Die Anderswelt

Kapitel 5
Die Burg von Thorádím

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Die dunkle Zauberin stand am Fenster ihres Schlafgemaches und ließ ihren Blick über die Ebene schweifen, die im abendlichen Dämmerlicht lag. Die sinkende Sonne brachte herrliche Violett- und Orangetöne in den Himmel, doch nach solchen Betrachtungen stand Aníra jetzt nicht der Sinn. Rastlosigkeit hatte schon seit dem frühen Morgen von ihr Besitz ergriffen. Irgendetwas stimmte nicht. Kieran war schon viel zu lange fort. Es war nicht seine Art, bis zum Einbruch der Dunkelheit weg zu bleiben. Er wusste, dass sie ihn des Nachts bei sich haben wollte. Nie hatte er ihr bisher diese Bitte abgeschlagen.
Die Moriquendi schloss die Augen. Sie würde ihn finden. Vor langer Zeit hatte sie Gleipnir geschmiedet, der Armreif, der ihr den Menschen Kieran hörig machte. Aníra wusste nichts von Swartalfheim und in ihren Gedanken war sie die letzte ihrer Art, der mächtigen Moriquendi-Dunkelelfen, auf Dalriada.
Wie sehr sie die Calaquendi, die Lichtelfen verabscheute, die sich inzwischen auf Dalriada breit machten wie ein Pestgeschwür. Sie würde nie verstehen, wie man das Licht verehren konnte. Ihre Welt war die Nacht mit ihren tausend Sternen und da sie die Macht über die Zeit hatte, war in ihrem Reich Thorádím die Nacht doppelt so lang wie der Tag.
Man hätte sagen können Aníra war Thorádím. Wenn sie es wollte dann sah und fühlte sie alles, was auf ihrem Gebiet vor sich ging. Aber was nützte all ihre Macht, wenn ihr Einfluss immer mehr schwand. Ihr Reich wurde kleiner. Immer mehr ihrer Untertanen konnten sich von ihrem Bann befreien, immer mehr ergriffen die Flucht. Sie ließen leere Gehöfte und Dörfer zurück, die verfielen und in Vergessenheit gerieten. So kam es, das die Burg Thorádím, Aníras Stammsitz, als einzig bewohnter Ort des einst so lebendigen Reiches verblieb. Dort hauste die Zauberin nun mit ihrem Diener Kieran, doch es reichte nie wieder an den einstigen Glanz heran, den die Burg noch zu Zeiten von Aníras Mutter gehabt hatte. Das war es, was der letzten Moriquendi den Schlaf raubte, der Glauben, dass mit ihr alles sterben würde, was ihr Geschlecht und ihre Welt einst ausgemacht hatte.
Sie schauderte und wandte sich der Mitte ihres Gemaches und ihren geliebten Zauberutensilien zu. Ihre Finger strichen fast zärtlich über die unzähligen Fläschchen und Phiolen, deren Inhalt in allen Regenbogenfarben leuchtete. Es stimmte nicht ganz, dass Aníra das Licht verachtete, sie akzeptierte es lediglich als Notwendigkeit. Ohne Tag keine Nacht. Ohne Licht keine Pflanzen und Tiere, kein Leben. Das wusste auch die Zauberin.
"Was ist mit mir?" fragte sie sich auf ihre innere Unruhe bezugnehmend. Aber da sie keine Ursache feststellen konnte, gingen ihre Gedanken wieder auf das Schicksal ihrer Welt zurück.
"Haben die Calaquendi, als sie vor 3000 Jahren das große Licht nach Dalriada brachten, an die Konsequenzen ihres Tuns gedacht?" fragte sie sich.
"Was wird aus dem Planeten werden, wenn ich sterbe? Wer wird dann noch über das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit wachen. Das Gleichgewicht ist schon lange aus dem Lot und ich bin die einzige, die der Dunkelheit noch Nahrung gibt, auch wenn mich das selbst auszehrt.
Ist das Licht imstande, die Dunkelheit zu töten?"

