Die Hexenschule

Kapitel
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Kapitel 1
Fremd und nicht gemocht


Friedlich schmiegt sich das Städtchen Steinbach in drei Täler, die man im äußersten Norden des Erzgebirges findet. Für die ländlichen Verhältnisse dieser Gegend ist es schon recht urban, es fehlt ihm aber noch viel am weltstädtischen Flair von Hamburg, München oder Berlin.
Für Cindy Sumpfmann, einen sechzehnjährigen Teenager, der gerade mit seinen Eltern nach Steinbach gezogen war, stellte sich der Unterschied besonders krass dar. Sie ist eigentlich eher ein Durchschnittstyp: Nicht zu groß und nicht zu klein, nicht mollig, aber auch nicht nur Haut und Knochen. In Berlin hatten etliche Jungs sie umschwärmt und sie war fest in eine Mädchenclique integriert gewesen. Hier fiel sie mit ihren schrillbunten Klamotten und ihren magentafarbenen Haaren auf. So stand sie also traurig im Flur des Kopernikus-Gymnasiums und murmelte vor sich hin:
"Das kotzt mich alles an!" Sie kannte niemanden und alle sprachen sächsisch. Vor ein paar Tagen hatte sie noch mit ihren Freundinnen über diesen Dialekt gelacht. Hier wäre ein Scherz darüber sicher nicht angebracht gewesen. Das Schlimmste war aber, dass sie sich wie Luft fühlte. Alle hatten nur Augen und Ohren für Jaqueline. Das machte Cindy besonders wütend, ja sie hasste dieses Mädchen fast. Schon wieder stand Jaqueline in einer Ecke mit Julia und tuschelte.
‚Bestimmt lästern die beiden wieder über mich oder denken sich einen üblen Scherz aus.' dachte sich Cindy und stellte sich unauffällig in deren Nähe um zu lauschen. Aber ihre Vermutung stellte sich als falsch heraus.
"...ja, glaub mir, sie ist wirklich eine Hexe, Julia!" hörte sie Jaqueline sagen, worauf Julia ihrer Freundin einen Vogel zeigte und meinte:
"Ich glaub den Unsinn nicht, auch wenn du meine beste Freundin bist, Jaqu'. Ich kann mir vorstellen, dass jemand mit Kräutern und Räucherstäbchen Geld machen kann und mit 'ner Glaskugel oder Kartenspielertricks eine angebliche Zukunft voraussagt. Aber Zauberei ist das nicht." Jaqueline zog die Stirn kraus und machte einen Schmollmund.
"Wenn du mir nicht glaubst, " maulte sie, "musst du eben mal mitkommen. Gegenüber ist ein Abbruchhaus, in das man ganz leicht hinein kommt. Vom 4. Stock aus kann man sie dann sehen. Sie stellt dann aus Kerzen jedes Mal so einen Kreis auf und setzt sich mit den anderen Leuten in dessen Mitte. Und was die für Fummel anhaben! Ich sage dir, die sehen so richtig mittelalterlich aus... ...es sind eben Hexen."
Julia schaute zwar noch ungläubig aus den Augenwinkeln, schien aber ihren Widerstand aufgegeben zu haben.
"Na, Kerzen im Kreis aufzustellen ist noch lange keine Zauberei. Aber wenn du darauf bestehst, schaue ich mir das an. Wo ist das genau?"
"Dort wo die Herbertstraße auf den Zellwaldweg trifft, ist doch so ein Tattoo- und Piercing-Studio. Dort oben drüber. Und auf der Herbertstraße gegenüber ist das Abbruchhaus. In dem Durchgang unter dieser Ruine können wir uns morgen Abend treffen."
"Morgen hast du gesagt, Jaqu'? Nicht heute?"
