Die Anderswelt

Kapitel 8
Traumtänzer

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ArésSarah folgte Raswid und der Dunkelelfe in gehörigen Abstand. Aníra preschte ohne Rücksicht auf ihre Begleiter los. Ihr Hengst Arés war schnell, sie ließ ihn galoppieren und Raswid setzte mit seinem Tier sofort nach.
Bald schon waren die beiden hinter der nächsten Weggabelung verschwunden. Sarah ließ es jedoch nicht zu, dass Traumtänzer seinem Herdentrieb folgte, sondern zügelte ihn mit aller Kraft, denn sie brauchte etwas Zeit zum Nachdenken. Dies war seit einer geraumen Weile, die erste Möglichkeit, in der sie einmal unbeobachtet und völlig allein mit ihren Gedanken war. In jungen Jahren war Sarah eine begeisterte Reiterin gewesen und so genoss sie auch jetzt das Gefühl der Freiheit auf dem Pferderücken. Und auch wenn es ein klein wenig egoistisch war, hatte sie im Moment keine Lust, sich diesen Spaß von Elfen, Drachen oder anderen mystischen Wesen verderben zu lassen.
So ließ sie ihre Gedanken schweifen. Der wiegende Gang des Pferdes lullte sie ein, sie bemerkte nicht einmal mehr, wie ihr die Augen zu fielen und sie auf dem Pferderücken einschlief. Vielleicht lag es auch daran, weil der Übergang in die Traumwelt so nahtlos verlief.
TraumtänzerAuch im Traum ritt Sarah noch denselben Weg entlang. Von ihren beiden Begleitern war allerdings weit und breit nichts zu sehen und sie wurde allmählich unruhig. Voller Panik schaute sie sich um und trieb das Pferd zu einer schnelleren Gangart an. Doch Traumtänzer schien seine eigenen Pläne zu haben, denn statt zu traben, begann er nervös auf der Stelle zu tänzeln, drehte sich um die eigene Achse, wie ein Pferd der hohen Schule und blieb schließlich wie angewurzelt stehen.
"Geh weiter, verdammter Gaul." Schimpfte sie vor Verzweiflung vor sich hin.
Aber der "Gaul" dachte nicht im Traum daran ihr diesen Gefallen zu tun. Er schnaubte voller Missfallen und plötzlich hörte Sarah eine seltsam tiefe, aber angenehme Stimme in ihrem Kopf.
"Das ist aber gar nicht nett, mich so zu nennen, kleine Lady." sagte diese tadelnd.
Erschrocken schaute sich das Mädchen nach allen Seiten um.
"Wer war das." rief sie und suchte nach der Richtung aus der sie die Stimme gehört hatte.
"Na wer wohl?" äffte die Stimme sie nach. "Schau mal unter deinem Hinterteil nach. Ich schleppe dich schon die ganze Zeit durch die Gegend."
Das Pferd konnte sprechen? Was war in dieser vermaledeiten Welt denn noch alles möglich. Sarah beschloss abzusteigen, um ihren Gesprächspartner in die braunen Augen sehen zu können.
"Ich sollte mich wohl hier auf Dalriada über gar nichts mehr wundern," bemerkte sie, "doch ich habe deine Stimme nicht aus deinem Maul gehört. Wie in aller Welt machst du das?"
Der Hengst schüttelte seinen Kopf, dass seine Mähne nur so flog: "Du glaubst wohl, dass ich mit jeden x-beliebigen Wesen ein Schwätzchen halte? Da hast du dich getäuscht, nur Sterblichen ist es vergönnt mich zu verstehen und das auch nur wenn sie schlafen. Was glaubst du wohl wie ich zu meinem Namen gekommen bin?" sagte Traumtänzer und ein Hauch von Belustigung schwang in seiner Stimme mit.
"Dann weiß Aníra nichts von deiner Gabe?" riet Sarah und streichelte die weiche Nase des Pferdes. "Wo denkst du hin?" lachte der Schimmel "Sie hat doch nur Augen für ihren Arés. Außerdem ist sie eine Dunkelelfe, mit denen redet unsereins grundsätzlich nicht."
"Und wie bist du dann zu deinen Namen gekommen," fragte Sarah neugierig "oder hast du ihn dir selbst gegeben?"
"So eitel bin ich nun auch wieder nicht." Das Pferd schnaubte beleidigt.