Ja, Thorádím war Aníras Heimat, doch einst waren ihre Vorfahren, die alten mächtigen Moriquendi in Amargem beheimatet gewesen. Bis..., ja bis die Asen kamen. Die schrecklichen Asen, sie hatten nicht danach gefragt ob sie erwünscht waren. Nein, sie hatten viele Dunkelelfen einfach versklavt und nach Asgard verschleppt oder gar umgebracht.
Ennyn, Aníras Mutter entstammte einem uralten Herrschergeschlecht. Sie war die Hüterin eines genauso alten Geheimnisses: Des Yggdrasil, mit all seinen Reiseportalen. Ausschließlich sie und ihre Familie hatten damals Zugang zu dem einzigen "Reisespiegel" auf Amargem. So gelang es ihr und dem Hofstaat zu entkommen, bevor die Asen auch sie überwältigen konnten. Sie flüchteten sich auf Dalriada, eine bis dahin recht unbedeutende Welt, die nur von einigen unwissenden Bauervölkern bewohnt wurde. Es war ein leichtes für die Moriquendi diese unter ihre Kontrolle zu bekommen.
Thorádím wurde erbaut und fast 3000 Jahre erblühte seine Kultur in all seiner düsteren Schönheit und düsteren Auswüchsen. Die Asen allerdings fanden und eroberten weitere Welten des Yggdrasil, so kamen immer mehr Vertriebene nach Dalriada. Die Calaquendi stellten sich als das natürliche Gegenteil der Dunkelelfen heraus. Wie Feuer und Wasser, Tag und Nacht nie zueinander kommen können, rieben sich auch beide Elfenvölker aneinander auf. Nur waren die Moriquendi von Anfang an in der Unterzahl. Sie schwanden immer mehr dahin, einige verließen Dalriada freiwillig und als ihre Königin Ennyn starb, gingen die letzten und nahmen das kostbarste mit, den Reisespiegel.
Ja, Aníra war eine mächtige Zauberin. Ennyn hatte sie bis zu ihrem Tod in all ihre Geheimnisse eingeweiht, aber das Schicksal der Einsamkeit hatte sie ihrer Tochter nicht ersparen können. Man hatte sie verraten und so war sie allein zurück geblieben, bis sie eines Tages den Menschen Kieran fand.

Vor einigen Jahrhunderten hatte ein junger Ire eines Nachts in einem einsamen Weiher gebadet. Kieran war schon von frühester Jugend an ein Eigenbrödler gewesen. Selten hatte er auf seine Eltern gehört. Meist machte er immer das Gegenteil von dem, was man ihm riet. Sagte man dem Jungen: "Geh nach der Dunkelheit nicht mehr in den Wald." schlich er sich des Nachts aus der elterlichen Hütte und marschierte ganze Meilen durch die gespenstige Wildnis. Seine Furchtlosigkeit brachte ihm einem üblen Ruf ein, man rief ihn "Wechselbalg", weil er sich am liebsten an Steinkreisen und ähnlich verwunschenen Orten aufhielt. Selbst seinen Eltern und Geschwistern war er nicht geheuer, insgeheim fürchteten sie sich auch vor dem eigenartigen jungen Mann. So wunderte und kümmerte es keinen, als Kieran eines Tages nicht mehr nach Hause kam.
Kieran war wieder einmal zu einer seiner nächtlichen Exkursionen aufgebrochen. Er war der Nacht verfallen, dass konnte ihm auch keine Kirche und kein Pfaffe austreiben.
"Und wenn das Teufelswerk ist," dachte er, "nun gut, dann bin ich eben mit dem Teufel im Bunde."
In dieser Nacht schwamm er also in seinem Lieblingsweiher, als er plötzlich ein seltsames Leuchten in dessen Mitte entdeckte. Neugierig schwamm er darauf zu. Zu seiner großen Verwunderung schien es vom Grund des Teiches aus zu gehen. Während er sich noch in dessen Anblick verlor, würde das sonst so stille Wasser immer unruhiger. Wellen kamen auf, doch es war windstill. Kieran entschloss sich das Phänomen aus der Nähe anzusehen. Tief holte er Luft und tauchte hinunter. Da erfasste in ein mächtiger Strudel und er wurde in die Tiefe gezogen. Der junge Mann kämpfte mit aller Kraft dagegen an, doch es war sinnlos, er verschwand in der Tiefe und das letzte an das er sich zu erinnern glaubte, war ein Tunnel von gleißendem Licht erfüllt.