"Nein, heute hab ich was vor. Mir ist da ein ganz toller Typ begegnet ..." flüsterte Jaqueline und machte ein vielsagendes Gesicht. Aber Cindy hörte nicht mehr zu. Zauberei? Hexen? Magie? Das musste sie sehen. Die zwei würden sich dort erst morgen blicken lassen, also könnte sie doch schon heute ungestört in das Abbruchhaus gehen. Dann würde sich ja zeigen, was es mit den Hexen auf sich hat. Seit geraumer Zeit schon interessierte sie sich für Esoterik und übersinnliche Phänomene. Ja sie verschlang regelrecht Bücher über diese Themen. Einmal probierte sie sogar einen Voodoo-Zauber an ihrem Ex' Robert aus, aber gewirkt hatte der nicht. Und nun sollte sie die Gelegenheit haben, Hexen zu beobachten. Vielleicht echte Hexen. Sie lächelte vor sich hin und der Gedanke ließ Cindy nun nicht mehr los. Vergessen war all ihr Frust über den Umzug und die fehlenden Freunde. Sie kam heim, warf den Ranzen in die Ecke und kramte sofort den Stadtplan aus dem Landkartenstapel ihres Vaters. Die zwei Straßen waren auch ganz leicht zu finden. Aha, auf dem Mondberg. Und mit dem Bus Nr. 21 musste sie da hin fahren. Das war geklärt.
Sie startete ihren Computer, chattete mit ihren Berliner Freunden und lud sich die Lösung für ihre Latein-Hausaufgabe runter.
"Scheiß Latein", murmelte sie, "das werd ich sowieso nie begreifen!" Gleich hatte sie wieder das zornige Gesicht ihres Vaters vor ihrem geistigen Auge. Der konnte sich einfach nicht in Cindy hineinversetzen. Immer wieder hielt er ihr vor, sie möge doch ‚endlich aufwachen', was auch immer er damit meinte. Denn sie hielt sich selbst nicht für eine Träumerin. Na klar, eine Vier oder Fünf auf dem Abi-Zeugnis würde ihr die Studienplatz-Suche erschweren. Aber wie sollte sie je das nachholen, was sie inzwischen versäumt hatte? Cindy hatte einfach andere Prioritäten gesetzt. Freunde waren ihr einfach wichtiger, als Lernen. Und inzwischen gab es so viele Wissenslücken, dass sie aufgegeben hatte. Cindy schuf sich als Ausrede vor sich selbst ein Modell, indem sie sich notwendiges Wissen für ein erfolgreiches Latinum als Turm vorstellte und ihre Wissenslücken als ein tiefes Loch. Und nun war klar: Über einem Loch kann man keinen Turm errichten. Also gab sie sich keine Mühe mehr damit. Da konnte ihr Vater noch so wettern. Außerdem machte chatten doch viel mehr Spaß...
Und so ging der Nachmittag vorbei. Als ihre Mutter heimkam, huschte Cindy an ihr vorbei.
"Moment!", rief die Mutter und hielt Cindy am Ärmel fest. "Wohin so eilig, mein Fräulein?"
"Eine neue Freundin besuchen." Die Lüge kam ihr glatt über die Lippen. "Es kann spät werden ..."
Die Mutter hob eine Augenbraue hoch. Man konnte förmlich sehen, dass sie Cindy am liebsten mit Fragen bombardiert hätte. Andererseits war sie aber erleichtert, dass ihre Tochter nicht mehr unter dem Umzug zu leiden schien. Deshalb wünschte sie ihr nur einen netten Abend und schob Cindy sanft zur Tür hinaus. "Um 10 bist du aber zu Hause!", rief sie ihr noch hinterher.

Cindy war zur Haltestelle gelaufen und in den Bus der Linie 21 gestiegen. Langsam schob sich der Bus durch die zur Rushhour verstopften Straßen. Zunächst hatte Cindy ständig aus dem Fenster geschaut, um die Haltestelle auf dem Mondberg nicht zu verpassen, aber offensichtlich war der Stress in den letzten Tagen zu groß gewesen und ihr fielen hin und wieder die Augen zu. Auf der letzten Sitzbank sah sie einen Jungen sitzen. Er hatte mittelblondes, lockiges Haar, was er schulterlang trug. Ein rotes T-Shirt mit dem stilisierten Bild Che Guevaras betonte seinen sportlichen Körper. Auch die engen schwarzen Jeans gefielen Cindy...
