Die Hexenschule

Kapitel
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Kapitel 3
Eine unruhige Nacht


Jetzt, da nur noch Žanetta, Susan, Maike und Cindy da waren, war eine erholsame Ruhe in die Räume eingekehrt. Susan hatte das Fenster geöffnet und statt des CD-Players, der vorher die mystische Sphärenmusik verbreitet hatte, gab jetzt ein Schallplattenspieler Trompetenmusik aus Bachs Zeiten von sich.
Endlich schien Cindy der richtige Zeitpunkt gekommen, Susan noch einmal auszufragen:
"Mir ist da was unklar", begann sie, "und von alleine komme ich nicht auf eine Erklärung. Das letzte Mal hatte ich doch dieses Immrama. Und da haben wir die Ursache bei irgendwelchen Drogen gesucht. Aber heute hatte ich noch gar nichts zu mir genommen, war aber vor dem Ritual wieder fast weg. Irgendwo anders. Gegenüber Žanetta hab ich einen Namen erwähnt, den ich bis dahin noch nie gehört hatte..."
Susan runzelte die Stirn. "Na das ist ja wirklich ungewöhnlich..." Als aber auch ihr trotz intensiven Nachdenkens keine plausible Begründung einfiel, sprach sie lieber Maike an, was sie sich denn bei der letzten Sitzung dabei gedacht hätte, eine Droge in den Tee zu tun.
"Es war doch nur ein Teelöffel Bilsenkrautsamen. Und außerdem habe ich mich bei Cindy entschuldigt."
"Ein ganzer Teelöffel?" Susan wurde im Nachhinein noch blass. "Wolltest du uns umbringen? Wie oft hab ich gesagt, ihr sollt nicht rumexperimentieren mit Sachen, die ihr nicht beherrscht?" Maike schaute betreten zu Boden und nuschelte:
"Ich wollte eben auch mal ein Immrama erleben. Bei mir hat es bisher noch nie funktioniert. Drum war ich auch so böse, als die Neue... äh... Cindy sich sozusagen vorgedrängelt hat."
Susan schüttelte den Kopf.
"Mädel, Mädel! Auf solche Weise kannst du nie eine Hexe werden. Schau mich mal an, Maike!" Zögernd hob die Angesprochene ihren Blick und ließ den darauf folgenden Vortrag über sich ergehen. Susan nahm darauf Bezug, dass doch die Maxime der Hexen sei "Tu, was du willst, so lange du keinem schadest dabei!" und dass daraus zum einen resultiert, dass man seine Wünsche nicht verstecken solle. Sie hätte also darüber sprechen sollen, dass sie selbst ein Immrama vorhatte zu erleben. Und zum zweiten dürfe man nicht fahrlässig die Gesundheit der anderen Leute aus dem Coven gefährden. Und eigentlich hätte ihr bekannt sein müssen, dass man Bilsenkraut nicht für Tee verwende, sondern nur für Salben. Und schon gar nicht einen ganzen Teelöffel. Susan berichtete von Bekannten, die in ihrer Finca auf Mallorca denselben Fehler gemacht hatten und dabei ihre eigene Wohnung kurz und klein schlugen. Bilsenkraut würde nämlich gegen Ende des Rausches aggressiv machen.
Maike hatte die Oberhexe die ganze Zeit angeschaut, veränderte aber ihren Blick nicht, als der Vortrag zu Ende war.
"He, Maike", hakte darum Susan nach, "hast du verstanden, was ich dir versucht habe, zu erklären?"
"Ja, natürlich. Äh... Ich werde Bilsenkraut nie wieder in Tee verwenden." antwortete Maike viel zu schnell.
"Und?"
"Was ,Und?'" Maike schaute verständnislos zur Oberhexe. Diese fasste sie an die Schultern und sah ihr tief in die Augen. Dann schien Susan einen Entschluss zu fassen. Ganz langsam und jedes Wort einzeln betonend erklärte sie also:
"Pass auf, Maike: Wenn du aus meiner Erklärung keine weiteren Schlussfolgerungen ableiten kannst, als Bilsenkraut nicht mehr für Tee zu verwenden, dann wäre ein Bleiben in unserem Coven für dich und für uns gefährlich. Du wirst weiterhin meine Freundin sein, aber komme bitte nie mehr zu irgendwelchen Sitzungen hier her!"
