Die Anderswelt

Kapitel 7
Schritt für Schritt

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Die ersten Sonnenstrahlen tauchten den Horizont in rosarot und trafen zunächst die Turmspitzen der Burg Thorádím. Sarah blinzelte, als sie ihr Gesicht trafen. Doch plötzlich war sie hellwach. Wie kam sie hierher? Aus ihrem Bett war durch ein offenes Fenster fast das halbe Reich Aníras zu sehen. War sie hier gestern eingeschlafen? Und wo war Fiona? Irgendetwas stimmte nicht. Sarah rieb sich die Augen, setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett.
Langsam und knarrend ging die Zimmertür auf. Aníra erschien mit einem Tablett, zwei Tassen und einer Kanne Tee. Als die Burgherrin sah, dass Sarah wach war, lächelte sie und wünschte einen guten Morgen.
Sarah senkte den Kopf und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Sie hatte Aníra die ganze Zeit noch nicht lächeln sehen. Außerdem kam es ihr komisch vor, dass sie selbst ein Tablett trug, wo sie doch sonst so viel Wert darauf legte, dass sie die Burgherrin war und einen Diener hatte... Nein das konnte nur falsches Spiel sein. Also, vorsichtig sein und sich nichts anmerken lassen!
"Hohe Herrin," begann Sarah, "auch ich wünsche euch einen guten Morgen. Aber sagt mir bitte, bin ich nicht gestern bei meiner Freundin Fiona eingeschlafen? Und nun wache ich hier auf. Könnt ihr mir das erklären?" Aníra setzte sich neben sie auf's Bett, stellte das Tablett auf dem Nachttischchen ab und säuselte mit überfreundlicher Stimme:
"Liebste Sarah, ihr dürft mich ruhig Aníra nennen. Ihr seid ein Mensch. Und deshalb kann ich euch trauen. Nicht aber den Lichtelfen, denn die sind falsch und verschlagen. Deshalb hab ich euch aus dem Einfluss Eurer ,Freundin' Fiona geholt und in mein Turmzimmer gebracht. Nun können wir uns ungestört unterhalten. Trinkt erst einmal einen Tee. Danach schlage ich vor, dass wir einen gemeinsamen Ausritt machen. Kieran habe ich beauftragt, dass er zwei Pferde satteln soll. Ihr könnt doch reiten, oder?"
Obwohl Sarah sehr lange nicht auf einem Pferderücken gesessen hatte, nickte sie schnell. Sie wollte Aníra nicht misstrauisch machen, indem sie ablehnte. Aber wohl war Sarah dabei nicht. Vielleicht würde ihr noch eine Idee kommen, wie sie diese vermaledeite Situation des Ausgeliefertseins vermeiden konnte. Auch von dem Tee würde sie keinen Tropfen trinken, obwohl sie Durst hatte. Wer wusste schon, welche Kräuter die Hexe da wohl aufgebrüht hatte.
"Wisst ihr, Herrin... äh, Aníra, bei uns auf der Erde ist es üblich, sich nach dem Aufstehen erstmal zu waschen, bevor man Tee trinkt oder frühstückt. Darf ich mich erst einmal frisch machen, bevor ich eure Gesellschaft in Anspruch nehme?"
"Oh, das ist verständlich, fühlt euch nur wie zu Hause..." forderte sie Aníra auf und ging nach nebenan und holte einen Gegenstand, den sie Sarah in die Hand drückte.
"Eine Zahnbürste!" rief Sarah erfreut aus, "Seit Tagen die erste Zahnbürste, die ich sehe. Darf ich die benutzen?" Die Burgherrin bejahte. Und auch wenn eine von anderen benutzte Zahnbürste auch auf der Erde als unhygienisch galt, so schien es Sarah doch besser, diese zu benutzen, als nur mit dem Finger zu reiben, wie sie es die Tage zuvor getan hatte. Aníra hatte sich wieder aufs das Bett gesetzt und Sarah eine Weile bei ihrer Morgentoilette zugesehen, besann sich dann aber eines Besseren und kündigte Sarah an, ihr eine Reitkleidung zu besorgen.
