Die Hexenschule

Kapitel
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Kapitel 2
Im Hexenzirkel


Nachdem Cindy nun den Frust der ganzen letzten Wochen an Susan's Schulter herausgeheult hatte, ging es ihr wesentlich besser. Gierig schlürfte sie eine heiße Tasse Tee und danach gleich noch eine. Langsam beruhigte sich die Stimmung in der Runde und man kam überein, das Ritual heute trotz alles vorangegangenen Ärgers durchzuführen. Cindy sollte heute entsprechend ihres Wunsches diejenige sein, die in die Anderswelt reisen würde. Sie hatte zwar überhaupt keine Vorstellungen, was das bedeutete, aber komischerweise freute sie sich darauf. Nichts deutete auf irgendwelches Lampenfieber hin und darauf, dass sie zwischen Menschen saß, denen sie einen halben Tag zuvor noch völlig fremd gewesen war. Um eine solche Andersweltreise durchführen zu können, musste natürlich der Kreis, den Maike durch ihr Gehen durchbrochen hatte, wieder neu beschworen werden. Aber als wieder alle saßen, hörte Cindy die beruhigende Stimme von Susan und gab sich ihren Gedanken hin.
"Schließe deine Augen und schalte langsam deine Gedanken ab. Atme rhythmisch und tief. Konzentriere dich auf deinen Geist und entspanne dich. Lass los. Richte deine Aufmerksamkeit nach innen und dann auf die Anderswelt. Ziehe dein Bewusstsein aus der physischen Welt ab. Du weißt, dass du von deiner inneren Kraft und von der Liebe der Göttin beschützt wirst..."
Bei dem Wort Göttin erschien in Cindys Geist das Bild einer nackten, glatzköpfigen Frau, die ihr zulächelte. Und obwohl sie diese Frau noch nie gesehen hatte, wusste Cindy, dass diese Frau Sheila hieß. Sheila na Gig. "Wieso weiß ich, dass du Sheila heißt?" schien Cindy die Frau in Gedanken zu fragen und diese antwortete: "Weil ich eine Göttin bin. Die Göttin, der du bestimmt bist, zu dienen." Nur wie von ferne hörte Cindy noch Susan's ruhige Stimme:
"...du weißt, dass du immer alles unter Kontrolle hast und die Macht besitzt, jederzeit zu deinem wachen Bewusstseinszustand zurückzukehren. Wenn du an einem Punkt der Reise zurückkehren möchtest, dann denke einfach nur die Worte ICH BIN ZUHAUSE. Dadurch kehrst du zurück..."
Aha, dachte Cindy, das ist der Gegenzauber. Und da ich den nun kenne, kann mir nichts mehr passieren. Und so ließ sie sich fallen in eine Gedankenwelt, die ihr bis dahin völlig unbekannt war. Die Worte der Oberhexe und das Geschehen in einer Art Traum verschmolzen miteinander. Es konnte kein richtiger Traum sein, denn es schien Cindy alles sehr real. Sie sah sich im Vorhof eines kleinen Steintempels stehen. Um sie herum herrschte die Stille eines tiefen europäischen Waldes, wie es ihn vielleicht vor 2000 Jahren gegeben haben mochte. Im Hof des Tempels sah sie einen Brunnen, aus dem zwei Bäche entsprangen. Aber es war kein Wasser, was floss. Der eine Bach war blutrot gefärbt und der andere schneeweiß. Cindy passierte den Brunnen und gelangte an eine Treppe. Am oberen Ende der Treppe befand sich eine schwere Eichentür, zu der sie hinaufstieg. Dort angekommen, erkannte Cindy eine Schnitzerei, die sie sehr wohl kannte: Es war eine Darstellung von Sheila na Gig. Sheila hatte ihr gesagt, sie sei ihre Göttin und so versuchte Cindy mehr über diese Göttin zu erfahren. Ihre Hände griffen nach der Schnitzerei und es war ihr, als ob die Göttin immer größer werden würde. Cindy wusste plötzlich, dass sie vor der Entscheidung stand, in die Göttin einzutauchen oder nicht. Sheila war da, um ihre Weltauffassung zu verändern, ihr die Geheimnisse der alten keltischen Religion zu offenbaren und so erlaubte sich Cindy, in Sheilas dunklen Schoß zu fallen.
