Das Einhorn des Bauern

Es geschah im Jahre 1102:
Mürrisch und müde schlich ein Bauer mit einer Armbrust durch den Wald.
Leise hatte er sich um Mitternacht aus seiner armseligen Hütte geschlichen um seine große Familie nicht zu wecken.
Aus gutem Grund hatte er diesen Zeitpunkt gewählt, weil er wusste, dass der junge Graf erbarmungslos jeden Wilderer den er erwischte aufhängen ließ.
Ein Jahr davor war ein Verwandter des armen Bauern dabei erwischt worden und nach kurzem Prozess aufgehängt worden.

Noch sträubte sich die Dunkelheit dagegen, den neuen Tage Platz zu machen, doch mit jeder Minute wurde das Morgengrauen stärker. Auf leisen Sohlen schlich der Bauer durch den nebelverhangenen Wald.
Er wusste, dass er in der Nähe des Waldsees sein musste, wo er Wild zu finden gedachte. Doch mit einem Ruck hielt er inne, weil er vor sich am Ufer des Waldsees fremdartige Geräusche hörte.
Vorsichtig spähte er durch die blattlosen Zweige eines Baumes. Nach genauem hinsehen erspähte er ein Wesen das er bisher noch nie in seinem mühsamen Leben gesehen hatte.

Alle Vorsicht vergessend richtete er sich auf und starrte das fremdartige Wesen an. Nach längerem hinsehen dämmerte es ihm, dass er vor sich eines der seltenen Einhörner stehen hatte.

Aus dunklen Augen, die durch lange Wimpern halb verdeckt waren, blickte ihn das Fabelwesen freundlich mit einer Herzenswärme an. Immer wieder zeigte das Einhorn mit seinem Horn auf eine Stelle zwischen zwei Felsen. Zögerlich begann der Bauer an dieser Stelle zu graben und fand kurz darauf einen Schatz, der für ihn und seiner großen Familie mehr als ein Leben reichte. Aus dank strich er dem Einhorn zärtlich über das Fell.

Bevor das Einhorn wieder verschwand, verriet ihm das Fabelwesen noch ein kleines Geheimnis, das er erst nach der Geburt eines Kindes seiner Frau verraten durfte. Frohen Mutes begab sich der Bauer zu seiner Hütte, die am Waldrand lag. Als er durch die kleine Tür eintrat, saß auf dem Boden spielend und brabbelnd sein jüngster Sohn, der ihm freudestrahlend die kleinen verschmutzten Hände entgegen streckte.
Genau ein Jahr später gebar seine Frau ein kleines Mädchen, das die geheimnisvollen Worte des Einhorns als Namen erhielt.
Als "Myrren, das schönste Einhorn auf Gottes Erde" wuchs das Mädchen zu einer anmutigen Schönheit heran.

Noch heute ziert ein anmutiges Einhorn das Wappen der nahgelegenen Reichsfeste.

So geschah es im Jahre des Herren anno domini 1103.

von Frank Schwarzer 21.12.2000