Als er dann wieder zu sich kam und seine Augen aufschlug, befand er sich in einem seltsamen Gemach, dessen Wände aus massiven Stein bestanden. Er lag auf einer Art Diwan zwischen bunten bequemen Kissen. Mühsam erhob er sich und berührte seinen schmerzenden Schädel. Wo zum Himmel oder Hölle war er bloß?
An den Wänden standen hohe Regale in denen allerlei seltsame Gerätschaften standen, andere waren bis oben mit Büchern und anderen Folianten vollgestopft...
Da knarrte die schwere mit eisenbeschlagene Tür hinter ihm und eine schlanke hochgewachsene Frau trat ein. Sie hatte aristokratische Gesichtszüge, ihr schwarzes Haar fiel ihr in sanften Wellen über die Schultern. Sie wäre das schönste Wesen auf Gottes Erde gewesen, wenn sie gelächelt hätte, doch ihre Augen waren dunkelblau und undurchdringlich und ihr voller Mund verzog sich nur spöttisch, als er sie anstarrte. "Wo bin ich? Und wer seid Ihr?" fragte der verwunderte Mann.
"Mein Name ist Aníra und du bist hier in meinem Reich." antwortete sie.
Nun war Kieran nicht der Mann, der sich mit solch vagen Antworten zufrieden gab, egal was für eine Schönheit sie ihm gab.
"Nun, ich danke euch für eure Unterkunft." bemerkte er kurzangebunden. "Ich werde nun nach Hause gehen, wenn es euch recht ist." so wandte er sich der Tür zu.
Doch die geheimnisvolle Aníra vertrat ihm den Weg. "Wisse, elender Mensch, dass niemand, der mein Reich betritt, es so leicht wieder verlässt." Sie stand jetzt unmittelbar vor ihm, erst jetzt bemerkte er ihre unnatürlich spitzen Ohren.
"Ihr seid...seid... eine aus dem alten Volk?!" stotterte er.
"Ja und Nein, mein armer Junge." lächelte sie. "Älter noch, als das -Alte Volk-, ist mein Geschlecht. " ihre Stimme übte einen seltsamen Zauber auf Kieran aus, sodass er nicht mehr im Stande war, einen klaren Gedanken zu fassen.
"Sieh mich an!" forderte sie mit sanfter Stimme. So senkte er seinen Blick in die mitternachtsblauen Augen, die ihn magisch anzogen.
"Was ist für dich die Nacht?" fragte sie ihn. Er konnte ihr aber in diesem Moment nicht antworten, denn er sah nur noch ihre Augen und hatte das Gefühl, dass seine Seele wie in einem Strudel in sie hineingezogen wurde. Wie von Ferne hörte er sich sagen:
"Ich liebe die Nacht. Nichts schöneres kenn ich, als in mondloser Nacht am Dorfteich zu liegen und das Sternenzelt anzuschauen..." Weiter kam er nicht, denn ein zarter Kuss von ihr schloss seinen Mund. Er gab sich ihr hin, wenn auch eine plötzliche Angst in ihm aufkeimte. Er legte seine rechte Hand auf ihren Rücken und versuchte, sie näher an sich heranzuziehen, aber das war wohl die falsche Reaktion gewesen. "Was erdreistest du dich?" empörte Aníra sich, nachdem sie Kieran zurückgestoßen hatte.
"A… aber ihr habt doch angefangen, mich zu küssen," rechtfertigte er sich, "und ich habe auch erst gedacht, es wäre Unrecht. Nur, wenn ihr hier die Herrin seid und es für Recht haltet, dann kann es doch nur Recht sein, oder?"
"Wahr sprichst du," bekam er zu hören, "dass alles, was ich für Recht halte, auf Thorádím Gesetz ist. Aber wenn ich dich küsse, dann tue i c h das. Und du berührst mich gefälligst nur, wenn ich sage, dass du es tun sollst!"
"Wie Ihr wollt, Herrin." erwiderte Kieran, drehte sich um, rollte mit den Augen und dachte bei sich, dass Frauen doch etwas unergründliches seien. Da hörte er von Aníra die Frage:
"Wie heißt du eigentlich, mein Mensch?" und nachdem er sich vorgestellt hatte, "Kieran, komm her!" Er zuckte nur mit den Schultern und tat wie ihm geheißen.
"Näher!" befahl Aníra, zog ihn zu sich heran und meinte dann: "Berühr mich!"
Kieran brauchte eine Weile, um zu begreifen, was sie gesagt hatte, so dass er sich ein herrisches "Hörst du nicht? Du sollst mich berühren!" gefallen lassen musste. Nun aber umarmte er Aníra fest, fasste ihr an den Hinterkopf und drückte so ihren Mund gegen den seinen. Das war der Augenblick in dem Kieran Aníras Macht erlag nichts mehr entgegen zu setzen hatte, der Augenblick in dem sein Leben als eigenständige Person aufhörte und sein Dasein als Sklave begann. Aníra bemerkte wie sein mentaler Widerstand nachließ und er sich ihren Wünschen beugte. Zufrieden schloss sie die Augen und genoss seine Berührungen.