Sie befand sich nun an einem Ort des Nichts. Hier gab es weder Licht, noch Wärme, noch Kälte, noch irgendein Ding nach dem man greifen könnte. Zu ihrer Überraschung stellte Cindy fest, dass es ihr sehr angenehm war. Alle Sorgen und Schwierigkeiten und die endlose Liste ihrer täglichen Probleme waren verschwunden. Hier war sie nur sich selbst verantwortlich. Als sie anfing, dieses Wohlfühlen zu genießen, bemerkte sie, wie sich Licht um sie herum bildete. Langsam erkannte Cindy wieder Formen um sich. Sie befand sich in einem lichten Birkenwald und spürte, dass das ein heiliger Ort war. Ein Stück entfernt von ihr entdeckte sie einen Obelisken und daneben neun Frauen. Drei davon waren rot, drei weiß und drei schwarz gekleidet. Alle lächelten Cindy zu. Sie schaute sich um und bemerkte, dass sie wohl auf einer Insel war, denn ringsherum um den Birkenwald floss Wasser. Es war ein Fluss, der in einer Gewaltigkeit im Westen zu entspringen schien, denn es war nirgends zu erkennen, wo er herkam. Interessanterweise wusste Cindy genau, dass das Westen war. Und im Osten schien er in irgendeine reißende Tiefe zu entschwinden, denn es war auch kein Abfluss zu finden. An den gegenüberliegenden Ufern des Flusses erkannte Cindy in jeder der vier Himmelsrichtungen einen großen Kupferkessel.
Plötzlich deutete ihr eine der drei schwarz gekleideten Frauen, zum Obelisken zu kommen. Von der Nähe sah sie, dass sich davor ein Steintisch befand, auf dem verschiedene Gegenstände lagen und Cindy spürte, dass alle magische Eigenschaften hatten. Wie soll ich jetzt reagieren, fragte sie sich. Und irgendein Impuls in ihrem Inneren ließ sie in einer Sprache sprechen, die ihr ungewohnt war, jedoch leicht von der Zunge ging:
"Seid gegrüßt, edle Frauen! Mein Name ist Cindy und ich bin hier, um meinen Weg zu finden." Eine weiß gekleidete Frau trat vor. Sie war sehr jung, etwa in Cindys Alter. Als ob es ein Teenager-Geheimnis wäre, nahm sie Cindy zur Seite und überreicht ihr ein Messer mit, wobei sie flüsterte: "Sei gegrüßt, Cindy! Nimm dieses Messer um dich zum Kessel im Osten zu begeben. Dieser Weg wird nicht einfach werden. Die Hindernisse, die dir von anderen in den Weg gelegt wurden, sind immer noch da. Wir Schwestern sind deshalb hier, um dir beizustehen." Und so lief Cindy an das östliche Ufer der Insel. Je näher sie dem Fluss kam, desto stärker wurde der Wind und sie musste sich mit ihrem ganzen Körper gegen den Sturm stemmen, als sie das Ufer erreichte. Doch auf einmal wusste Cindy, was sie tun sollte. Sie rief:
"Ich grüße dich, Göttin Uairebhuidhe! Ich bin Cindy, eine Dienerin von Sheila na Gig. Edle Göttin der Luft, hilf mir, meine Lehren im Kessel des Ostens zu finden!" Dann warf Cindy das Messer als Opfer für die Göttin in den Fluss und ein riesiger Vogel erschien und brachte sie auf dem Luftwege an das andere Ufer. Ehrfurchtsvoll näherte Cindy sich dem Kessel und erblickte keine Flüssigkeit, sondern eine schwebende Energiewolke. Diese Wolke gab kein Geräusch von sich, zeigte keine Symbole, noch berührte sie einen anderen von Cindys Sinnen. Und doch erkannte Cindy die Mitteilung, die die Wolke ihr gab: Du bist geboren, um zu führen. Cindy dankte Uairebhuidhe und wurde von einem Wirbelwind erfasst, der sie wieder vor dem Obelisk absetzte.
Eine der rotgekleideten Frauen sah sie liebevoll wie eine Mutter an und fragte Cindy, ob sie weitere Lehren annehmen wolle. Cindy nickte und nahm aus der Hand der Frau eine Fackel entgegen. "Auf dem Weg nach Süden", erklärte die Rotgekleidete, "wirst du auch einige Schwierigkeiten haben. Falsche Leidenschaften, Hass und Neid, die dir anerzogen wurden, machen ihn so schwer." Nun begab sich Cindy an das südliche Ufer, aber je weiter sie ging, desto wärmer schien die Sonne und als sie den Fluss erreichte, schien er fast zu kochen.
