in den Kamin geworfen. Dort hat es geschwelt. Und ich Dussel hab den Qualm auch noch eingeatmet. Und als ich damit angefangen hatte, hat es so gut gerochen, dass ich gar nicht wieder damit aufhören wollte. Und dann..." Ramona kamen die Tränen "...hab ich so fürchterliche Sachen geträumt..." und nun ging ihre Stimme in ein Schluchzen über.
"Aber Mutti, nicht weinen!" fordert Cindy ihre Mutter auf und nahm sie in den Arm "Ich träume in letzter Zeit auch häufig eigenartige Sachen. Manchmal von der Göttin Sheila na Gig und ihrer Insel im reißenden Strom, dann wieder, dass ich einen tschechischen Vater habe oder von einer Zeit vor 4000 Jahren, wo ich schon einmal existiert haben muss und Creiddyladh hieß..."
Ramona fasste ihre Tochter an der Schulter und drückte sie auf Abstand, dass sie ihr in die Augen sehen konnte um dann ein lautes "Wie bitte?!" vernehmen zu lassen. "Sag das noch einmal Cindy! Was du gerade erzählt hast, genau, aber haargenau das kam gestern auch in meinem Traum vor, bevor ich das Bewusstsein verlor. Also, langsam wird mir das alles unheimlich!"
Dann drückte Ramona ihr Kind wieder fest an die Brust und flüsterte nur noch:
"Wir werden das schon überstehen." Weitere Worte hielten beide nicht für nötig und so hielten sie sich nur noch in den Armen, bis sie sich verabschiedeten.
Cindy schrieb ihrem Vater noch eine SMS, auf welcher Station er Ramona finden würde und fuhr heim.

Den Abend erwartete Cindy natürlich ungeduldig. Einerseits wusste sie nun natürlich, was ihr Vater dachte, aber ob das "darüber reden" bei ihm so glimpflich abgehen würde, wie bei ihrer Mutter, wagte sie zu bezweifeln. Sie gab sich große Mühe, das Abendbrot vorzubereiten, nahm sogar Wurst und Käse aus den Tupperbüchsen, arrangierte sie auf Tellern und garnierte das Ganze zum Schluss mit Radieschen und Weintrauben. Dann überlegte sie, ob es richtig war. Vielleicht würde ihr Vater nun denken, sie hätte ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich so viel Mühe gab...
Aber als Ralf heim kam, war alles ganz anders. Er lobte sie für den schön vorbereiteten Abendbrottisch, goss beiden ihren Tee ein, belegte seine erste Schnitte und sah Cindy dann in die Augen.
"Du hast deiner Mutter gesagt, du bist ab und zu in einem sogenannten Hexenzirkel. Erklär mir doch einmal bitte, was das ist, ein Hexenzirkel! Was macht ihr da? Und warum gehst du da hin?"
Cindy musste sich erst einmal sammeln. Sie hatte sich darüber so konkret noch keine Gedanken gemacht, war nur hingegangen, weil's nette Leute sind und überlegte sich also die Antwort erst, indem sie sprach:
"Ja, also, Vati -wie soll ich das sagen?- ich war ja erst zwei Mal dort. Und das sind ganz nette Leute. Mit denen kann man ganz locker reden. Und wir glauben eben an die keltischen Götter und beten sie an. Ja und dann meditieren wir auch und wenn man in Meditation ganz sehr versinkt, dann kann man zu den Göttern in die Anderswelt gehen. Das nennt man dann Immrama..."
"Jetzt noch mal langsam", unterbrach sie ihr Vater, "wenn ich das richtig verstehe, ist das also eine Sekte..."
Daraufhin fand es Cindy angebracht, zu unterbrechen: "Was heißt hier Sekte? Das ist keine Sekte!"
"Bleib ruhig, Cindy, du brauchst deine Stimme nicht zu erheben. Wir wollen uns sachlich darüber unterhalten. Wenn es keine Sekte ist, was ist es dann deiner Meinung nach?"
"Also wie gesagt, eine Sekte ist es nicht. Sekten sind für mich solche, die ihre Mitglieder psychisch unter Druck setzen. Und wo die Sektenmitglieder den Oberen ihr ganzes Geld geben müssen und so. Wir bezahlen ganze zwei Euro pro Vollmond. Und das wird außerdem nur für Räucherzeug und Kerzen und so ausgegeben..."
"Apropos Räucherzeug, " ging ihr Vater mit vollem Mund wieder dazwischen, "meinst du damit solches, wie deine Mutter gestern inhaliert hat? - Übrigens solltest du auch etwas essen, nicht nur mir Rede und Antwort stehen!"
"Ooch man, Papa, ich hab das wirklich nicht gewusst, dass das Bilsenkraut ist. Ich habe die Pflanze am Wegesrand stehen sehen und kannte sie nicht. Da hab ich sie abgepflückt und mitgebracht, dass du mir verraten solltest, was es ist. Die Früchte mit den niedlichen Krönchen fand ich so hübsch. Und -um auf deine Frage zu antworten- nein, mit so etwas räuchern wir nicht. Ich glaub, Salbei haben die mal genommen und so..."
"Aber genau weißt du's nicht. Und drum sag ich dir was: Mir scheint die Sache zu gefährlich, als das du da weiter mitmachen solltest. Und außerdem - keltische Götter - glaubst du da wirklich dran, Cindy?"
Cindy fing nun wirklich an, sich ihre erste Abendbrotschnitte zu belegen, sah dann aber noch einmal ihrem Vater in's Gesicht und erklärte ihn eindringlich:
"Ja, Vati, ich glaube an die keltischen Götter. Ich verspreche dir, vorsichtig zu sein. Und wie wir festgestellt haben, hat ja Muttis Unfall überhaupt nichts mit dem Hexenzirkel zu tun. Also werde ich weiter dahin gehen. Verbietet es mir bitte nicht, denn ich möchte euch nicht anlügen müssen."
Ralf verdrehte nur die Augen und meinte mehr für sich, als an Cindy gerichtet:
"Aber ich habe dich gewarnt. Komm dann nicht und jammere, wenn du tief drin sitzt!"

Olaf Tauchert & Kati Fräntzel

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