Maike war nicht in der Lage, zu sprechen. Zwei dicke Tränen rannen ihr über die Wangen. Aber sie hatte so viel Vertrauen zu Susan, dass sie ihr glaubte. Das Gespräch wandte sich anderen Themen zu. So erzählte zum Beispiel Žanetta vom alten Belenov aus Bílina, einer kleinen tschechischen Stadt. Erst jetzt wurde Cindy klar, dass derjenige, den sie besuchen sollte, nicht in Deutschland wohnt. Und nun fiel ihr auch wieder die übergangene Frage an Susan ein. Aber so sehr sie sich bemühte, Susan zu bewegen, etwas zu erklären, so erfolglos blieb diese Bemühung. Und bald war auch wieder die Zeit zum Nachhausefahren gekommen. Die vier Frauen verabschiedeten sich ganz herzlich. Besonders Maike, die immer noch ein Gesicht wie 14 Tage Regenwetter machte, wurde von allen gedrückt.
Als Cindy auf die Uhr schaute, merkte sie, dass noch genügend Zeit war, den Heimweg zu Fuß zu bewältigen. Und so schlenderte sie über die Straßen von Steinbach, schaute mal nach einem Graffiti an einer Häuserwand, mal auf die Pflanzen in den Vorgärten oder im ungereinigten Rinnstein. Obwohl es langsam dunkel wurde, fiel ihr plötzlich eine Gruppe von Pflanzen auf, die durch einen rostigen Zaun hindurch gewachsen waren und auf den Gehweg hingen. Cindy kannte viele Pflanzen mit Namen, aber diese Sorte war ihr noch nie begegnet. Die Blätter erinnerten an Löwenzahn, waren aber kürzer und behaart. Im unteren Teil der Pflanzen, waren die meisten Blätter vertrocknet, also bräunlich oder gelb. Nur am oberen Ende, waren sie noch grün und an der Stelle, wo sie am Spross angewachsen waren, erkannte Cindy eigenartige Gebilde. Es handelte sich offensichtlich um Samenkapseln, deren Form das Mädchen an einen Märchentrickfilm erinnerte. Cindy wusste zwar nicht mehr, wie das Märchen hieß, aber der Kopf der Prinzessin hatte die Form der Frucht: wie ein Ei mit einer Krone darauf.
"So etwas habe ich noch nie gesehen, das muss ich Vati zeigen!" murmelte Cindy für sich und kniff eine der drei Pflanzen mit den Fingernägeln ab.

Kaum zu Hause angekommen, machte sich Cindy bettfertig. Sie fühlte sich irgendwie schwach und todmüde. Die eigenartige Pflanze hatte sie auf den Wohnzimmertisch gelegt und daran gefreut, dass ihre Eltern offensichtlich etwas Holz im Kamin angebrannt hatten. Dieses Jahr war der Sommer bis jetzt ziemlich nass und kühl geblieben, sodass man durchaus abends ein kleines Kaminfeuerchen vertragen konnte.
Bereits im Nachthemd auf dem Weg in's Bett, sah sie ihr Amulett liegen. Cindy lächelte. Nein, sie würde es nicht wieder unbeachtet im Schrank verschwinden lassen. Sie hängte es um und wollte sich schon Schlafen legen. Aber irgendetwas hielt sie noch davon ab. Cindy rätselte und ging in's Wohnzimmer zurück. Da lag die unbekannte Pflanze.
"Ach ja, " fiel ihr ein, "die wollte ich ja meinem Vater zeigen. Aber der schläft ja schon. Nein, heute Abend wecke ich ihn nicht noch einmal." Sie riss ein Blatt ab, zerrieb es zwischen den Fingern und roch daran.
"Na, sehr angenehm ist der Geruch ja nicht." stellte sie fest und ging nun aber doch in's Bett.