Cindy folgte ihrer Eingebung und rief:
"Ich grüße dich, Göttin Creiddyladh! Ich bin Cindy, eine Dienerin von Sheila na Gig. Edle Göttin des Feuers, hilf mir, meine Lehren im Kessel des Südens zu finden!" Sie warf die Fackel als Opfer ins Wasser und eine Bärin erschien, um sie durch den Fluss zu tragen.
Mit zögernden Schritten ging Cindy zum Kessel des Südens und erblickte darin einen Feuerteppich. In bunter Farbenvielfalt züngelten die Flammen umeinander. Cindy streckte ihre Hand in Richtung Kessel aus, doch sie konnte das Feuer nicht ertasten, spürte nicht dessen Hitze, noch wurde ein anderer von Cindys Sinnen berührt. Und doch erkannte sie die Botschaft des Kessels: Du wirst lieben und geliebt werden. Dieses Mal wurde Cindy nicht sofort wieder zum Obelisken befördert. Irgendetwas hielt sie fest. Wie aus dem Nichts war eine Frauengestalt im leuchtend-lindgrünen Kleid aufgetaucht und lächelte sie an. Und ein Gefühl tauchte plötzlich auf, welches Cindy nicht zu beschreiben vermochte. Es war ihr, als ob sie eins war mit allem um sich herum. Sie fühlte ihren Körper nicht mehr, war nicht mehr an irgendeinem Platz in irgendeiner Welt. Sie existierte eben einfach. Auch ihr Gegenüber war sie, fast entstand ihr der Eindruck, die Frau in grün hatte ihre Gesichtszüge. Doch dann verblasste das Bild, sie spürte wieder, dass sie Cindy war und die Frau war... Göttin Creiddyladh persönlich. Sie fühlte sich geehrt, verbeugte sich tief vor der Göttin und dankte ihr. Cindy wollte ihr zum Abschied etwas wünschen, doch ihr fiel nichts Passendes ein. Und ehe sie es bemerkte, war die Göttin ganz verschwunden, Cindy wurde von einer Flamme erfasst und vor den Obelisken getragen.
Eine der schwarzgekleideten Frauen, die ein faltiges Gesicht und graue Haare hatte, fragte sie: "Bist du bereit für die nächste Herausforderung?" und als Cindy bejahte, übergab ihr die Frau einen aufwendig mit Ornamenten und Symbolen verzierten Stein mit den Worten: "Auch der Weg in den Norden ist keinesfalls leicht. Man hat dir in deinem Leben viele falsche Sachen glauben gemacht. Darum übersiehst du den richtigen Weg, wenn du nicht deinem Herzen folgst." Und Cindy begab sich auf ihren Weg in den Norden. Je weiter sie kam, desto mehr begann die Erde zu zittern und zu dröhnen und als sie das Ufer erreicht hatte, warf sie ein kräftiges Erdbeben um. Aber Cindy war wieder instinktiv klar, was folgen musste. Sie rief:
"Ich grüße dich, Göttin Turrean! Ich bin Cindy, eine Dienerin von Sheila na Gig. Edle Göttin der Erde, hilf mir, meine Lehren im Kessel des Nordens zu finden!" Und auch den Stein warf Cindy in den Fluss, um ihn Turrean zu opfern. Sogleich tauchte eine Hündin auf, auf dessen Rücken Cindy zum anderen Ufer gebracht wurde. Auch hier ging sie voller Respekt zum Kessel hin und schaute hinein. Tausende große und kleine Kristalle waren zu sehen. Cindy nahm einige aus dem Kessel und führte die Kristalle an ihr Gesicht. Sie roch nichts, sie schmeckte nichts, noch wurde ein anderer von Cindys Sinnen berührt. Und doch spürte sie, was die Steine sagen wollten: Viele werden dich achten und dir vertrauen!
Cindy dankte der Göttin der Erde und ein letzter, gewaltiger Erdstoß warf sie wieder vor den Obelisken.