Endlich unbeobachtet ging Sarah zum Fenster und blickte in den Burghof, wo sie Kieran erblickte. Sie wollte gerade hinunterrufen, verbiss es sich aber. Sich an die windige Nacht auf den Gängen der Burg erinnernd fiel Sarah ein, dass Aníra sie bei dem maroden Zustand der Burg doch sicher hören würde, wenn sie rief. Doch als ob Kieran den Blick des Mädchens gespürt hätte, drehte er sich zu ihr um und winkte zum Turm hoch. Er lächelte und deutete Sarah mit den Fingern die Zahl drei an.
,Drei?' überlegte Sarah, was soll das bedeuten? Aber Kieran hatte so optimistisch geschaut, dass wohl alles in Ordnung sein musste. Etwas weniger ängstlich als vorher wusch sie sich nun fertig.
Dann sah sie sich im Zimmer um und ihr Blick blieb an einem Regal voller Marmeladengläser hängen. Fein säuberlich hatte Aníra diese beschriftet und eines der Gläser enthielt Zuckerrübensirup. Genau, das war es, was Sarah jetzt brauchte. Sie schraubte das Glas auf, ließ ein wenig von dem Sirup in ihre Tasse tropfen und füllte mit klarem Wasser auf. Nach dem Umrühren sah das Getränk wie Aníras Tee aus, nur dass es kalt war. Aber das würde dieser hoffentlich nicht auffallen.

Fiona wachte von einem Kratzen an der Tür auf. Was war denn das für ein Geräusch? Vielleicht schlief sie in einem Zimmer, wo sonst ein Hund oder eine Katze zu Hause war und nun hineinwollte. Sie wollte nicht gemein zu der Kreatur sein und öffnete die Tür. Aber es war weder Hund noch Katze, sondern Kieran, der davor stand. Fiona ließ ihn ins Zimmer und erst jetzt fiel Fiona auf, dass Sarah nicht mehr da war.
"Wo in aller Welt ist Sarah hin?" rief sie erschrocken. Die Frage war zwar nicht für Kieran bestimmt, aber dieser antwortete trotzdem:
"Die Herrin hat sie heute nacht in das Turmzimmer geholt. Und ich habe gerade zwei Pferde gesattelt, weil die Herrin mit Eurer Freundin ausreiten möchte."
"Oh weh!" Entsetzt sah Fiona den Diener an. "Und du kannst das nicht verhindern? Wenn die Hexe mit ihr allein ist, dann ist es wohl um sie geschehen!"
"Wie? Sarah ist eine Hexe?" fragte Kieran verwundert "Und hat es auf meine Herrin abgesehen?"
"Kieran! Das ist kein Thema zum Witze machen! Du weißt genau, dass deine Herrin nichts Gutes im Schilde führt. So wie du deiner Herrin verfallen warst, so kann sie sich sicherlich auch Sarah Untertan machen."
Jetzt begriff der Diener und schüttelte den Kopf. "Nein Mistress Fiona, die Herrin hat euch Brot und Salz gereicht. So seid ihr offizielle Gäste und sie wird sich nicht an euch vergreifen. Nicht bevor ein Jahr und ein Tag vorbei ist. Lady Aníra achtet das Senchus mor, darauf könnt ihr euch verlassen."
"Bist du sicher, Kieran? Mir wäre es trotzdem lieber, wenn ich mitreiten könnte, um auf Sarah acht geben zu können."
"Das wär wohl keine gute Idee, Mistress. Denn meine Herrin fürchtet euch. Aber wenn es euch lieber ist, dass jemand aufpasst, dann reite ich mit. Das wird die Herrin mir sicher nicht abschlagen."
"Hmm, wenn du etwas gegen deine Herrin ausrichten kannst, würde es mich schon einigermaßen beruhigen, wenn du sie begleiten würdest. Aber sag, du hast doch nicht deshalb an der Tür gekratzt. Übrigens, warum klopfst du nicht?" fuhr Fiona im schönsten Plauderton fort.