Sie brauchte nicht lange, bis ihr die Augen zu fielen. Und träumte, sie säße im Zug. Wunderbare Landschaften zogen am Fenster vorbei. Ihr fiel ein, wo sie derartige Berge schon einmal gesehen hatte: In der sächsischen Schweiz. Ja, das war die sächsische Schweiz. Cindy fuhr und fuhr und spürte Langeweile. Und dann überlegte sie, warum sie denn überhaupt mit dem Zug durch die Gegend fuhr. Aber es wollte ihr nicht einfallen. Ein Traum konnte es nicht sein, denn in Träumen spürt man keine Langeweile. Die Orte da draußen wollten ihr so gar nichts über ihr Ziel sagen. Bad Schandau..., Schöna, letzter Bahnhof in Deutschland. Hmm, wieso stieg sie nicht aus? Irgendetwas hielt sie zurück. Decín. Na endlich ging sie hinaus auf den Bahnsteig. Aber nur um in einen anderen Zug zu steigen. Warum tat sie das alles? Welche Kraft führte sie? Aber da Cindy sich sicher war, nie wieder allein zurück zu finden, ergab sie sich der Kraft und war gespannt, wo sie hingeführt wurde. Ein paar Namen auf den Bahnhöfen kannte sie ja: Ústí und Teplice. Aber die meisten waren für sie böhmische Dörfer. Cindy musste über diese Assoziation lachen. Ja, natürlich - das waren ja wirklich böhmische Dörfer. Und dann fuhr sie auf einen Bahnhof ein, zum Aussteigen bereit. Cindy fiel es wie Schuppen von den Augen. Die Stadt hieß Bílina. Und plötzlich kannte sie ihr Ziel. Es war Karel Belenov...
Ohne zu zögern war Cindy durch die Straßen gegangen, hatte sich durch Neubauviertel gefunden und stand nun vor einem alten Bauernhaus. Ja, richtig: Belenov stand an der Tür. Sie läutete dreimal. Aber keiner machte auf. Dann hörte sie einen alten Mann husten und rufen:
"Jsem zde. Otevrte!" Was war denn das wieder? Die Wörter klangen so fremd und doch wusste Cindy, was er gesagt hatte: "Ich bin hier. Machen Sie ruhig auf!" Seit wann konnte sie tschechisch? Sie atmete tief durch. An Wunder musste sie sich anscheinend gewöhnen. So entschloss sie sich also, die Tür zu öffnen. Knarrend ging sie auf und gab den Blick auf einen gefliesten Flur frei, von dem mehrere Türen abgingen und geradeaus eine Treppe begann. Die erste Tür links war offen und Cindy sah ein sehr einfach eingerichtetes Wohnzimmer. Auf einem Schaukelstuhl saß Karel Belenov, weißhaarig, bärtig, uralt. Doch sein Blick war herzlich und warm. Als er Cindy sah, rief er:
"Kreisela! Meine Tochter! Wie lange haben wir uns nicht gesehen?"
Cindy widersprach zwar: "Ich bin nicht Ihre Tochter Kreisela. Ich bin Cindy Sumpfmann und komme aus Deutschland." Doch im Herzen wusste sie, dass er Recht hatte.
Sie ging vorsichtig auf ihn zu und auch er erhob sich. Und dann wurde das Gefühl in ihr so stark, dass sie ihr jetziges Leben total vergaß und ihm in die Arme fiel.
"Vater!" rief sie und war plötzlich in einer anderen Welt. Ihr Vater saß in Leder und Metall gekleidet auf einem Rappen und Cindy in einem lindgrünen, langen Kleid auf einem Apfelschimmel. Und dann kam ihr wieder eine fremde Sprache in's Ohr. Und Namen, die ihr bekannt waren. Belenov und Belenos, diese Ähnlichkeit! Und auch Kreisela - ja in Tschechien hätte sie es so geschrieben. Aber dieselbe Aussprache wurde bei den Kelten doch "Creiddyladh" geschrieben. Laut schrie sie auf, als ihr klar wurde, was das bedeutete: Sie war selbst die Göttin Creiddyladh, die Tochter des Gottes Belenos...

Cindys Mutter hatte einen Schrei gehört, aus dem Zimmer ihrer Tochter. Schlaftrunken ging sie dorthin, wo sie Cindy sich hin und her werfend vorfand.
"Mensch, Mädchen, was machst du? Bist du krank?" sprach sie mehr zu sich selbst. Sie streichelte ihr über die Wange, was Cindy etwas zu beruhigen schien. Aber das Mädchen wachte nicht auf. Und nun entdeckte die Mutter das Amulett.
"Was soll denn das? Du wirst dich in der Nacht noch erhängen! So eine Unvernunft!..."
Vorsichtig nahm sie ihr den Anhänger ab, deckte Cindy zu und als nun das Mädchen mit einem friedlichen Lächeln weiterschlief, ging sie in ihr Zimmer zurück.
‚Sie wird einen bösen Traum gehabt haben.' dachte die Mutter und ging noch einmal in's Wohnzimmer.