Bei ihrer Rückkehr rief Cindy ungeduldig: "Und jetzt werde ich den Kessel des Westens erforschen!" Die älteste der schwarzgekleideten Frauen richtete das Wort an sie und sprach: "Der Westen ist nach der keltischen Tradition der Ort mit der größten Macht. Dies ist ein Ort, der dich stark machen kann, oder dem Universum die größten deiner Schwächen offenbart. Er kann dich verbessern oder zerstören. Willst du diesen Ort wirklich aufsuchen?" Doch Cindy dachte, wenn ich die drei anderen Schwierigkeiten überwunden habe, schaffe ich auch das. Sie bestätigte den Schwestern ihren festen Willen, auch nach Westen zu gehen und erhielt einen Kelch. Diesmal regnete es immer mehr, je weiter sie nach Westen kam und als sie das Ufer erreichte, goss es so stark, dass sie die Hand vor Augen nicht sah. Sie rief:
"Ich grüße dich, Göttin Beau Naomha! Ich bin Cindy, eine Dienerin von Sheila na Gig. Edle Göttin des Wassers, hilf mir, meine Lehren im Kessel des Westens zu finden!" Auch den Kelch übergab Cindy den Fluten und ein Lachs tauchte auf, um sie über das Wasser zu bringen. Er war glitschig und auch nicht so groß, wie die anderen Tiere, sodass Cindy zunächst zögerte. Dann überwand sie aber ihre Angst und ließ sich von dem Tier an das andere Ufer bringen. Geradezu ängstlich näherte sie sich dem letzten, größten der Kupferkessel. Er enthielt eine dunkelrote Flüssigkeit, ein Zwischending zwischen Blut und Nacht. Er schien bodenlos, so dass es Cindy schauderte, als sie hineinblickte. Nichts gab ihr ein Signal, aber sie wusste, was der Kessel ihr mitgeteilt hatte: "Du wirst dem Tod nahe sein, doch ihn überwinden." Sie dankte Beau Naomha und wurde von einer riesigen Fontäne vor den Obelisken geschleudert. Die Schwestern jubelten ihr zu und ihre Rufe wurden immer lauter...

Plötzlich sah sie Susan und Daniel über sich und Cindy bekam gerade eine Ohrfeige.
"Sie hat die Augen aufgemacht!" rief Daniel und auch Susan hörte auf ihr Gesicht zu traktieren und meinte erfreut: "Mensch Cindy, du lebst! Wir dachten schon, du bist für immer in die Anderswelt eingegangen. Wie fühlst du dich?"
"Ich mich?" fragte Cindy verwundert "Mir geht's prima." Und tatsächlich war ihr innerlich, als ob sie vor Kraft strotzte. Aber Susan erklärte ihr:
"Ich glaube, Maike hat da irgendeine Droge in den Tee getan. Und du hast wohl drei oder vier Tassen davon getrunken. Jedenfalls bist du umgefallen und dein Puls ging ganz schwach. Wir haben mindestens zehn Minuten versucht, dich aufzuwecken. Dann fiel uns ein, den magischen Kreis erst einmal aufzuheben, während Daniel weiter versucht hat, dich in's Leben zurück zu holen. Und als wir damit fertig waren, bist du fast von alleine aufgewacht."
Verwirrt schüttelte Cindy den Kopf. "Es hat sich doch aber so echt angefühlt! Die Priesterinnen und die Insel und die Gaben an die Göttinnen und..." Sie hielt inne und überlegte einen Moment, ob sie ihnen wirklich von Sheila erzählen sollte.