Doch plötzlich schreckte sie auf. Ihr wurde bewusst, dass sie den Jungen die ganze Zeit angestarrt hatte und schlimmer noch: es war Daniel aus ihrer Klasse. Er hatte ihren Blick offensichtlich bemerkt und schlenderte nun langsam auf Cindy zu. Vor Schreck wurde ihr Gesicht puterrot und es fiel ihr nichts Besseres ein als ihm ein möglichst forsches "Hi!" entgegenzuschleudern. Nun hatte er ihren Platz erreicht und lächelnd fragte Daniel:
"Grüß dich, Cindy, wo machst'n du hin?"
‚Das gibt's doch nicht', dachte Cindy, ‚der lächelt doch wirklich und schaut nicht so betont gelangweilt, wie die coolen Typen. Und trotz dass er ein Junge ist, schaut er mir in die Augen!' Ihre Röte ließ ziemlich schnell wieder nach, weil sie plötzlich ein positives Gefühl hatte. Als ob irgendetwas in ihrem inneren gesagt hätte: ‚Zu dem kannst du Vertrauen haben!' Und so antwortete Sie:
"Auf den Mondberg." und nach einem kurzen Zögern, als ob das ein Geheimnis wäre, sagte sie leise:
"Dort soll es eine Hexe geben."
Daniel wandte ihr den Kopf ruckartig zu.
"Und", hakte er nach, "wie stehst du zu der?"
"Ich kenn die nicht. Aber in Berlin hab ich mich mal mit Esoterik beschäftigt ..."
"Aha, du willst sie aufsuchen. Gute Idee von dir. Weißt du, in der Klasse gibt's da so ein paar Weiber, die nur drüber lästern können. Die steigen immer in das Abbruchhaus gegenüber und beobachten uns ..."
"Uns?" unterbrach ihn Cindy, "Hast du uns gesagt?"
"Ja, ich mache da auch mit. Weißt du, wir bezeichnen uns eigentlich nicht als Hexen oder Hexer, obwohl das keine Beleidigung für uns wäre. Wir sind eine heidnische Gemeinde, die das keltische Brauchtum pflegt."
Cindy war hin und her gerissen und starrte nur gerade aus. Eigentlich hatte sie nur schauen wollen, was diese Hexe so trieb. Außerdem: einem Jungen aus ihrer neuen Klasse einfach so folgen, obwohl sie ihn fast noch nicht kannte, war das gut? Cindy war zwischen Neugier und Vorsicht hin und her gerissen. Sie überlegte: Wie lange würde das dauern, wenn sie mit zu diesen Leuten ging? Würde sie pünktlich zu Hause sein können? Sollte sie ihrer Mutter etwas davon erzählen, was sie gerade im Begriff war zu tun?
Cindy beruhigte sich in Gedanken mit: ‚Ich weiß genug über Hexen. Die werden mich schon nicht in ein Kaninchen verwandeln. Doch das mulmige Gefühl in ihrer Bauchgegend war noch nicht verschwunden. So grübelte sie, bis sie Daniel anstieß: "He, wir müssen aussteigen!"
Damit hatte er die Entscheidung für sie getroffen und so lief sie brav neben ihm her bis er plötzlich stehen blieb. "Hier ist es", sagte Daniel und blieb vor einem alten Haus stehen. Es war ein Altbau, vielleicht Anfang 20. Jahrhundert, wunderbar mit Jugendstil verziert war die Fassade, offensichtlich auch nach der "Wende" schon mal renoviert. Auf dem Schild neben der Klingel, die Daniel drückte, stand nur: Susan Zimmermann, nichts von Hexe oder keltischem Zirkel oder so. Eine schlanke Frau in einem roten Kleid öffnete ihnen die Tür und begrüßte sie gleich mit: "Oh, du hast noch jemanden mitgebracht, Daniel? Das ist schön."
"Ja", antwortete der, "das ist Cindy, eine neue Klassenkameradin von mir. Die hat vorher in Berlin gewohnt und ..." nun an Cindy gewandt, "das ist Susan, unsere Oberhexe."
