Die Anderswelt

Kapitel 9
Das geheime Kabinett

Kapitel
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Während die edlen Damen ihren Reitausflug machten, schlenderte Kieran äußerst lustlos durch die Burg Thoradím. Er versuchte krampfhaft seine Gedanken, über die Geschehnisse der letzten Tage, zu ordnen. Es war alles anders, seit die Gäste da waren. Jahrelang hatte er einfach Aníras Befehlen gehorcht und nur in einigen wenigen Stunden von der Freiheit zu träumen gewagt. Offensichtlich war es nun an der Zeit, das zu ändern. Aber Kieran war nicht so recht glücklich damit. Er wusste zwar ziemlich gut, was er alles nicht mehr machen wollte, doch nun fiel ihm auf, dass er sich nie darüber Gedanken gemacht hatte, was er denn statt dessen tun wollte. So ging er einfach dahin, wohin ihn seine Beine trugen, und grübelte und grübelte...
Mit einem Mal fiel ihm auf, dass die Luft immer stickiger wurde. Verwundert schaute er sich um. Er befand sich im Kellergeschoss der Burg. Allerdings in einem ihm völlig unbekannten Teil. Hier war er noch nie zuvor gewesen.
Auch die Beleuchtung ließ, wie die Luft, hier sehr zu wünschen übrig. Vorsichtig setzte Kieran einen Fuß vor den anderen und tastete sich um die nächste Ecke. Unsanft stieß er gegen eine Wand. Anscheinend war er doch nicht vorsichtig genug gewesen.
"Verdammte Burg!" fluchte er und tastete sich an dem Mauervorsprung entlang. Ein kratzenden Geräusch ließ ihn hellwach werden. Nicht nur der Mauervorsprung hatte plötzlich nachgegeben, nein auch eine Tür aus Steinen, die so kunstvoll in der Wand verborgen war, dass er sie vor ihrem Öffnen überhaupt nicht bemerkt hatte.
"Eine Geheimtür!" murmelte er versonnen vor sich hin und ging ohne zu Zögern in den angrenzenden Raum hinein. Dieser war fast kreisrund. Aufmerksam schaute Kieran sich um und verbesserte seinen ersten Eindruck sofort: Kreisrund war nur der Tisch in der Mitte. Die Wände waren gerade und außer der Wand mit der Tür waren alle mit wuchtigen Regalen versehen. Darin stapelten sich in einem wüsten Durcheinander allerlei Bücher, lose Schriften und in röhrenartigen Futteralen steckende Pergamente. In dem Regal links von der Tür befanden sich eine Menge Gläser, mit rätselhaften Inhalt.
Kieran ließ seinen Blick nach oben schweifen: Dreizehn mächtige Sandsteinrippen liefen im Bogen auf die Mitte zu und von dort hing eine rostige Eisenkette herab, an deren Ende sich ein mächtiger Leuchter mit dreizehn Kerzen herabsenkte. Einer Eingebung folgend kramte er Zunder und Klinge aus seiner Hosentasche und zündete die Kerzen damit an, um die Regale genauer in Augenschein nehmen zu können.
Staub und Spinnweben ließen vermuten, dass Aníra lange nicht hier gewesen sein musste. Kieran konnte mit vielen Schriften nichts anfangen, da ihm das Ogham und die Runen fremd waren, in denen die Bücher und Papiere verfasst waren. Aber dann fiel ihm ein Buch in der Hände, dass er zu lesen vermochte.
"Allerley Experimente mit Salben von magischer Wirkung, verfasset von Fodla MacLhir" lautete der Titel. Kieran blätterte wahllos darin herum. Ihm fiel auf, wie verschieden die Handschriften waren, mit denen die Aufzeichnungen geführt worden waren. Das machte ihn neugierig und er überflog es bis zum Schluss. Nicht eine Zeile von Aníras Handschrift war darin zu finden. Das ließ nur eine Schlussfolgerung zu: Seine Herrin hatte diesen Raum wohl nicht nur lange nicht betreten, nein, sie kannte ihn gar nicht. Lächelnd schlug Kieran eine Seite auf und las:
"Experiment Nr.257
Ich that eyn kleines Fässchen Schmalz vom Schwein schmelzen und eine Hand voll hyoscyamus niger nebst etwas papaver somniferum hineyn..." Der Inhalt war ja weniger interessant, aber der Verfasser beschrieb, dass er nach dem Auftragen des Mittels auf die Haut, die Gedanken aller ihn umgebenden Personen laut und deutlich vernehmen konnte.