"Was und?" hakte Daniel nach und sah sie neugierig und besorgt zugleich an. Cindy holte tief Luft und sagte schließlich: "Sheila na Gig hat mich zu ihrer Dienerin gemacht. Sie hat mich auf die Insel mit den Frauen gebracht, die mich dann wiederum zu den Kesseln von vier Göttinnen geschickt haben." Ihr kam die eigene Formulierung etwas unbeholfen vor. Ob die anderen sie verstanden? Erwartungsvoll sah sie zu Susan auf. Die junge Frau saß vor ihr und hatte nachdenklich das Kinn auf die angezogenen Knie gestützt. "Sag mal, Cindy, wie hießen die vier Göttinnen?" Cindy zog fragend eine Augenbraue hoch. Musste das nicht gerade Susan am besten wissen? Trotzdem nannte sie ihr die vier Namen, die während des Immrama erfahren hatte. Cindy lächelte plötzlich. Wieso dachte sie auf einmal wie selbstverständlich in diesen Begriffen? Das Wort Immrama hatte sie bis vor einer Stunde noch nie gehört. Und jetzt war es in ihrem Kopf drin, als ob sie das Wort schon tausende von Jahren benutzte. ‚He!' stutzte sie schon wieder, ‚Wieso denke ich eigentlich an tausende von Jahren? So alt wird doch kein Mensch.' Etwas verwirrt über das, was da in ihrem Kopf passierte, wandte sie sich wieder an die Oberhexe mit der Frage: "Warum wolltest du von mir die Namen hören? Du kennst dich doch mit der Materie sicher viel besser aus.", doch Susan schwieg und stattdessen antwortete Daniel ihr: "Es gibt nicht besonders viele Menschen, die diese Namen so leicht über die Lippen bekommen, wie du gerade eben. Ich selbst hab sie noch nicht ein einziges Mal richtig aussprechen können, aber dir scheint es überhaupt keine Mühe zu bereiten." Susan nickte. "Daniel hat Recht, weißt du. Ganz abgesehen davon, dass wir hier nicht nur keltische, sondern auch andere heidnische Traditionen weiterführen und demzufolge statt Göttern die Wächter der vier Himmelsrichtungen anrufen. Und abgesehen davon, dass diese Wächter nicht alle weiblich sind, so kennen wir doch die von dir genannten Namen. Zudem sind so viele Erlebnisse beim ersten Immrama sehr ungewöhnlich, noch dazu so deutliche. Ich spüre, dass du uns nicht belügst, wenn du sagst vorher noch keinen wirklichen Kontakt mit magischen Zirkeln gehabt zu haben. Also hat das Zeug, dass Maike in den Tee gemischt hat, deine Wahrnehmung der Anderswelt verstärkt und du hast eine ganz besondere Bindung zur alten keltischen Mythologie, Cindy."

Sie warf einen Blick auf die Uhr und stand auf.
"So Leute, ich glaube, es wäre besser, wenn wir jetzt Schluss machen und das Thema ein andermal weiter ausdiskutieren. Schließlich wollt ihr ja morgen in der Schule wieder fit sein, oder?" Cindy wollte im ersten Moment widersprechen. Ihr lagen noch so viele Fragen auf der Zunge, sie wollte Erklärungen, doch ein Seitenblick auf Daniel, der ganz leicht den Kopf schüttelte, schien ihr begreiflich zu machen, dass eine Oberhexe doch meist die vernünftigsten Vorschläge macht. So fügte sie sich, ließ sich von Daniel auf die Beine helfen und räumte zusammen mit den anderen das Zimmer auf. "Ich rufe euch an und sag Bescheid, wann wir uns das nächste Mal treffen, okay?" fragte Susan, als sie die drei zur Tür brachte und verabschiedete. Cindy wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Mit einer verlegenen Geste griff sie zu dem Anhänger, den Susan ihr geschenkt hatte und den sie nun um den Hals trug. "Danke", murmelte sie leise und wusste selbst nicht, ob sie den Abend im Allgemeinen, den Anhänger oder das Immrama meinte. Susan lächelte nur, und nachdem auch Daniel "Tschüs!" gesagt hatte, schloss sie die Tür hinter ihm und Cindy.
"Wir sollten wirklich besser gehen. Um die Zeit fahren nicht mehr besonders viele Busse, weißt du." Und er führte sie durchs Treppenhaus auf die Straße und zur Haltestelle. Die Fahrt verbrachten sie schweigend. Erst als Daniel aussteigen musste, sagte er: "Also dann, wir sehen uns morgen in der Schule. Und mach dir keine Sorgen wegen heut Abend. Susan sah nicht besorgt aus, also glaub ich, dass es bestimmt nicht irgendwie gefährlich war. Mach's gut!" Und damit sprang er aus dem Bus auf die Straße und verschwand um die nächste Ecke.
