Die Hexenschule

Kapitel
1 I 2 I 3 I 4 I 5 I 6 I 7 I 8

Kapitel 4
Maike


Die Herbstsonne schien in Maikes Zimmer und tauchte alles in angenehme warme Farbtöne. Es hätte richtig gemütlich sein können, doch sie spürte nichts von irgendwelcher Gemütlichkeit. Nichts lief in ihrem Leben so, wie Maike es wollte. Seit Wochen rief ihre Mutter fast täglich an oder tauchte bei ihr auf. Aber nicht etwa, um gemeinsam ein paar schöne Stunden zu verbringen. Nein, Maikes Mutter hatte nichts Besseres zu tun, als ihr die Ohren voll zu jammern. Und jedes Mal die gleiche Leier, manchmal am Tag fünfmal dieselben Sorgen, die sie erzählte. Dabei fand Maike gar nicht, dass es richtige Sorgen sein mussten. Es waren alles lösbare Probleme. Doch sie konnte Lösungsvorschläge machen, wie sie wollte, es war als ob ihre Mutter nichts begriff.
Maike nahm ein Buch aus dem Regal, um sich abzulenken. "Anam Cara" handelte von kleinen Tipps, wie man keltische Weisheiten auch in der heutigen Zeit anwenden konnte. Aber sie kam immer nur ein paar Sätze weit, ehe sie sich wieder die eigene Situation und besonders die ihrer Mutter veranschaulichte. In dem Buch stand so viel, was ihre Mutter hätte tun können, doch sie tat es nicht, las nicht einmal dieses Buch. Klar konnte Maike nachfühlen, dass ihre Eltern sich gegenseitig verletzt hatten. Aber eben beide. Mutter war nicht unschuldig. Und während ihr Vater die Situation endlich klären wollte, ging das bei Mutter nicht. Auf der einen Seite schimpfte sie pausenlos auf ihren Mann, auf der anderen kam sie aber nicht von ihm los. Es war zum auswachsen! Maike schleuderte das Buch vor Wut von sich und heiße Tränen kullerten ihr über's Gesicht.
"Mist!" fluchte sie, als sie merkte, was sie mit ihrem Wurf angerichtet hatte. Eine Kristallvase war zu Boden gegangen und nun hatte sie zu tun mit tausend Scherben, die es vom Teppich zu entfernen galt. So kam wenigstens ein bisschen Ablenkung.
Maike war kaum fertig, als es klingelte und ein Paket von der Post kam. Na endlich etwas Erfreuliches! Es waren die Samen vom Bilsenkraut, Stechapfel, Chicalote und Alraune, die sie bestellt hatte. Maike machte gleich ein paar Blumentöpfe fertig, in die sie diese Hexenkräuter aussäte. Vom Bilsenkraut hob sie ein kleines Beutelchen auf, das sie heute Abend mit zu Susan nehmen wollte. Denn heute war wieder ein Treffen ihres Covens anberaumt worden. Und diesmal sollte jemand ein Immrama machen. Eine Reise in die Anderswelt war vielleicht das, was Maike helfen konnte. Sie wollte es sein, die Kraft und Wissen mitbringen würde, um dieses Leben hier besser bestehen zu können. Und damit das Immrama auch wirklich intensiv werden sollte, dachte Maike sich, den Bilsenkrautsamen anzuwenden...