Lange Jahre waren vergangen seit Kieran nun schon bei Aníra weilte. Seine Anwesenheit war ihr inzwischen so selbstverständlich geworden, wie man einen geliebten Gegenstand immer wieder gern benutzt. Kieran war einfach immer für sie da, räumte ihre Gemächer auf, richtete die Mahlzeiten an und ging regelmäßig auf die Jagd. Immer kehrte er, wie ein treuer Hund zu seiner Herrin zurück. So ging das schon seit über 300 Menschenjahren so. Aníra war eine Elfe, sie alterte also sehr langsam. Was sind schon 300 Erdenjahre für ein Wesen, dass mit tausend Jahren noch nicht einmal das Teenageralter überschritten hat. Aníra war 1500 und da sie auf ihren treuen Diener nicht verzichten wollte, setzte sie seinen natürlichen Alterungsprozess einfach aus. Das war relativ leicht, denn Kieran befand sich hier nicht in seiner natürlichen Umgebung und in ihrem Reich gehorchte jeder Grashalm dem Willen der Dunkelelfe, wenn..., ja wenn sie ihn nicht vergaß. Denn so war es eines Tages mit Gleipnir, ihrem Armreif geschehen. Diesen gebrauchte sie, um ihre Macht besser ausüben zu können. Sie hatte ihn, bevor sie zum Bade in ihre prunkvolle Wanne stieg, einfach abgelegt, war in ihre prunkvolle Wanne gestiegen und war in ebendieser nach einer Weile eingeschlafen. Da kam ein Rabe durch das geöffnete Fenster geflogen.
Raben sind seltsame Wesen, heimtückisch und schlau, mit einem starken Willen und schier verrückt nach allem was glitzert. Dieses Rabenvieh stammte nicht aus Aníras Reich, unterlag deshalb auch nicht ihrem Zauberbann. Kurz und gut, so nahm das Unglück also seinen Lauf. Der vermaledeite Rabe verguckte sich in Gleipnir. Aníra war inzwischen fest eingeschlafen. Das Tier schnappte sich also unbemerkt den Armreif und flog mit ihm davon.
Erst einige Tage nach diesem Vorfall dachte Aníra wieder an ihren kostbaren Armreif. Inzwischen war es wieder an der Zeit den Zauberbann, der ihr Kieran gefügig machte zu erneuern. Doch obwohl sie auch alle ihre Schränke, Truhen und Regale durchsuchte, Gleipnir blieb unauffindbar und die Zauberin stand nun vor einem gewaltigen Problem. Wenn sie nicht bald eine Lösung fand würde ihr der Mensch entgleiten.