Und tatsächlich fand Kieran auch ein Glas mit der Nummer 257 im Regal, welches eine grünliche Salbe enthielt. Er roch daran, stellte aber zu seiner Verwunderung fest, dass es nicht etwa alt und ranzig, sondern doch recht frisch duftete. So ließ er es in seinem Beutel verschwinden, den er am Gürtel hängen hatte.
Als er das Buch zu klappte, um es ins Regal zurück zu stellen, entglitt es ihm und fiel zu Boden, wo es aufgeschlagen liegen blieb.
"Experiment Nr.103", entzifferte Kieran, während er sich danach bückte.
"bey welchem jedwede Person in einen Trancezustand verfällt undt ohne Murren machet, was ihr von anderen aufgetragen wardt..."
Na toll! Ob das das Zeug ist, womit Aníra ihn immer willenlos gemacht hatte? In der Ahnung, es gebrauchen zu können, steckte Kieran auch ein Gläschen mit der Aufschrift "103" ein und brach nun endgültig auf. Kaum wieder in den oberen Etagen angekommen, hörte er Pferdegetrappel im Burghof. War Aníra schon wieder zurück?
Hastig lehnte er sich zu einem Fenster hinaus und tatsächlich ritt seine Herrin auf Arés, in eben diesem Augenblick, durch das Tor. Einige Minuten später erschien auch Raswid, nur Sarah ließ auf sich warten. Aníras Blick ließ nichts gutes vermuten und Kieran dachte so bei sich: ‚Sie hat diesmal sicher Probleme gehabt, ihre Intrigen zu spinnen.' Kaum war er noch einmal zum Luftholen gekommen, da hörte er sie auch schon seinen Namen brüllen.
"Kieran, wo in aller Welt steckst du schon wieder?" hallte es durch den Burghof. "Komm gefälligst her und hilf mir beim Absteigen."
"Ich komme schon, Herrin." rief Kieran, noch im Laufen, durch das Fenster und in Gedanken fügte er hinzu: Bald werde ich dir befehlen, du hochnäsiges Biest!
Unten angekommen hielt er brav ihren Steigbügel und buxierte die Dame von ihrem hohen Ross herunter. Raswid bemerkte Kierans gequältes Lächeln. Als Antwort rollte er mit den Augen und grinste ihm freundschaftlich zu. Diese Reaktion ließ Kieran warm ums Herz werden. Es war eindeutig gut, dass Fiona und ihre Freunde hier waren. Das war seine Chance auf die Freiheit.
Seine Herrin informierte ihn kurz angebunden, dass sie nach dem Ritt zu ruhen gedenke. Worauf Kieran gleichgültig nickte, doch so leicht kam er nicht davon. Vor dem Nickerchen hinterließ sie ihm noch eine Liste mit Aufgaben, die er in den nächsten zwei Stunden erledigen sollte. Das brachte das Fass nun gänzlich zum Überlaufen. Es fiel Kieran immer schwerer sich zu beherrschen. Mit aller Selbstkontrolle, die er aufbieten konnte, nickte er und verbeugte sich tief vor ihr, damit sie sein wütendes Gesicht nicht sehen konnte. Dies muss ein Ende haben, schwor er sich.
Raswid und Aníra verschwanden in der Burg und Kieran führte die Pferde in den Stall. Nach einer halben Stunde traf auch Sarah ein.
Es fiel Kieran auf, wie liebevoll sie Traumtänzer in seine Box zurück führte, ihm das Zaumzeug ab nahm und wie selbstverständlich zum Striegel griff.
"Das müsst Ihr wirklich nicht tun." wandte Kieran ein.
Sarah schüttelte den Kopf: "Ach, das tue ich doch gern. Traumtänzer und ich sind wirklich gute Freunde geworden. Ich weiß jetzt, dass er seinen Namen nicht zu Unrecht trägt." sagte sie und lächelte dabei verschwörerisch in seine Richtung.
"So habe ich mich also nicht in Euch getäuscht." stellte Kieran fest. "Ich betrachte es selbst auch als Ehre, zu seinen Gesprächspartnern zu gehören."