Cindy gab ihr die Hand. Sie machte einen freundlichen und normalen Eindruck, war schlank und trug ihr schwarzes Haar zu einem langen Zopf geflochten. Da war nichts Mystisches zu erkennen. Ein bisschen war Cindy vom ersten Eindruck enttäuscht. Cindy lächelte in sich hinein, denn sie hatte, dem Clichet entsprechend, eine Frau mit langen roten Locken und funkelnden grünen Augen erwartet.
Susan führte die beiden in ein geräumiges Wohnzimmer, das zwar spärlich, aber sehr gemütlich eingerichtet war. An der Wand hing ein Bild. Wenn Cindy richtig vermutete, zeigte es weite grüne Ebenen Irlands. Darunter standen ein paar Sitzpolster, von denen einige schon Mulden aufwiesen vom häufigen Gebrauch. Unter den Fenstern war ein kleiner Tisch zu finden und eine kleine Truhe, in die seltsame, aber schöne Ornamente eingraviert waren. An der anderen Wand stand ein Schrank aus sehr altem, dunklem Holz und von dort kam ein intensiver Geruch nach Räucherstäbchen und Duftkerzen. Überall im Raum entdeckte Cindy schöne Kerzenständer und ein paar kleine bunte Lämpchen aus Papier.
"Setzt euch, ich hole uns was zu trinken, während wir auf die anderen warten. Viele werden wir heute aber wohl nicht werden." sagte Susan und verschwand in einem anderen Raum. Cindy richtete einen fragenden Blick auf Daniel, der die Sitzpolster ignorierte und sich mit untergeschlagenen Beinen auf den Boden vor dem Schrank sinken ließ. Cindy tat es ihm gleich und fragte: "Was meint sie damit, dass ihr heute nicht viele werdet?" Daniel zuckte kurz mit den Schultern und erklärte dann: "Die Teilnahme an den Sitzungen hier ist keine Pflichtveranstaltung. Wenn jemand etwas anderes zu tun oder einfach keine Lust zu kommen hat, dann kommt er eben nicht. Aber es ist schade, dass heute wohl nicht so viele kommen, du hättest sie gleich kennen lernen können."
Cindy nickte, war aber zugleich auch ein wenig erleichtert. Sie war sich nicht sicher, ob sie jetzt schon so viele neue Leute kennen lernen wollte. In der Schule hatte es ja auch nicht geholfen, dass sie gleich mit allen zurechtkommen musste...
Susan kehrte zurück, stellte ein Tablett mit drei Gläsern Saft vor die beiden und setzte sich dann zu ihnen. Sie lächelte Cindy freundlich an und zwinkerte ihr dann zu.
"Wenn du Fragen hast, dann frag ruhig. Wir wissen, dass sich nicht jeder mit dem keltischen Brauchtum und dieser Art der Religion auskennt. Muss ja auch nicht. Aber wenn du etwas wissen willst..." Cindy sah sich im Raum um und entdeckte Wachsflecken und Rußspuren auf dem Parkettboden. Aber das war nicht alles. Undeutlich sah sie noch verwischte Kreidezeichnungen, die den Symbolen auf der Truhe ähnelten. "Was sind das für Zeichen?" fragte sie schließlich und deutete mit dem Kinn darauf.