Cindy starrte aus dem Fenster und spielte mit dem Anhänger. In ihrem Kopf kreisten die Gedanken wild durcheinander. Sie war sich sicher, das alles nicht nur geträumt zu haben, die Begegnung mit Sheila na Gig und den anderen Göttinnen. Woher sonst hätte sie all diese Namen gekannt, die auch jetzt noch durch ihren Geist spukten? Und auch die Botschaften, die sie aus den Kesseln empfangen hatte, gingen ihr im Kopf herum. Was bedeutete das alles? Sie nahm ihren Anhänger in die Hand und fing an, ihn genauer zu betrachten. Das Holz war ganz glatt geschliffen und von graubrauner Farbe. Was ihr vorher noch nicht aufgefallen war: an der breitesten Stelle, wo das einer Pfeilspitze ähnelnde Gebilde war, befand sich eine filigrane Zeichnung - eine Spirale mit Punkten, geraden und schrägen Strichen. Cindy erinnerte sich: Zeichen aus dem Ogham-Alphabet. Je länger Cindy aber das Amulett anschaute, desto unheimlicher erschien ihr die Farbe des Holzes. War der Anhänger glatter und grauer geworden? Als ob die Oberfläche nicht mehr da wäre und man in's Bodenlose blicken würde. Cindy schauderte es. Sie nahm das Teil schnell ab und verbarg es in der Hosentasche.
Als sie schließlich an ihrer Haltestelle ausstieg und das kurze Stück zu ihrem neuen Zuhause lief, war sie immer noch sehr verwirrt. Aber ein tröstlicher Gedanke schlich sich zwischen all die Fragen, die sie beschäftigten. ‚Immerhin kenne ich jetzt jemanden aus meiner Klasse. Daniel scheint wirklich nett zu sein...' Und mit einem kleinen Lächeln schloss sie die Haustür auf.

Die nächsten Tage vergaß Cindy zwar den Abend in Susan's Wohnung nicht, aber sie hatte nicht allzu viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Denn seit diesem Abend behandelte Daniel sie wie eine gute alte Freundin und stellte sie auch seinen anderen Freunden vor. Ein paar gingen mit ihnen zusammen in die Klasse, einige in Parallelklassen und andere stammten aus Daniel's Nachbarschaft. Nach anfänglicher Befangenheit taute Cindy auf und stellte fest, dass Daniel's Freunde allesamt sehr nett waren, sie fragten sie nach Berlin aus und wie sie sich bisher eingelebt habe, gingen mit ihr ins Kino und Eis Essen oder einfach nur in den Park, um sich auf die Wiese zu setzen und zu schwatzen. Allerdings schienen sie nichts von dem magischen Zirkel zu wissen, in den Daniel sie eingeführt hatte, denn als sie ihn bei einem der ersten Treffen nach Susan fragte, winkte er ab und sagte nur: "Nicht jetzt, Cindy." Cindy hatte nichts weiter dazu gesagt und Susan auch nicht wieder erwähnt, aber ein bisschen wunderte sie sich doch darüber. Erst nach etwa zwei Wochen nahm Daniel sie auf dem Schulhof in der großen Pause beiseite. "Du, Susan hat gestern Abend noch bei mir angerufen. Sie hat gefragt, ob wir heute Zeit hätten, sie zu besuchen. Kannst du?" Cindy hatte genickt. "Meine Eltern erlauben es sicher. Wann sollen wir dort sein?" Daniel hob kurz die Schultern. "So gegen sieben, denke ich. Wie immer." Dann hatte es geklingelt und sie waren ohne ein weiteres Wort in ihr Klassenzimmer zurückgekehrt.
Nach der Schule erledigte Cindy ihre Hausaufgaben zur großen Überraschung ihrer Eltern sofort und mit Eile. "Was ist denn mit dir los?", fragte ihre Mutter und sah sie gespielt misstrauisch von der Seite an. "Ach, ich will mich heut Abend mit Daniel und ein paar anderen treffen. Das geht doch klar, Mama, oder?" Und da sie ihre Aufgaben erledigt hatte, wollte ihre Mutter nichts dagegen einwenden, auch wenn da plötzlich mit Selbstverständlichkeit ein Jungenname durch ihre Tochter erwähnt wurde.
"Um zehn bist du wieder zurück!" legte sie also fest, aber Cindy schien das zu zeitig.
"Ooch Mutti, du weißt doch genau, dass erst halb elf Anschluss an der Zentralhaltestelle ist. Und fünf Minuten später ist der Bus vor der Haustür. Bitte!" Nachdem das ihre Mutter lächelnd abgenickt hatte, wäre Cindy beinahe vor Freude oder Aufregung losgestürzt. Schon an der Haustür, kehrte sie jedoch noch einmal um, nahm sich ihr Amulett aus dem Schrank, wo es seit der letzten Sitzung unbeachtet gelegen hatte, und hängte es sich um. Jetzt fühlte sie sich komplett und setzte sie sich, da bereits später Nachmittag war, wieder in den Bus und fuhr gespannt in Richtung Susan.