Wie jedes Mal, wenn der Hexenzirkel zusammen kam, holte Maike ihre Freundin Anna mit ihrem Auto ab und beide fuhren zusammen in die Stadt. Anna hatte kein Auto und mit dem Bus war es kompliziert, zu Susan zu kommen. Die beiden dreißigjährigen Frauen waren schon lange befreundet. Als Anna anfing, sich mit Magie zu beschäftigen hatte sich Maike zunächst gesträubt, da mitzumachen. "Ich bin christlich erzogen!" hatte sie immer wieder gesagt und damit begründet, dass sie kein Verständnis für Annas neues Hobby hatte. Aber bald hatte Maike die Leere gespürt, die ihre beste Freundin hinterlies, wenn sie so viel Zeit ohne Maike verbrachte. Und so war Maike dann doch gefolgt. Zuerst mit etwas innerem Widerstand, doch inzwischen glaubte sie, dass es gut war. Zum Beispiel zum Lösen ihrer Probleme.
Nun saßen also die beiden wieder einmal im Auto und waren zu Susan unterwegs. Maike war dieses Mal freudig erregt. Als die beiden Susan's Wohnung betraten, hatte sie sogar so etwas wie ein Überlegenheitsgefühl. Heute würde sie mal Mittelpunkt sein und Daniel, der sich so gerne in den Mittelpunkt spielte, würde heute nichts zu melden haben. Etwas enttäuscht war sie zwar, dass Daniel eine Neue mitgebracht hatte und dadurch doch wichtiger für das heutige Treffen zu werden schien, als Maike lieb war. Aber, ach! Sie würde das schon irgendwie in den Griff bekommen.
Von Susan bekam sie den Auftrag, Tee zu kochen. Na bitte! Was wollte sie mehr? Maike nahm Brombeerblätter, Apfelminze und Fenchel aus dem Schrank und setzte den Wasserkocher an. Dann holte sie das kleine Säckchen mit den hellbraunen Samen hervor, gab einen Teelöffel davon mit in die Kanne und brühte auf. Der Kräutertee duftete angenehm und Maike atmete die Dämpfe ein und genoss den angenehmen Duft. Sie setzte den Wasserkocher noch einmal an, um mit dem heißen Wasser eine zweite Kanne anzuwärmen. Nach 10 Minuten schien er lange genug gezogen zu haben und so goss sie ihn durch ein Sieb in die angewärmte andere Kanne. Nun konnte es losgehen und sie ging mit der Teekanne in das Wohnzimmer, wo die anderen schon den magischen Kreis aus Kerzen aufgebaut hatten.
Maike verteilte die Teegläser und schenkte jedem etwas von dem köstlichen Getränk ein. Dabei sah sie, dass diese Neue wirklich total unwissend war, denn Daniel musste ihr alles erklären. In Maikes Bauch stieg die Wut hoch. Das konnte ja etwas werden: womöglich mit etlichen Unterbrechungen, damit diese störende Person alles begreifen konnte. Die sollte sich nach Hause scheren! Aber anscheinend lief es besser, als Maike vermutete, denn Susan führte ungestört das Anrufen der Wächter aller Himmelsrichtungen durch. So beruhigte sich Maike langsam. Aber dieser Prozess wurde jäh unterbrochen, als die Neue sich für das Immrama meldete. Also, das schlug ja dem Fass den Boden aus! Voller Wut entfuhr es Maike:
"Seit wann darf denn eine Neue gleich ein Immrama haben? Vergiss es, Mädel..." und sie konnte einfach nicht begreifen, dass Susan ihr nicht recht gab. Im Gegenteil, Susan diskutierte mit ihr noch friedlich darüber, ob sie schon einmal so etwas gemacht hätte. Und die Neue meinte, etwas in ihrem Innersten hätte sie dazu gebracht, sich zu melden.
"Das ist doch Quatsch", brach es aus Maike heraus, "niemand, der so neu ist wie du, kann etwas in seinem Inneren spüren. Das schaffen nicht einmal solche alte Hasen, wie wir es sind, immer. Du solltest dich heute einfach noch zurückhalten und zusehen. Kommen und sich aufführen, wie die Queen, ist nicht! Ich habe nichts dagegen, dass alle mal klein anfangen, aber ich finde es absolut fies, wenn sich hier jemand so in den Vordergrund drängt!" Dabei ballte sie die Faust symbolisch in Richtung Cindy.
Aber wieder fand sie keine Zustimmung bei den anderen, war im Gegenteil noch diejenige, über die die Oberhexe schimpfte und die nach Hause geschickt werden sollte. Und dann noch dieses Gesäusel von der Neuen:
"Leute, es tut mir leid. Überall wo ich hinkomme, gibt es nur Streit. Ich will auf keinen Fall, dass Maike wegen mir nach Hause muss. Da gehe lieber ich. Und: Maike, du hast recht, ich hab mich in den Vordergrund geschoben. Entschuldige bitte!"
Innerlich verfluchte Maike alle Mitglieder ihres Covens. Als ihr dann sogar noch ihre Freundin Anna in den Rücken fiel, war es aus. Sollte sie doch zusehen, wie sie heute Abend nach Hause kam! Wenn die anderen wollen, dass sie geht, sollen sie doch ihren Willen haben. Wer war sie denn? Ein "Nichts", oder was? Also schleuderte Maike diesen gemeinen Menschen ein "Na gut, wenn ihr meint!" entgegen, ging mit großen Schritten auf die Ausgangstür zu, verließ grußlos Susan's Wohnung und warf die Tür ins Schloss.