Susan sah zu den Spuren auf dem Boden und ließ gedankenverloren die Fingerspitzen darüber gleiten. "Es sind alte keltische Symbole verschiedenster Bedeutung. Die Druiden haben sie früher benutzt. Dabei handelt es sich zum Teil um reine Symbole, aber auch um das sogenannte Ogham-Alphabet, das den germanischen Zauberrunen nicht unähnlich ist. Diese Zeichen besitzen große Macht und können bestimmte Kräfte verstärken oder abwehren. Auf irischen Friedhöfen findet man manchmal welche auf Grabsteinen, ein Kreuz mit vier gleichlangen Balken in einem Kreis zum Beispiel. Das ist das keltische Z und soll Unheil von den Seelen der Verstorbenen fernhalten. Aber es gibt auch noch viel mächtigere Symbole, die die Elemente beeinflussen können. Man muss sehr vorsichtig mit ihnen umgehen, sobald man ein bisschen was über die keltische Magie weiß. Ganz normale Menschen können damit alles machen was sie wollen, weil keine Beziehungen zwischen den Zeichen und diesen Menschen entstehen. Aber wir Hexen und unsere Schüler, wie Daniel hier, müssen vorsichtiger mit ihnen umgehen, weil unsere Seelen eine gewisse Verbindung zu den alten Kräften haben." Cindy starrte wie gebannt auf die verschlungenen Linien. "Das wusste ich gar nicht. Ich hatte sie bisher immer einfach nur für schöne Zeichen gehalten, ohne tiefere Bedeutung." Susan nickte. "So geht es den meisten. Aber wir glauben an die Kraft dieser Symbole, deshalb besitzen sie auch Macht für uns."
Nach einem kurzen Schweigen sagte Susan plötzlich: "Hier, ich möchte, dass du das nimmst!" und drückte Cindy etwas in die Hand.
Es war ein schwarzes Lederband mit einem aus Holz geschnitzten Anhänger daran. Er sah ein bisschen aus wie eine nach unten gerichtete Pfeilspitze, nur dass sich die beiden oberen Enden ineinander verschlangen und schließlich zu einer Schlaufe zusammenliefen. Cindy betrachtete es lange und strich vorsichtig darüber. "Das ist wunderschön!" sagte sie und sah endlich zu Susan auf. Diese lächelte. "Es soll dir Glück bringen und dich die Menschen um dich her erkennen lassen." Cindy sah wieder auf das Kleinod hinab und legte es schließlich vorsichtig um den Hals. "Danke", hauchte sie und strahlte Susan an. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass auch Daniel Susan anstrahlte, als ob sie ihm ein ebensolches Geschenk gemacht hätte.
Susan aber lächelte nur wieder geheimnisvoll und winkte ab. Sie wollte gerade etwas sagen, als es klingelte.
"Die anderen sind da." sagte Daniel und warf einen kurzen unsicheren Blick auf Cindy.
Die "anderen" waren zwei junge Frauen in Susan's Alter. Eine von ihnen hatte tatsächlich eine lange rote Lockenmähne und grüne Augen sowie eine Menge Sommersprossen auf der Nase. Die andere war blond und trug ihr Haar ganz kurz. Cindy schien es, als würde sie Daniel und sie selbst mit einem sehr abschätzigen Blick messen, aber sicher war sie sich nicht. Susan stellte die beiden als Anna und Maike vor. Dann kramte sie aus dem Schrank einige Kerzen und stellte sie zu den Wachsflecken auf dem Boden. Zuletzt beauftragte Susan Maike, in der Küche einen Kräutertee zu kochen.
"Nun, da wir alle sind, die heute kommen werden: Lasst uns anfangen." Und damit zündete sie die Kerzen an und setzte sich in ihre Mitte. Maike kam nun mit der heißen Teekanne rein und alle setzten sich mit in den Kerzenkreis.
"Cindy, für dich zur Erklärung", raunte Daniel ihr zu, "Der Kerzenkreis, in dem wir sitzen, das ist unsere Welt. Hinter der Wand musst du dir einen gleich großen Kreis vorstellen, der die Anderswelt darstellt. Und um beide Kreise herum befindet sich ein ganz großer Kreis, den wir mit den Kerzen hier am Rand andeuten. Auf diesen großen Kreis beschränkt sich unsere Macht"
Cindy nickte Daniel zu, stellte sich die Kreise vor und spürte plötzlich ein ungeheures Gefühl des Überwältigtseins. Susan begann nun in alle vier Himmelsrichtungen irgendwelche Göttinnen anzurufen, wobei sich Cindy jeweils eine konkrete Person darunter vorstellte. Interessanterweise niemanden, den sie wirklich kannte. Das Bild der jeweiligen Göttin war aber trotzdem in ihrem Kopf, wie eine Vorstellung von einer Bekannten. Sie fühlte sich wie in Trance und als Susan in die Runde fragte, wer denn heute "reisen" werde, entschlüpfte ihr ein vorlautes "Ich!". Alle Köpfe wandten sich zu ihr um und Maike protestierte gleich:
"Seit wann darf denn eine Neue gleich ein Immrama haben? Vergiss es, Mädel..." aber Susan unterbrach sie mit einem entschiedenen "Moment!" und fragte dann Cindy:
"Hast du in Berlin denn schon mal eine Reise in die Anderswelt gemacht?" Das musste Cindy verneinen und erklärte, dass sie überhaupt nicht wisse, was ein Immrama sei.