"Ach Mädel!" schimpfte sie plötzlich, als sie das Kraut auf dem Wohnzimmertisch liegen sah, "Was soll denn das nun wieder?" Cindys Mutter roch daran, schüttelte sich angewidert und warf die Pflanze auf die noch glimmenden Holzscheite im Kamin. Nun schlich sie in's Schlafzimmer zurück. Ihr Mann Ralf drehte sich schlaftrunken auf die andere Seite und grummelte:
"Ramona, was schleichst du denn wieder in der Nacht draußen rum? Cindy ist doch groß genug, um selber auf sich aufzupassen. Und sie fühlt sich zu sehr kontrolliert, wenn du immer nach ihr schaust."
"Ach, ihr Männer versteht das nicht." schimpfte Ramona über die Kritik. Aber Ralf hörte das schon gar nicht mehr, denn er war wieder eingeschlafen. Ramona war aber noch hellwach. Ihr fiel ein, dass Cindy vielleicht wieder nörgeln könnte, wenn sie am nächsten Morgen feststellen würde, dass ihre Mutter die Pflanze weggeworfen hatte. Und so entschloss sie sich, das Kraut wieder aus dem Kamin zu holen. Das schien aber zu spät zu sein, denn als Ramona in der Stube ankam und sich vor den Kamin kniete, schwelte die Pflanze an einigen Stellen schon. Cindys Mutter nahm sie trotzdem von der Glut und versuchte mittels blasen, größeren Schaden zu verhindern. Die Pflanze qualmte aber stattdessen immer stärker. Und die Frau schien das nicht zu verwundern, ihr war das sehr angenehm. In tiefen Zügen sog sie den Rauch durch die Nase. Ramona war so sehr angetan von dem Rauch, dass sie mit der Pflanze in der Glut stocherte, als der Qualm nachließ. Sie atmete noch einmal einen tiefen Zug des Rauches ein, der nun wieder von der Pflanze aufstieg und merkte nun erst, dass mit ihr etwas geschehen war. Sie war gerade noch so fähig, die Pflanze wieder in die Glut zu werfen und wollte aufstehen, um in's Schlafzimmer zurückzukehren. Doch ihre Beine und Arme versagten ihr den Dienst. Ramona fiel vorn über, zum Glück jedoch nicht in den Kamin. Ihr Kopf wurde von mächtig hämmernden Schmerzen geplagt, sodass sie alle Kräfte aufbot und sich in das Badezimmer schleppte. Als sie sich im Spiegel betrachten wollte merkte Ramona, dass ihr Sehvermögen nachgelassen hatte. Sie erkannte nur verschwommen ihr Gesicht, das offensichtlich jedoch ziemlich rot angelaufen war. Ihr Kopf schien ihr größer und schwerer geworden und von einer Elefantenhaut umspannt. Der Spiegel schwankte vor ihr hin und her und plötzlich war ihr Kopf ganz dicht davor. Die Iris von Ramonas Augen war nahezu verschwunden und zwei riesige Pupillen starrten die Frau aus dem Spiegel an. Dann verschwand so ziemlich alles im Nebel. Alles um sie herum schwankte und schien zu tanzen und Ramona erfasste ein unglaubliches Gefühl. Ihr Zustand versetzte sie in Angst und Schrecken, aber andererseits genoss sie diesen Schrecken mit Wohlbehagen. Es war grausig und trotzdem schön. Alles was sie um sich herum wahrnahm, schien hemmungslos verkehrt. Ein dunkles Handtuch schien sie einzuladen und es war männlich. Es enthielt das Wesen eines wunderbaren Mannes, gewalttätig und lüstern, dass sie ihm nicht widerstehen konnte. Obwohl sie kaum gehen oder stehen konnte, erfasste sie ein unbeschreiblicher Trieb. Sie riss das Handtuch von der Wand und presste es an ihren Körper.