Schon von draußen hörte sie in Susan's Wohnung das rumoren. Heute waren wesentlich mehr Leute da, als beim letzten Mal. Susan ließ sie ein und kaum hatte sie das Wohnzimmer betreten, sprang auch schon Maike auf und lief auf sie zu. Vor Schreck nahm Cindy den Unterarm schützend vor's Gesicht, was Maike ihrerseits erschrecken ließ.
"Ach du Schande, Cindy, " sagt sie und fasste das Mädchen sanft an der Schulter, "ich muss ja das letzte Mal einen Eindruck auf dich gemacht haben, wenn du gleich Abwehrhaltung einnimmst. Ich will mich doch nur entschuldigen. Aus reinstem Herzen. Weißt du, ich hatte letztes Mal keinen so guten Tag..."
"Oh, dann ist ja gut. Entschuldigung angenommen!" meinte Cindy. Und da nun Maike mit ihr als erstes in's Gespräch gekommen war, übernahm sie das Vorstellen der Personen, die Cindy noch nicht kannte. Da waren noch zwei Frauen so um die 30, beide schwarzhaarig, schlank und groß. Das waren Gabi und Ramona. Eine etwas kräftigere Dame, vielleicht kurz vor'm Rentenalter hieß Regina. Dann war da noch ein graubärtiger, korpulenter Mann wurde ihr als Gerhard vorgestellt wurde. Nachdem Cindy nun auch Daniel und Anna begrüßt hatte, saß zum Schluss noch eine Frau, von der man mit Recht sagen konnte, sie war steinalt. Maike wollte gerade ansetzen, sie vorzustellen, als sie merkte, dass die Alte Cindy tief in die Augen sah. So tief und lange, dass wohl jedem dabei Hören und sehen vergehen musste. So hielt Maike den Mund und setzte sich leise hin.
Nun gab die Alte Cindy die Hand und fragte:
"Mädchen, setzt du dich neben mich?"
"Na klar. Und du bist die...?"
"Die Žanetta bin ich. Babitchka Žanetta. Du wirst als erstes gedacht haben ‚die sieht wie ne echte Hexe aus', stimmt's?" Erst jetzt fiel Cindy der slawische Akzent in der Sprache der Alten auf. Und über ihre Bemerkung musste sie lächeln.
"Also eine böse Märchenhexe hat nicht so einen warmherzigen Blick wie du."
"Ja, mein Blick..." nun schaute Žanetta gedankenverloren vor sich hin. Cindy dachte, das Gespräch sei nun erst einmal beendet und wollte sich schon zur anderen Seite, an Meike wenden, die sich dort hin gesetzt hatte. Aber da fuhr die Alte plötzlich fort:
"...ich habe etwas erblickt in dir. Weißt du, wer du wirklich bist?" Cindy überlegte. Was sollte das nun heißen? Aber sie musste nicht nachfragen, denn Žanetta erklärte es ihr.
"Die Seelen der Menschen wohnen nur in unseren Körpern. Sie haben nur Einfluss auf den Charakter, aber wer es nicht versteht, Zugang zu seiner Seele zu finden -und davon sind sehr viele Menschen betroffen-, der weiß so gut wie nichts über seine Seele. Aber da unsere Seelen schon in sehr vielen Körpern wohnten, kann der eine oder andere von einem seiner vorigen Leben wissen. Deine Seele scheint sehr alt zu sein, das hab ich gespürt. Darum habe ich dich gefragt."
"Ach so, nein an vergangene Leben erinnere ich mich nicht. Aber bei der letzten Zusammenkunft, da hatte ich ein Erlebnis. Es war wie ein Traum, aber viel deutlicher. Und vor Allem so, dass man es nicht so schnell vergisst, wie einen Traum. Es war eigenartig...ich wusste alle möglichen Götternamen...dabei hatte ich vorher noch nie davon gehört..." Cindy war beim Erinnern an das Immrama wieder alles ganz deutlich vor Augen. Als Žanetta sie wiederum ansprach, war es ihr, als ob sie kurzzeitig nicht ganz da gewesen wäre.