"Ja, aber wieso hast du denn dann ICH gerufen?" hakte Susan nach.
"Ich weiß selbst nicht. Irgendwie kam es aus meinem Innersten heraus. Als ob jemand anderes aus mir heraus gesprochen hätte."
Das wollte Maike anscheinend nicht glauben und unterstellte ihr, dass das alles nur Wichtigtuerei sei. "...ich finde es absolut fies, wenn sich hier jemand so in den Vordergrund drängt!" endete Maike ihre Schimpftirade, ballte ihre Faust und schickte einen eiskalten Blick in Cindys Richtung.
Susan hatte dem Treiben entsetzt zugesehen, schüttelte jetzt den Kopf und schlug mit der Faust auf den Boden.
"Schluss!" rief sie laut und "Maike, was ist denn in dich gefahren? So hast du dich ja noch nie aufgeführt!"
Susan blickte lange auf den Boden. Aber dann merkte man, dass sie zu einem Entschluss gekommen war. Sie schenkte allen Tee in die Gläser und forderte dann die Runde auf:
"Wir atmen jetzt alle tief durch und konzentrieren uns darauf, welche Mittelungen uns aus der Anderswelt erreichen.", wobei sie ihr Teeglas nahm und ruhig einige Schlucke nahm. Die anderen, bis auf Maike taten es ihr gleich. So meditierten alle einige Momente, bis Susan wieder begann:
"Mir scheint, unsere Schwester Maike hat heute keinen guten Tag. Wie denkt ihr darüber, wenn wir sie nach Hause schicken? Wir sind zwar sehr wenige heute, aber bei Maikes Seelenzustand kommt zu viel negative Energie in unseren Kreis. Das wäre nicht gut."
Cindy war speiübel. Wegen ihr gab es schon wieder Stunk. Eine Träne lief ihr die Wange herunter und in ihrer Brust spürte sie einen tiefen Schmerz. Aber sie begann als erste zu reden:
"Leute, es tut mir leid. Überall wo ich hinkomme, gibt es nur Streit. Ich will auf keinen Fall, dass Maike wegen mir nach Hause muss. Da gehe lieber ich. Und: Maike, du hast recht, ich hab mich in den Vordergrund geschoben. Entschuldige bitte!"
Daniel räusperte sich und wollte etwas erwidern, aber Anna kam ihm zuvor:
"Nein Cindy, du strahlst keine negative Energie aus, es wäre schade, wenn du gingst. Aber meine Freundin Maike ist heute nicht gut drauf. Ich denke auch, dass sie lieber gehen sollte."
Als Daniel dazu auch noch nickte und ergänzte: "Und ich weiß nicht, wofür du dich zu entschuldigen hättest, Cindy.", stand Maike ruckartig auf und fauchte: "Na gut, wenn ihr meint!", ging mit großen Schritten auf die Ausgangstür zu, verließ grußlos Susan's Wohnung und warf die Tür ins Schloss.
Zunächst herrschte betretenes Schweigen. Dann konnte Cindy die Tränen nicht mehr zurückhalten und schluchzte laut. Susan rutschte an ihre Seite und legte den Arm um Cindy. Auf einmal fühlte sich Cindy geborgen wie als kleines Mädchen in den Armen ihrer Mutter. Sie umarmte Susan und heulte sich an deren Schulter aus.

Olaf Tauchert & Kati Fräntzel

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