"Ja davon hat er mir berichtet. Unter anderen auch wie ihr euch kennen gelernt habt. Er betrachtet es ebenfalls als Ehre, Euch Kieran, seinen Freund nennen zu dürfen."
"Das hat er gesagt?" Kieran strahlte, dann verdunkelte sich plötzlich sein Gesicht. "Bestimmt würde er anders von mir denken, wenn er meinen neusten Plan kennen würde." sagte er und schaute betreten zu Boden. Sarah ließ verwundert den Striegel sinken und trat an Kieran heran, der immer noch den Boden anstarrte. Was in aller Welt war in den Iren gefahren? Beruhigend legte sie ihm die Hand auf die Schulter.
"Wollt Ihr mir nicht von diesem Plan berichten?" fragte sie leise.
Kieran sah auf, schloss dann aber die Augen und seufzte: "Kann ich mir Eurer Verschwiegenheit sicher sein?" "Das könnt Ihr." versicherte das Mädchen.
Da holte der Mann tief Luft: "Seit Ihr und Eure Freunde gekommen seid, bin ich ganz verändert. Mir ist, als sei ich aus einem langen Schlaf erwacht. Plötzlich sehe ich alles viel klarer und längst verschüttete Erinnerungen kommen wieder herauf. Ich erinnere mich, wie ich hier her gekommen bin. Wie ich unter Aníras Bann geriet. Danach wird alles dunkel und von all den Jahren, in denen ich ihr Sklave war, sind nur Bruchstücke übrig. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon hier bin, doch es müssen inzwischen Jahrhunderte sein. Meine Welt auf der Erde ist längst vergangen. Mir ist nichts geblieben, als mein Wunsch mich an ihr zu rächen, für all die Schmach. Macht mich das nicht zu einer unwürdigen Kreatur?" Da hob er den Blick und sah Sarah direkt in die Augen, so als ob sie die Antwort auf dieses Dilemma hätte. "Ach Kieran." sagte sie "Ich kann deine Gefühle sehr gut verstehen. Sei gewiss, dass du keine unwürdige Kreatur bist. Das ist völlig normal, dass du so empfindest. Und wenn ich an deiner Stelle wäre, denke ich, würde ich mich auch rächen wollen."
Als er dies hörte, fiel Kieran O`Reileigh ein ganzes Gebirge vom Herzen und so erzählte er Sarah von seinem Plan:
"Dieses Miststück ist so machtbesessen und wird bestimmt noch viel Unheil über uns bringen, wenn wir ihr nicht Einhalt gebieten. Aber ich weiß, wie wir das bewerkstelligen können: Ich habe ein Fässchen mit einer Salbe gefunden, mit deren Hilfe ich die Macht über Aníra ausüben kann. Ich werde sie zum Gespött aller wie ein Hund über den Burghof laufen lassen - auf allen vieren. Und dann soll sie sich wie ein Schwein im Schlamm suhlen und..."
"Kieran!", unterbrach ihn Sarah, "Kannst du mir sagen, was uns das bringt? Gut, sie erniedrigt sich dadurch. Aber die Erniedrigungen, die dir von ihr widerfahren sind, bleiben doch geschehen. Ich habe da eine viel bessere Idee."
"Ihr habt eine bessere Idee? Prima, lasst sie hören!"...

Und während die beiden sich daran machten, Aníras Aufgabenzettel gemeinsam abzuarbeiten, heckten sie nun einen detaillierten Plan aus. Als die Herrin nach zwei Stunden ihre Stimme wieder erschallen ließ, trat Kieran mit einem Lächeln auf dem Gesicht in ihr Gemach. Wie vermutet, hatte Aníra sich etwas frisch gemacht und verlangte nun, dass Kieran ihren Rücken mit Schönheitsmilch einrieb. Das tat er zunächst auch, jedoch hatte er die Salbe aus seinem Beutel geholt und trug diese nun ebenfalls mit auf den Rücken auf. Danach glänzte ihr Rücken wie eine Speckschwarte und Kieran bewunderte sein Werk. ,Ach!', stöhnte er innerlich, ‚Wie schön sie doch ist. Warum muss sie immer nur so bösartig sein und ihre Intrigen spinnen.'
"Herrin, lächelt doch einmal!" entfuhr es ihm. Und ein Wunder geschah: Ihre Gesichtszüge wurden weicher und Aníra lächelte ihren Diener liebevoll an.