Die vier Freunde waren schon ein Stück gegangen, als Fiona plötzlich stehen blieb.
"Wartet!" rief sie ängstlich.
"Je mehr wir uns nach Süden bewegen und nicht auf die Saprophyten zu, umso mehr verlässt mich mein Instinkt, der mich hinführen soll. Wenn wir uns nicht augenblicklich wieder in ihre Richtung bewegen, finde ich den Weg nicht mehr."
"Da wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als durch Aníras Herrschaftsbereich zu gehen," sagte Sarah resignierend, "aber kannst du mit bitteschön erklären, warum wir uns vor ihr hüten sollen?"
" Sie ist eine böse Zauberin." bemerkte Fiona kurz und bündig, aber das gefiel nun Raswid überhaupt nicht. "Was heißt nun bitteschön ZAUBERIN ?" Natürlich gibt es immer irgendwelche Kräfte oder Naturgesetze, die uns nicht bekannt sind. Trotzdem bleiben es Kräfte der Natur oder Naturgesetze und werden nicht zu Zauberei, nur weil wir sie nicht kennen."
"Das stimmt nicht," widersprach Fiona, "denn schau: wie sind wir denn aus dem Turm rausgekommen, wenn nicht durch Zauberei?"
"Das war doch keine Zauberei!" entgegnete Raswid, "Wir haben eine Fähigkeit, mittels unseres gemeinsamen Geistes, Körper in Bewegung zu bringen. Gut, davon hatten wir bis dahin nichts gewusst und was genau dabei passiert, hat noch nie ein Wissenschaftler ergründet. Aber es gibt einen Namen dafür, und zwar Telekinese, und das Phänomen ist bekannt."
"Aber du willst doch nicht behaupten," hakte nun Sarah nach, "dass Telekinese ein natürliches Phänomen ist? Für mich ist das eindeutig übernatürlich."
"Eindeutig übernatürlich!" äffte sie Raswid verärgert nach. "So erzähle mir doch, was ÜBERNATUR ist? Es gibt sie nicht. Es gibt unsere Natur. Und alles, was es in dieser Natur gibt, das ist meines Erachtens nach natürlich. Und zwar egal, ob wir es kennen und egal, ob wir es erklären können."
"Das ist deine Definition," versuchte Swior den Streit zu schlichten, "aber die Eigenschaften einer Sache hängen doch nicht von ihrer Benennung ab. Du kannst etwas übernatürlich oder natürlich nennen, es bleibt das selbe. Und wenn bekannt ist, dass da so eine Frau Aníra existiert... "
"Das ist eine Dunkelelfe," unterbrach ihn Fiona, "sie verehrt die Nacht..."
"Darf ich bitte erstmal meine Erklärungen zu Ende bringen?" ergriff nun Swior wieder das Wort, "Du kannst uns das gleich ausführlich erzählen, Fiona. Nur haben wir noch nicht geklärt, was diese Dunkelelfe nun ist..."
"Das will doch Fiona gerade erklären!" fuhr Sarah dazwischen und Swior verdrehte die Augen.
"Jaaa, gleich!" brummte Swior, "Ich will doch nur noch meinen Gedanken zu Ende führen: Also, wenn dieser Aníra nun nachgesagt wird, dass sie zaubern könne, so ist es doch unerheblich, ob das was sie kann, nun natürlich oder unnatürlich genannt werden muss. Sie kann es einfach. Und wenn wir davor gewarnt werden, so hat das sicher seinen Grund. Und nun, da wir das geklärt haben, kann uns endlich Fiona erzählen, was sie über die Dunkelelfe weiß. Wir hören uns das an und da wir sicherlich keine andere Möglichkeit haben, zu den Saprophyten zu kommen, als durch ihr Land, müssen wir uns eben vor dem, was Fiona uns erzählt und vielleicht noch vor einigen anderen Sachen mehr, vorsehen."
Dem stimmen die Freunde zunächst zu und Fiona begann mit der ausführlichen Erklärung zu den Dunkelelfen im allgemeinen und zu Aníra im speziellen.
Raswid war aber unterdessen in's Grübeln gekommen.
"War das alles, was du über Aníra weißt, Fiona?" fragte er recht nachdenklich.
"Ja, wieso? War dir das nicht genug?"
"Doch, Fiona, der Informationen waren es genug. Aber nichts von dem, was du uns erzählt hast überzeugt mich wirklich davon, dass Aníra gefährlich oder gar böse ist. Die Dunkelelfen sind eine fremde Kultur und manches scheint uns ungewohnt. Aber ich denke nicht, dass wir vor irgendetwas Angst haben müssen. Im Gegenteil, es hat mich neugierig gemacht und eigentlich brenne ich darauf, Aníra zu besuchen."
Seine Ausführungen riefen zwar zunächst ängstliche Proteste hervor, aber nach einigem hin und her einigte man sich dann doch, bei Aníra einen Abstecher zu machen. Und so suchten die Freunde nun absichtlich Aníras Burg, die sie am späten Vormittag erreichten.
Die Burg Thorádím lag majestätisch, wie sich das für eine Burg gehörte, auf einem hohen Felsen über der Ebene. Begeistert rief Sarah bei ihrem Anblick aus.
"Ist es nicht erstaunlich wie gut sie erhalten ist? Dabei ist sie schon tausende von Jahren alt. Aníra muss wirklich große Macht besitzen."
Ungläubig schüttelte Fiona den Kopf: "Sie ist ganz sicher eine gute Illusionistin. Glaubt nicht alles was ihr hier seht, die Burg könnte genauso gut ein Müllhaufen sein. Und ihr seht hier nur das, was sie dem Betrachter glauben machen will. Seht euch vor, denn obwohl die Moriquendi bei uns als die Inkarnation des Bösen gelten, bin ich bereit an das Gute in Aníra zu glauben."

Olaf Tauchert & Romy Richter

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