Auf der Straße angekommen, atmete sie tief durch. Was war eigentlich los gewesen? Das erste Mal, seit dem Maike sich in den Hexenkreisen bewegte, kam es ihr so vor, als sei sie selber nicht Herr der Lage gewesen. Sie überlegte: Konnte es eine Kraft geben, die sie beeinflusste? Am Ende gar einen Teufel, wie es ihr Pfarrer im Religionsunterricht immer gesagt hatte? Sie verwarf den Gedanken wieder und machte sich auf den Heimweg. Morgen würde sie Anna anrufen und sie um Entschuldigung bitten.

Anna hatte mehr Verständnis gezeigt, als Maike zunächst vermutete, und die beiden Freundinnen machten für den Abend aus, den Japan-Treff gemeinsam aufzusuchen. In dieser Clubgaststätte sah man sie häufig, denn entgegen der in Deutschland häufig anzutreffenden Ablehnung mochten beide Sushi für ihr Leben gern. Sie hockten sich im Schneidersitz vor einen der niedrigen Tische und bestellten sich Sake, eine Suppe und einige Sorten verschiedener Sushi. Dann lächelten sich beide an, froh dass es trotz Maikes Verhaltens an jenem Abend nicht zum Zerwürfnis gekommen war. Aber das Geschehene war dennoch Hauptthema ihrer Gedanken und so brach Anna schließlich das Schweigen:
"Sag mal, Maike, was war denn los mit dir, als wir bei Susan waren?" Maike fing nun an, weit und breit ihre Beweggründe zu erläutern, einschließlich ihres Wunsches nach einem Immrama, der Wut auf Cindy und ihrer Bedenken wegen des Teufels. Anna hatte die ganze Zeit aufmerksam zugehört, bei Maikes Gedanken über den Teufel aber die Stirn gerunzelt und den Kopf geschüttelt.
"Maike, Maike", unterbrach sie nun ihre Freundin, "was reimst du dir nur manchmal zusammen? Du hast natürlich Recht, dass wir unsere Vorstellung von der Welt niemandem beweisen können. Genau so wenig, wie andere uns beweisen können, dass sie wissen, wie die Welt aufgebaut ist. Aber man sollte doch an etwas Vernünftiges glauben, nicht an solchen Schabernack, wie den von cleveren Christenpriestern im Mittelalter erfundenen Teufel!"
"Aber was ist denn mit dem ‚gehörnten Gott', von dem bei uns manchmal die Rede ist?"
"Pass mal auf! Die christliche Vorstellung von Gott ist die eines Schöpfers, der allgegenwärtig ist und dem wir irgendwann über unser Leben Rede und Antwort stehen müssten, wenn wir diese Welt verlassen. Ich aber glaube nicht, dass es ein Wesen gibt, was so viel Macht hat. Ich glaube an die Seelen der Menschen, die als unsichtbare, wurzelartige Gebilde durch Raum und Zeit gehen und auch von Welt zu Welt. Und unter den Seelen gibt es eben besonders alte, erfahrene. Und da wir deren Kraft nutzen können und diese Kraft eben größer ist, als die deiner oder meiner Seele, nenne ich sie Götter. Soweit ich aus meinen Visionen weiß, ist zum Beispiel unser Gott Lug mal vor reichlich viertausend Jahren ein König gewesen. Ein -ich sag jetzt mal: "normaler" - Menschenkönig im keltischen Volk der Bojer..."
"Und welcher Gott hat mich nun veranlasst, mich so aufzuführen?"
"Gar kein Gott. Das warst du selber. Wenn du in Verbindung mit einem Gott gestanden hättest, wärst du vernünftiger gewesen."
In dieser Art ging das Gespräch der Freundinnen den ganzen Abend weiter. Maike bekam immer mehr Hochachtung vor ihrer Freundin, die auf alles eine Antwort zu haben schien. Allerdings konnte sie nicht die Hälfte davon begreifen. Maike war einfach nicht in der Lage, sich eine Vorstellung davon zu machen, was Anna ihr da erläuterte. Nur eine Parabel hatte sie sich gemerkt. Und zwar hatte Anna sie mit einem Computer verglichen und gemeint:
"Dein Geist ist die Software, dein Körper die Hardware, deine Seele der Programmierer und dein Gefühl der Strom, der es funktionieren lässt."
Anna hatte versucht, ihr zu erläutern, dass sie lernen müsse, auf ihre Seele zu hören, aber wie sollte das geschehen? Auf jeden Fall kamen die beiden Freundinnen überein, dass Cindy, die Neue, kein Gegenspieler zu Maike im Hexencoven ist. Und dass Maike sie demzufolge anders behandeln und sich bei ihr entschuldigen solle. Da sie das einsah, fieberte Maike nun dem nächsten Sabbat entgegen, der lange auf sich warten lies.