Das lief ja besser als gedacht! So schnell hatte er die Wirkung nicht erwartet und sein Ausruf war auch gar nicht als Test gedacht gewesen. Um so besser für Kieran, musste er sie nun keinem Test mehr unterziehen. "Und jetzt zieht ihr euch an und kommt mit hinunter in den Saal!"
Kieran blieb das Herz fast stehen, als er sich den Befehl aussprechen hörte. Wenn es nun doch Zufall war, dass sie gelächelt hatte...?
Nein, ohne Murren steifte sie sich ihre Kleider über und folgte Kieran in den Saal, wohin Sarah die anderen schon platziert hatte und wo Raswid schon mit einem frisch gebrühten Tee wartete.
"Und?" fragte Sarah nun Kieran, welcher ihr zufrieden zunickte. So richtete sie also das Wort an Aníra: "Wir brechen jetzt sofort auf und begeben uns zu den Saprophyten. Wir haben ein paar frische Pferde bereits gesattelt und Ihr, Frau Aníra, werdet uns begleiten. So wie Ihr es versprochen habt!"
"Ja, ich werde euch begleiten", erwiderte die Burgherrin, als ob es das selbstverständlichste der Welt wäre, dass ihr jemand Befehle gab, "natürlich erst, nachdem wir unseren Tee in Ruhe ausgetrunken haben. Und Kieran, du legst derweil meinen Reitanzug raus!"
Der Angesprochene lächelte übermütig und warf ihr ein "Nein Herrin, das werdet Ihr schön selber tun!" entgegen, worauf Aníra mit einem leichten Stirnrunzeln "Auch gut!" antwortete.
Sie schien tatsächlich wie verwandelt und es gab keinen Zweifel, das die Mixtur 103 ihre Wirkung nicht verfehlte. Die einzige, die Kierans Plan skeptisch gegenüber stand, war überraschenderweise Fiona. War es nun der Umstand, dass sie Mitleid mit Aníra hatte, oder es die gemeinsame Elfenverwandtschaft war. Sie fand die ferngesteuerte Burgherrin keineswegs so witzig, wie Swior und Raswid, die anfangs ihre Späßchen mit der Zauberin trieben. Sie ließen sie ihre Pferde beladen und schickten sie auf allerlei Botengänge. Dem machte die Lichtelfe ein Ende, indem sie ein energisches Machtwort mit ihren Begleitern sprach:
"Ihr verhaltet euch wie dumme Kinder." fauchte sie die beiden an. "Ihr haltet euch wohl für besser, als sie? Das seid ihr keineswegs. Euer Verhalten ist kindisch und ich hätte euch für klüger gehalten. Wenn es überhaupt jemandem zusteht Frau Aníra Befehle zu erteilen, dann ist das Kieran. Jedoch werde ich auch auf ihn ein Auge haben, denn die Macht über ein anderes Wesen kann auch ganz schnell mißbraucht werden." Swior und Raswid, die gar nicht wußten wie ihnen geschah, nickten dazu mit schuldbewußter Miene. So hatten sie die sonst so ausgeglichene Fiona noch nie erlebt.
"Es tut uns leid Fiona." murmelte Swior " Wir haben uns einfach nichts dabei gedacht, aber nun sehe ich, dass du recht hast." Dabei nahm er, der devot wartenden Aníra seinen Proviantsack ab und schnallte ihn selbst am Sattel seines Pferdes fest. Fiona sah mit in die Hüften gestemmten Händen und zufriedenen Lächeln zu:
"Geht jetzt und holt Eure Sachen." wandte sie sich, mit sanfter Stimme, an die Burgherrin "In einer halben Stunde reiten wir los."

Als sich die Dämmerung über den Burg senkte, erreichte der Druide Mathonwys, nach langer Wanderung Thoradím. Viele Tagesreisen war er hierher unterwegs gewesen, geführt von seinem treuen Raben Loki. Im Gepäck den Armreif Gleipnir, der ihm viel über das wahre Wesen seiner Tochter verraten hatte. Er wußte jetzt, wie verhärtet Aníras Herz war und das er der einzige war, der es wohl noch erweichen konnte. Auf diese Hoffnung vertraute Mathonwys fest und darauf, dass die Göttin ihm die Stärke geben würde, Aníra von ihrer Verbitterung zu heilen.