Kieran sah die Elfe verwirrt an "Äh..., der Reihe nach: Also, ich habe nicht geklopft, weil ich nicht wollte, dass es die Herrin hört. Sie hat sehr feine Ohren, müsst Ihr wissen. Ja und gekommen bin ich, weil ich euch das mit dem Ausritt mitteilen wollte. In der Zeit, wo die Herrin nicht anwesend ist, wollte ich euch eigentlich ihre geheimen Räume zeigen. Aber das ist ja nun nicht möglich, wenn ich mitreiten soll. Und drittens ....," er schaute sich fahrig um "... ich muss mich sputen und das dritte Pferd zu satteln."
Sagte es und verschwand. Jetzt musste Fiona lächeln. Wie konnte sie auch versuchen, mit einem Mann über drei Sachen gleichzeitig zu reden!

Als Aníra zu Sarah zurück kam, hatte sie sich vollkommen verändert. Aus der majestätischen Dame war eine fast sportlich gekleidete Frau geworden: mit braunen ledernen Reithosen, schwarzen Stiefeln und einer bequemen blauen Tunika. Sarah musste unwillkürlich an die Fernsehsendungen über Springreittourniere denken, die ihre Mutter gern sah, und lächelte. Ein ähnliches Outfit hatte ihr Aníra auch mitgebracht.
"Das ist von meiner Freundin Rhiannon," erklärte Aníra, "fast noch nicht getragen. Die hatte etwa eure Figur, ich denke, es passt."
"Ich hoffe, eure Freundin ist damit einverstanden, dass ich das anziehe." gab Sarah zu bedenken. "Sie stört es ganz sicher nicht mehr," entgegnete die Burgherrin und sah mit einem Mal sehr traurig aus, "sie ist mit ihrer Familie aus meinem Land weggezogen. Ich mochte sie gern. Aber ihre Familie war ihr wichtiger."
Als Sarah die Dunkelelfe so dastehen sah, tat sie ihr fast leid. Diese Frau hatte sie gestern begrüßt und sie in jedem Augenblick merken lassen, dass sie weit über ihnen stand. Und nun sah sie aus wie ein Häuflein Elend. Diese Schwäche musste Sarah ein klein wenig ausnutzen und fragte:
"Aníra, das war doch nicht die einzige Familie, die aus eurem Land weggezogen ist. Soweit ich gehört habe, waren die verlassenen Gehöfte, die wir beim Herkommen gesehen haben, doch alle einmal bewohnt. Woran lag es denn, dass sie alle fortgegangen sind."
Wiederum verwandelte sich Aníra. Tiefer Hass leuchtete nun in ihren Augen auf.
"Daran sind nur die Calaquendi schuld! Zu denen auch eure Freundin Fiona gehört. Ich habe meinem Volk alles gegeben, was es brauchte. Jeder hatte genug zu Essen, jeder hatte ein Dach über dem Kopf, nicht eine Räuberbande trieb in meinen Wäldern ihr Unwesen, ich ließ Jahrmärkte abhalten, wo sich alle vergnügen konnten und vieles mehr. Aber dieses undankbare Volk wusste es nicht zu schätzen. Sie sind einfach abgehauen..." zischte sie wütend.
"Aber warum, Aníra? Es muss doch einen Grund gegeben haben."
Nun hatte sich die Burgherrin aber wieder im Griff und sagte nur lapidar "Ich weiß ihn nicht!" und schaute wieder kalt, wie am Tag zuvor.
Sarah war inzwischen angezogen und so gingen die beiden Frauen in Richtung Stall, ohne den Tee auch nur anzurühren. Sarah hatte sich also wahrscheinlich umsonst Sorgen gemacht. Wenn Aníra einen Zaubertrunk gebraut hätte, würde sie sicherlich darauf drängen, den Tee zu trinken.