"Meine Mutter war ein echtes Wildpferd," erklärte er stolz, "doch eines Tages, ich war damals noch ein sehr kleines Fohlen, wurde unsere Herde von einem Rudel Wölfe angefallen. Ich war glaube ich, erst wenige Tage alt, deshalb konnte ich nicht mithalten, als die Herde floh. Meine Mutter blieb bei mir, den Wölfen gelang es uns ein zu kreisen. Und so sehr Mutter und ich uns auch wehrten, sie griffen schließlich an. Meine Mutter stellte sich vor mich, deshalb bekam sie das meiste ab. Da sah ich einen Pfeil durch die Luft schwirren, er traf den Anführer des Rudels. Ein zweiter folgte und tötete den nächsten Wolf. Kurz und gut, die Wölfe ergriffen die Flucht und wir waren gerettet. Doch für meine Mutter kam jede Hilfe zu spät. Sie starb wenige Minuten später an ihren Verletzungen." endete Traumtänzer mit seiner Erzählung und ließ traurig den Kopf hängen. Sarah lehnte ihr Gesicht gegen seines. "Das tut mir sehr leid." sagte sie voller Mitgefühl.
Das Pferd schnaubte traurig: "Es ist schon sehr lange her. Es war der Herr Kieran, der mich fand. Ihm verdanke ich mein Leben. Und er war auch der erste Mensch mit dem ich je gesprochen habe, denn mein Stamm verfügte schon immer über diese Gabe."
"Dann hat Kieran dir deinen Namen gegeben." riet Sarah. Worauf Traumtänzer mit einem Nicken antwortete.
"Wie aber kommt es, dass Aníra nichts davon mitbekommen hat?" hakte das Mädchen nach.
"Die Meinen sind nicht sehr gesprächig, musst du wissen. Außerdem gab es nie einen Grund mit dem Elfenvolk in Kontakt zu treten und die Menschen haben diese Gegend schon vor vielen Jahren verlassen. Es war reiner Zufall, dass mich der einzige Mensch in weiten Umkreis fand."
"Stand Kieran damals noch nicht unter dem Einfluss seiner Herrin?" überlegte Sarah.
Traumtänzer kicherte: "Mach nicht den Fehler ihn zu unterschätzen, kleine Dame. Der Herr ist nie völlig wehrlos gewesen. Ein kleiner Teil von ihm hat sich immer gegen die Herrin gewehrt, deshalb ist er in seinen Träumen immer ein freier Mann gewesen. Auch wenn er sich am Tage danach nie daran erinnern konnte. Im Wachzustand hielt er meinen Namen immer für eine spontane Eingebung, doch jetzt erinnert er sich wieder an alles. Ich denke es gehörte zu seinem Plan, dass ich dir dies alles erzähle." endete Traumtänzer.
Es war ihm auch nicht möglich noch mehr zu sagen, denn mit einem Mal bekam Sarah einen Schlag vor den Kopf und fand sich auf dem steinigen Boden des Pfades wieder.
Verwirrt rieb sie sich die anschwellende, riesige Beule an ihrer Stirn. Als sie nach oben schaute, erblickte sie auch den Grund für ihren Sturz. Sie war wohl gegen einen tief hängenden Ast gestoßen, der sie wieder zurück auf den Boden der Tatsachen befördert hatte.
Traumtänzer schaute auf sie herab und wieherte lautstark und sie hätte schwören können, dass es sich nach einem gehässigen Lachen anhörte. Sie konnte nicht anders, als einem Reflex zu folgen und steckte dem Pferd die Zunge heraus. Das wiederum rief ein Lachen aus einer anderen Richtung hervor, denn inzwischen hatten Aníra und Raswid wohl Sarahs Fehlen bemerkt, waren ein Stück zurück geritten und in dem Moment aufgetaucht, als das Mädchen sich zu der kindlichen Geste hinreißen ließ.
"Das Pferd kann sicher nichts dafür, wenn ihr euern Kopf nicht rechtzeitig vor einem Ast in Sicherheit bringt." meinte die Dunkelelfe, saß aber ab und kramte aus ihrer Satteltasche eine kleine Dose heraus. Aníra half dem Mädchen hoch, besah sich ihre Beule genau und strich etwas von der Salbe aus der Dose auf Sarahs Stirn. Das musste ein Wundermittel sein, denn sofort ließen Sarahs Schmerzen nach, sodass sie sich bedankte, Traumtänzer holte und wieder aufsaß.
"Wir werden den Ritt nun etwas langsamer fortsetzen!" legte Aníra fest, "Hier ist die schönste Gegend in meinem Reich."
Und wirklich, kaum waren die Drei um die nächste Wegbiegung geritten, wich der Wald plötzlich zurück und gab den Blick auf ein üppig grünes Tal frei. An den Hängen wuchsen knorrige alte Eichen und der Weg führte sie hinab zu einer hübschen Wiese, in der sehr malerisch, riesige, bizarr anmutende Felsbrocken verstreut lagen.
"Oh ja, wirklich schön!" rief Raswid und Sarah bemerkte:
"Beinahe wie in Wales."