Doch endlich war es so weit. Susan hatte alle wieder zusammengerufen und Maike war eine der ersten, die -natürlich mit Anna zusammen- bei Susan eintraf. Da eine Menge Leute kamen, aber Cindy so ziemlich als letzte, wurde Maike immer ungeduldiger. Aber endlich tauchte das Gesicht des jungen Mädchens in der Tür auf. Maike sprang auf und stürmte auf Cindy zu, die gleich ihr Gesicht durch einen Arm schützte.
Maike merkte, dass es nicht so einfach werden würde, fasst das Mädchen sanft bei den Schultern und sprach sie so ruhig, wie es ihr möglich war an:
"Ach du Schande, Cindy, ich muss ja das letzte Mal einen Eindruck auf dich gemacht haben, wenn du gleich Abwehrhaltung einnimmst. Ich will mich doch nur entschuldigen. Aus reinstem Herzen. Weißt du, ich hatte letztes Mal keinen so guten Tag..."
Gut, der Anfang war geschafft und Maike entspannte sich etwas. Da Cindy noch nicht alle kennen konnte, führte Maike sie rum und stellte einige vor. Aber zu einem intensiveren, klärenden Gespräch kam es zu Maikes Bedauern nicht, denn die alte Babitchka Žanetta war anscheinend für Cindy interessanter. Aber wenigstens hatte Cindy ihre Entschuldigung angenommen.
Der Sabbat nahm nun seinen gewohnten Lauf und als er fertig zelebriert war, wollte Anna heute gleich heim. Aber Maike wollte unbedingt noch ein paar klärende Worte mehr über den letzten Abend loswerden und so trennten sich die Freundinnen. Am Ende waren nur noch Žanetta, Susan, Maike und Cindy da und Maike grübelte, wie sie das Gespräch auf ihr blödes Verhalten bringen konnte. Doch da nahm ihr Susan die Entscheidung ab, indem si fragte:
"Sag mal, was hast du dir eigentlich das letzte Mal dabei gedacht, eine Droge in den Tee zu tun?"
Maike winkte ab. "Es war doch nur ein Teelöffel Bilsenkrautsamen. Und außerdem habe ich mich bei Cindy entschuldigt."
"Ein ganzer Teelöffel?" Maike merkte, wie Susan blass wurde.
"Wolltest du uns umbringen? Wie oft hab ich gesagt, ihr sollt nicht rumexperimentieren mit Sachen, die ich nicht beherrscht?"
‚Mist!' dachte Maike, ‚so einfach wird's doch nicht!' und schaute zu Boden. Aber sie musste jetzt das unangenehme Gefühl unterdrücken und erklärte ihr Verhalten ausführlich. Und als Susan sie nach ihren Schlussfolgerungen fragte, erklärte sie sofort und in der festen Überzeugung, es wirklich so zu machen, dass sie nie wieder Bilsenkraut in den Tee geben würde.
Entsetzt musste sie jedoch feststellen, dass diese Erklärung den anderen anscheinend nicht reichte. Aber was wollten die denn hören? ‚Anscheinend bin ich zu blöd!' dachte sie bei sich und akzeptierte, dass Susan sie aufforderte, nie wieder bei einem Sabbat teilzunehmen. Ihr wurden zwar die Augen feucht und ein paar Tränen rannen ihr über die Wangen. Aber was wollte sie machen? Irgendwie sah sie ein, dass sie hier nicht her passte.
Traurig ging Maike noch eine Runde um den Häuserblock, ehe sie in ihr Auto stieg und heimfuhr. ‚Was bringt mir nun meine Zukunft?' und ‚Wie wird sich das alles auf die Freundschaft zu Anna auswirken?' waren zwei Fragen, die ihr durch den Kopf gingen. Man müsste das doch irgendwo lernen können. Gibt es nicht so etwas wie eine Hexenschule? Maike beschloss, sich diese Frage zu merken und sie Anna irgendwann zu stellen. Mehr konnte sie nicht machen...

Olaf Tauchert & Kati Fräntzel

zurück weiter