Auf dem Burghof kam ihnen Kieran entgegen, an jeder Hand ein Pferd führend. Einen Rappen, der recht wild aussah, führte er rechts und drückte das Halfter Aníra in die Hand. Das Pferd links war ein eleganter Schimmel, einem Lipizzaner nicht unähnlich, dem Kieran liebevoll am Hals tätschelte:
"Sei schön lieb, Traumtänzer, und trag die Mistress Sarah sicher!" forderte er ihn auf, doch der schaute das Tier dabei warnend an und Sarah wurde ein wenig mulmig zu Mute. Kieran übergab ihr nun Traumtänzers Halfter und gab ihr Hilfestellung beim Aufsteigen. Dann wandte er sich an seine Herrin mit den Worten:
"Mein Pferd hole ich sofort, Lady Aníra. Ich habe doch sicher richtig vermutet, dass ihr mich unterwegs gebrauchen könnt."
"Was hast du?" fauchte Aníra, "Etwas vermutet? Das steht dir überhaupt nicht zu! Ich hatte von zwei Pferden gesprochen, die du satteln solltest. Wer soll denn das Essen bereiten, welches ich einnehmen will, wenn wir zurück kommen?"
"Wenn ihr erlaubt, hohe Herrin: Ich!" hörten die drei plötzlich hinter sich. Es war Raswid. "Ich konnte nicht so recht schlafen und so habe ich mich in der Burgküche umgeschaut. Ich denke schon, dass es mir gelingt, etwas Leckeres zuzubereiten, während ihr unterwegs seid."
"NEIN!" donnerte Aníra, "Ich wünsche nicht, dass Gäste in meiner Burgküche etwas tun. Das ist Kierans Aufgabe. Und außerdem missfällt mir dies auf's Äußerste, dass sich hier auf meiner Burg neuerdings alle möglichen Leute Gedanken machen, was zu tun ist. Das ist meine Burg und es ist meine Aufgabe, zu sagen, was hier geschieht! Und so sage ich: Wenn Kieran nun schon einmal ein drittes Pferd gesattelt hat, so möge Raswid uns auf unserem Ausritt begleiten. Und Kieran bereitet für uns und die anderen Gäste das Mahl. Ist das jetzt ein für alle Mal klar?"
"Ja, Frau Aníra." antworteten die drei kleinlaut. So kamen sie ganz offensichtlich bei Aníra nicht weiter. Kieran ging in den Stall und kam nach einigen Minuten mit einem stämmigen Schecken zurück. Raswid betrachtete diesen äußerst skeptisch und bemerkte mit einer Spur Sarkasmus: "Nicht das es lächerlich genug aussieht, dass ein Drache reitet, nein es muss auch noch ein buntes Tier sein."
Aníra verdrehte sichtlich genervt die Augen: "Keiner hat euch eingeladen, Herr Drache. Steigt auf, oder lasst es! Ich werde nicht länger auf euch warten." Bei diesen Worten hieb sie ihrem Hengst die Fersen in die Seiten. Das Tier stieg vor Schreck auf die Hinterhand, doch Aníra hätte ihrem Namen nicht alle Ehre gemacht, wenn sie nicht etwas was sie beabsichtigte auch durchführte. Sie war eine geübte Reiterin und brachte das Tier schnell wieder zur Räson.
Sie beugte sich vor: "Ruhig Arés!" flüsterte sie dem Pferd ins Ohr. Dann drehte sie sich um und trabte an, ohne zurück zu schauen.
Raswid zuckte verständnislos die Achseln, kletterte auf sein `buntes` Pferd und folgte ihr in angemessenen Abstand.
Sarah umklammerte Traumtänzers Zügel, denn sie fühlte ein gewisses Unbehagen. Worauf hatte sie sich mit diesem Ausritt bloß eingelassen? Beinahe ängstlich starrte sie Kieran an. Doch der grinste jungenhaft und schlug Traumtänzer spielerisch auf ´s Hinterteil. Der Schimmel machte erschrocken ein Satz nach vorn und sie hatte Mühe sich fest zu halten. Als sie vom Hof ritt, klang Kierans Ruf in ihr nach: "Habt nur Mut. Es wird euch nichts geschehen, wenn ihr einen Schritt nach dem anderen macht."

Olaf Tauchert & Romy Richter

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