Aníra lächelte. "Gut verglichen! Meine Mutter hat dieses Tal auch nach dem Vorbild des Teifi-Tales anlegen lassen. Eine Hügelkette, die von den Menschen Teifiside genannt wird und im Lande Wales in eurer Welt liegt, gehörte vor Zeiten einmal meiner Familie..."
Im lockeren Plauderton tauschten Sarah und Aníra nun ihre Erinnerungen an die Erde aus. Allmählich schwand bei Sarah etwas die negative Einstellung zu Aníra. Aber als die Dunkelelfe wie zufällig wissen wollte, wie Sarah denn nun auf Dalriada geraten war, schrillten in Sarahs Kopf die Alarmglocken.
"Wieso wollt ihr das wissen?" fragte das Mädchen. Aníra schickte einen Blick in ihre Richtung, der nicht so ganz zu deuten war. Eine Mischung aus Traurigkeit und Verständnis. Dann sah sie zu Boden und an ihr war nichts majestätisches mehr.
"Ach Mädchen," begann die Dunkelelfe, "ich habe so lange Zeit geglaubt, genau zu wissen, was richtig ist. Aber ihr kommt in mein Reich und alles steht auf dem Kopf. Ich weiß, oder besser, ich spüre, dass ihr mir nicht traut. An der letzten Frage war es ganz deutlich zu hören. Aber ich weiß nicht, was ich tun kann, damit ihr mir glaubt, dass ich nichts böses mit euch vorhabe. Verratet Ihr mir's?"
Raswid, der sich die ganze Zeit zurückgehalten hatte, griff jetzt wieder in´s Gespräch ein:
"Hohe Herrin! Wenn wir Euch trauen sollen, dann müsst Ihr uns auch trauen. Also versucht nicht immer, uns auszufragen. Soweit ich weiß, gibt es in dieser Welt Wesen, die jeder Elfe gute Ratschläge geben können. Warum sucht Ihr die nicht auf?"
"Ha, der Drache trifft den Nagel auf den Kopf." hörte Sarah und überlegte, ob sie denn schon wieder träumen würde. Denn das war Traumtänzers Stimme. Aber es war nicht der Zeitpunkt, das Geheimnis preiszugeben und so tätschelte sie nur verwundert seinen Kopf.
"Wesen, die Elfen Ratschläge geben?" überlegte Aníra laut, "Die Saprophyten? Ich dachte, die Geschichte von den Saprophyten wäre ein Märchen."
"Oh nein," warf Sarah ein, "die Saprophyten gibt es definitiv!" Aber indem sie es aussprach, kamen ihr die Zweifel. Schließlich hatte sie nur von Fiona davon gehört und noch nie eines dieser Wesen gesehen. Aber Traumtänzer beruhigte sie:
"Zweifelt nicht, ich war mit Kieran schon im Sumpfland und habe mich mit diesen Bäumen unterhalten."
"He, Traumtänzer," dachte Sarah, "Gedanken kannst du also auch lesen! Und soweit ich weiß, schlafe ich nicht. Hast du nicht vorhin gesagt, du könntest dich nur im Schlaf mit mir unterhalten."
Der Hengst stutzte.
"Hmm, wo du recht hast, hast du recht. Offensichtlich hast du eine besondere Gabe und brauchst nicht, wie die anderen, zu schlafen. Das hat natürlich große Vorteile!"
Laut wiehernd brachte er seine Freude darüber zum Ausdruck.
Unterdessen hatte Aníra ihre Fassung wohl wieder gefunden.
"Wenn ihr denn meint, dass es sie gibt, so wird mich mein Weg dorthin führen." beschloss sie also und fragte ihre Begleiter:
"Werdet ihr mich dahin begleiten?"
Einen kurzen Augenblick überlegte Sarah, aber da kam ihr eine Idee:
"Frau Aníra, natürlich werden wir euch mit Freude begleiten. Aber wir alle. Ich denke, es ist an der Zeit, dass ihr mit den Lichtelfen Frieden schließt. Zumindest mit einer - meiner Freundin Fiona..."
"Mit den verruchten Calaquendi?!" polterte Aníra los, besann sich aber dann eines besseren. "Ja, vielleicht habt ihr Recht. Die meisten Dinge habe ich von meiner Mutter erzählt bekommen, aber nie auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht. Ich habe manches nicht hinterfragt und mich vielleicht geirrt. Ihr scheint reinen Herzens zu sein und mich nicht hinter's Licht führen zu wollen. So will ich also mit eurer Freundin Fiona Frieden schließen, wie ihr es empfehlt."
Schweigend und in Gedanken vertieft ritten die drei ungleichen Reiter zur Burg zurück.

Olaf Tauchert & Romy Richter

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