Mathonwys betrat den Burghof. Seine Schritte hallten von den Wänden wider. Sonst herrschte Totenstille, keine einzige Seele war zu sehen. Der Unterschied zu der Zeit, als er die Burg das letzte Mal gesehen hatte hätte gravierender nicht sein können. Damals herrschte hier reges Treiben. Deshalb kehrte Mathonwys in Gedanken in die Vergangenheit zurück. Ganz selbstverständlich ging er in die Burg, nahm sich eine Fackel von der Wand und stieg die Treppen hinunter in den Keller. Es roch muffiger als in seiner Erinnerung, aber der Hebel in der Mauer funktionierte noch...
Der Druide betrat das geheime Kabinett und schloss die Augen. Ein Gefühl überwältigte ihn. Es war als ob er nach langer Zeit wieder nach Hause gekommen war.
Noch hatte er Aníra nicht gefunden, was bedeutete, dass sein Weg noch nicht zu Ende war. Aber Mathonwys war klar, dass das kurz bevor stand. Er streckte sich, dass seine Knochen knackten und dann schaute er sich um. Es stand alles an seinem alten Platz, doch halt, es fiel ihm auf, dass es nach Bienenwachs roch. Die Kerzen mussten vor nicht allzu langer Zeit gebrannt haben. Hatte Ennyn ihre Tochter in das Geheimnis eingeweiht? Das war eigentlich nicht vorgesehen gewesen. Mochte Ennyn machtgierig gewesen sein, aber an Vereinbarungen hatte sie sich immer gehalten.
Mathonwys schaute sich weiter um und entdeckte, dass eines der Bücher nicht von der Staubschicht bedeckt war, wie alles andere im Raum. Und ausgerechnet die Aufzeichnungen über die Experimente mit Dalriadas Kräutern waren es, die da wohl jemand in die Hand bekommen hatte, für den sie nicht bestimmt waren. Und so verschloss er sein Kabinett wieder und begab sich in die oberen Räume der Burg. Mathonwys entdeckte zwar auch dort niemanden, aber es konnte noch nicht lange her sein, seit die Bewohner aufgebrochen waren. Die Asche in den Kaminen glimmte noch und man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, den Teekessel vom Herd zu nehmen. Anscheinend ein sehr überstürzter Aufbruch, mutmaßte Mathonwys. Um das heraus zu bekommen, beschloss der Druide, eine Vision herbei zu rufen. So setzte er sich auf den Boden, streckte das linke Bein vor, winkelte das rechte an und zog es in Richtung seines Körpers. Dann streckte er die Oberarme zur Seite und winkelte die Unterarme nach oben.
Es war viele Jahre her, seit er das Ritual an seiner alten Wirkungsstätte durchgeführt hatte. Das war ein ganz anderes Gefühl als in freier Natur. Der Druide spürte, wie seine Gliedmaßen warm und locker wurden und der Aal in der linken, sowie der goldene Armreif in ihrer rechten Hand nahmen Gestalt an. Leise sang er vor sich hin:

"Rhiannon, bringe mich,
Rhiannon bringe mich,
Rhiannon bring' mich hinüber..."
Vor seinem inneren Auge flackerten etwas unscharfe Bilder auf. Da war seine Tochter, eine hochgewachsene stolze Frau, die unverkennbar Reisekleidung trug und ein schwarzes Pferd bestieg. Ein Mann, der ihr eine Satteltasche reichte und noch mehrere andere Personen, ein weiterer Mann, zwei Frauen und seltsames Wesen, dass Mathonwys an einen der mythischen Drachen erinnerte, die auf Dalriada längst ausgestorben waren. Es war eine äußerst ungewöhnliche Gesellschaft und wieso folgte Aníra ihnen so selbstverständlich? Dagegen sprach alles, was er durch sein Krafttier, den Raben, über seine Tochter in Erfahrung gebracht hatte. Wen oder was sollte er sonst fragen? Mathonwys brauchte nicht lange zu überlegen, denn der Aal in seiner linken Hand rührte sich mit der provokanten Äußerung:
"Du hast die Fragen bisher falsch gestellt!" Na prima, was war denn das für eine Meditation? Das war ihm doch noch nie passiert, dass dieses Symbol der Weisheit selbst handelte. Aber nicht genug dessen, nun erschien auch noch eine Frau mit langem, kupferroten Haar. Deutlicher als die Bilder vorher nahm der Druide sie wahr.