Nun kam ein anderes Gefühl auf. Ramona meinte, unbedingt etwas zerreißen zu müssen und trotz der Schwierigkeiten mit ihren Extremitäten, flog einiges in Fetzen, was sie im Normalzustand wohl nie zu zerstören geschafft hätte. Die Zerstörungswut endete damit, dass Ramona nichts Wirkliches mehr wahrnehmen konnte. Sie sah nur noch Nebelwolken, fliegende Steine und schauerliche Fratzen um sich herum. Zwischen all dem flog sie irgendwohin. Dieses Fliegen verschaffte ihr eine animalische Befriedigung. Zerfließende, nebelhafte Wesen tauchten aus der Tiefe auf, irgendwo oben floss ein blutiges Wasser und dann waren Worte zu hören. Sie mussten von Ramona selbst gesprochen worden sein, waren aber irgendwie sinnlos und ohne Zusammenhang. Trotzdem meinte sie, alles genau so sagen zu müssen, wie sie es aussprach, sonst würde sie nicht verstanden. Verstanden von wem? Ramona wusste, dass sie irgendeinem Wahnsinn verfallen sein musste und empfand das aber als wunderbar. Als sie durch einen Berg mit schwarzen und dunkelgrünen Erzen flog, bekam langsam die eine oder andere Form wieder etwas Gegenständliches. Sie meinte, einen Fluss zu erkennen mit stark strömendem Wasser, in dem eine Insel lag. Auf der Insel waren Frauen in seltsamen Gewändern, rot, schwarz und weiß, die ihr entgegensahen und winkten. Doch ehe Ramona auch nur einen Schritt in Richtung Wasser tun konnte, verschwamm das Bild und nun war ihr, als ob sie sich in einem Zug befände. Sie versuchte, zu erkennen, wo sie war, doch so sehr sie sich Mühe gab, sie konnte durch das Fenster des Zugabteils nicht hindurchschauen. Und auch der Eindruck, im Zug zu sein, dauerte nicht lange an, denn schon verschwamm auch dieses Bild und sie fand sich in einem Flur wieder, von dem mehrere Zimmer abgingen. Aus einem Zimmer hörte sie die Stimmte eines alten Mannes der mit einem Mädchen sprach. Es kam ihr vor, als sei es ihre Tochter, aber das Mädchen sprach seltsamerweise tschechisch. Noch ehe sie die Tür erreicht hatte, verschwamm zum dritten Mal alles vor ihren Augen. Nun aber nahm die Welt um sie herum wieder klare Konturen an. Sie erblickte Pferde mit Reitern. Das eine Pferd war ein schwarzer Rappen und ein Mann in Leder und Metall saß aufrecht und seltsam erhaben auf seinem Rücken. Das andere Pferd war ein Apfelschimmel und in seinem Sattel saß, ganz in lindgrün gekleidet... Cindy. Der majestätische Herr mit dem Rappen ritt zu Ramona heran, streichelte ihre Wange und meinte:
"Unsere Tochter ist richtig erwachsen geworden, nicht wahr?"
Ramona bemerkte ihre zärtlichen Gefühle dem Mann gegenüber mit Entsetzen, denn das war nicht Ralf. Trotzdem war Cindy anscheinend ihre gemeinsame Tochter. "Träume ich?" fragte sie sich, kam aber zu dem Schluss, dass alles viel zu real war für einen Traum. Was war nur passiert? Die innere Angst war nun nicht mehr schön. Panisches Entsetzen bemächtigte sich Cindys Mutter und sie schrie:
"Lasst mich nach Hause!"
Mit einem Ruck erwachte Ramona und ihr war speiübel. Wahnsinnige Kopfschmerzen ließen sie ein zweites Mal aufschreien, dann zog sie sich am Wannenrand hoch und schaute erneut in den Spiegel. Ihre Haare waren wirr, ihr Gesicht allerdings nur noch ein wenig gerötet. Die Pupillen waren noch größer, als sonst, aber nicht mehr so riesig. Sie setzte sich auf den Rand der Badewanne und versuchte, den Traum zu rekonstruieren. Es fiel ihr zwar leicht, sich an die Bilder zu erinnern, aber sie wäre nicht fähig gewesen, alles in Worte zu fassen. Ralf kam, wahrscheinlich von den Schreien seiner Frau geweckt, in's Badezimmer gewankt und erschrak, als er den Zustand seiner Frau bemerkte. Die fiel ihm heulend um den Hals und stammelte nur noch:
"Du Ralf, ich glaube, Cindy hat uns hier Drogen mit in's Haus gebracht." Dann verlor sie das Bewusstsein und wurde von Ralf in's Bett gebracht. Der herbeigerufene Notarzt stellte später im Labor eine hohe Konzentration von Hyosciamin, Atropin und Scopolamin in ihrem Blut fest.

Olaf Tauchert & Kati Fräntzel

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