"Mädchen!" sagte die Alte. "Wenn du selbst nicht in der Lage bist, die Natur deiner Seele zu erkennen, kannst du zu Karel fahren. Der bekommt das garantiert raus."
"Ja, Karel Belenov." murmelte Cindy in Gedanken, denn sie fühlte sich ganz benommen.
"Genau dieser. Du kennst ihn?" wunderte sich Žanetta, aber Cindy schüttelte den Kopf. Sie war ja schon wieder fast weggetreten. Dabei hatte sie noch nicht eine Tasse Tee getrunken. Waren es die Räucherstäbchen, deren Duft überall im Raum lag? Sie beschloss, Susan zu fragen. Als sie dazu ansetzen wollte, bemerkte sie, dass Susan wohl gerade mit einem Ritual beginnen wollte. Der Abend würde schon noch Gelegenheit dazu bieten, dachte Cindy und verschob ihr Vorhaben. Stattdessen konzentrierte sie sich nun ganz auf Susan. Diese hatte 4 Kerzen in den 4 Himmelsrichtungen aufgestellt und stand nun im Norden mit einem dolchartigen Gegenstand in der Hand, den sie gen Himmel streckte. Cindy war bewusst, dass dieses Messer ein Athame war. Hatte sie dieses Wort schon einmal gehört? Egal, sie wunderte sich über nichts mehr. Susan schnitt nun waagerecht die Luft mit dem Athame und legte diese im Osten ab. Nun begann sie mit ihren Anrufungen:
"Mächtiger Eurus, wir rufen und beschwören dich, unseren Kreis zu schützen und unsere Rieten zu bezeugen! Heil dir und sei willkommen!" Dann wiederholten alle Anwesenden im Chor "Heil dir und sei willkommen!" So ging es im Süden mit dem Wächter Notus, im Westen mit der Wächterin Zephir und im Norden mit der Wächterin Boreas weiter.
Das war also eine etwas intensivere Form des Kreis-Ziehens. Sicherlich würde etwas Wichtiges folgen. Warum lächelte Susan sie an? Als Susan nun eine Göttin anrief, war es Cindy klar: es war Sheila na Gig, die im Kreis erscheinen sollte. Und wirklich, bei ihr stellte sich wieder dieses schöne Gefühl der Geborgenheit ein, also musste Sheila da sein.
Susan nahm das Athame, während Daniel sich einen Kelch schnappte und Wein eingoss. Beide traten in die Mitte des Kreises und Susan begann langsam das Athame in den Kelch zu stecken. Dabei deklamierte nun Daniel:
"Wie das Athame das Männliche darstellt, ist der Kelch das Weibliche. Vereint bringen sie Seligkeit!" Nun wurde der Kelch mit dem Wein rumgereicht und jeder trank einen Schluck. Für die Göttin musste natürlich etwas übrig bleiben.
Jetzt hob Daniel einen Teller mit Kuchen hoch und Susan machte ein Pentagramma über den Kuchen in die Luft. Es folgte wieder eine Deklamation durch Daniel:
"Königin der Mysterien, segne diese Nahrung für unsere Körper. Gib uns Gesundheit, Reichtum, Kraft, Freude und Frieden, sowie die Erfüllung der Liebe, die ewiges Glück ist."
Auch der Kuchen wurde herumgegeben und jeder schnitt sich ein Stück ab, wobei auch hiervon der Göttin etwas übrig gelassen wurde.
Und nun ging es andersherum: man verabschiedete sich von Sheila, entließ die Wächter der Himmelsrichtungen aus ihrer Pflicht und verabschiedete sich von jedem wieder im Chor:
"Doch ehe du in dein Reich zurückkehrst, wünschen wir dir Heil und Lebewohl!"
Der Kreis wurde aufgehoben und schon begann das große Verabschieden. Cindy drehte sich zu Babitchka Žanetta um und meinte:
"Für dieses kurze Schauspiel waren nun alle hier. Das ist ja wie das Abendmahl in der Kirche..."
"Ja richtig", meinte die Alte, "der Vergleich ist nicht falsch. Dieses Ritual ist uns genau so wichtig. Und es ist sicher auch dieselbe Kraft, die beide Religionen anbeten, nur nennen wir sie anders und fassen sie anders auf, als die Christen."

Olaf Tauchert & Kati Fräntzel

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