"Ihr habt mich gerufen", sagte die Gestalt, worauf Mathonwys verwundert mit einem "Wie bitte? Ich hab euch gerufen? Und wer seid ihr?" reagierte.
"Ich bin die Göttin Rhiannon und ihr habt mich sehr wohl angerufen."
Nun kehrte das Lächeln auf das Gesicht des Druiden zurück.
"Bisher seid ihr mir noch nicht erschienen, wenn ich das Liedchen gesungen habe. Ich hab es einmal vor Hunderten von Jahren gelernt, als man mir das Meditieren beibrachte. Nur hab' ich mir bisher nie wirklich vorgestellt, auf Euch zu treffen." - "Nun denn, jetzt bin ich doch da. Und das hat sicher seinen Grund. Welche Hilfe benötigt ihr?" Diese Äußerung der Göttin überraschte Mathonwys noch mehr, als alles bisherige. Er, der erfahrene, weise Druide brauchte Hilfe? Aber offensichtlich hatte Rhiannon recht.
"Verehrte Göttin", begann er deshalb, "ich möchte am Ende meines jetzigen Lebens meine Tochter Aníra noch einmal sehen. Aber ich traf sie auf ihrer Burg nicht an. Statt dessen ereilt mich die Vision einer untertänigen Aníra, die so gar nicht mit dem zusammenpassen will, was ich bisher über sie weiß. Und man sagte mir, dass ich die falschen Fragen stelle. Welches wären die Richtigen?"
Rhiannon lachte.
"Nun, lieber Mathonwys, ihr fragt, wer eure Tochter i s t ", erläuterte die Göttin, "es wäre aber besser, ihr fragtet, wer eure Tochter w i r d . Ihr bisheriges Leben war in eine Sackgasse geraten und sie selbst war nicht in der Lage, selbst heraus zu finden. So wendete ihr Diener Kieran eine Salbe an, die das bisherige Sein eurer Tochter auf den Kopf stellte. Sie gewinnt es auch von selbst nicht zurück. Eure Tochter ist mit ein paar Fremdlingen auf den Weg in den Saprophytenwald. Dort wird ein neues Leben für sie beginnen..."
Nun wurde die Vision wieder undeutlicher und der Druide hatte kaum Zeit, sich bei der Göttin zu bedanken, als er sich auch schon wieder in der Burg Thoradím auf dem Boden eines der Säle wiederfand. Mathonwys schüttelte sich und stand auf. Er fühlte sich schwach, denn eine so intensive Vision hatte er seit langen nicht mehr gehabt. In der Vorratskammer fand Mathonwys zum Glück noch einige Früchte, die er sofort verzehrte, um wieder zu Kräften zu kommen. Dann ging er hinunter zum Stall, in dem bis vor kurzer Zeit, noch mehrere Pferde gestanden hatten, bevor seine Tochter mit ihren Begleitern aufgebrochen war. Nun war der Stall wohl leider leer. Jedoch gerade, als Mathonwys hinaus gehen wollte, hörte er ein Schnauben aus der hintersten Ecke. Verwundert ging er diesen Geräusch auf den Grund.
Es kam von einem äußerst dicken Pferd, welches ihn nun neugierig aus seinen braunen treuherzigen Augen anschaute.
"Dich haben sie also zurück gelassen", murmelte er versonnen, "aber warum? Konnten sie dich nicht als Packpferd gebrauchen?" Das Tier schnaubte, gab aber sonst keine Auskunft.
"Nun, wir werden uns schon verstehen, ich jedenfalls brauche dich jetzt." sagte der Druide und streichelte über die Nase, des massigen Tieres. Entschlossen band er das Pferd los.
"Komm mein Freund", sprach er und tätschelte dessen feisten Bauch, "mir dünkt du kannst etwas Bewegung gut gebrauchen."
Er würde nicht so schnell voran kommen, wie die Gruppe, deren Spur er aufnahm. Aber der Druide war noch nie vom Weg abgekommen. Loki würde ihn zuverlässig führen, so wie er es immer tat. Selbst ohne den Raben hatte Mathonwys noch einige Tricks auf Lager, von denen noch keiner etwas ahnte.

Olaf Tauchert & Romy Richter

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