Die Anderswelt

Kapitel 2
Yggdrasil - "Der Weltenbaum"

Kapitel
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RaswidSwior saß mit seinem Freund Raswid auf einem alten Baumstamm. Sein Blick schweifte über die Wiese vor sich, er philosophierte mit Raswid und erfreute sich am Gesang der Vögel. Das alles zusammen mochte er am liebsten. Swior war ein etwas korpulenter, gutmütiger Elf und deshalb häufig Opfer des Spotts seiner Kommilitonen. Nicht dass er die Realitäten in Midgard nicht sah, aber er wünschte sich eine andere Welt und malte sie sich vor seinem geistigen Auge aus. Vor allem wollte er selbst so leben, wie er es von anderen forderte. Darum war Swior auch froh, dass er mit Raswid einen Drachen als Freund gefunden hatte. Es war nicht unbedingt üblich, dass die Wesen dieser beiden intelligenten Rassen von Midgard Freundschaften schlossen. Beide Zivilisationen machten eher Witze übereinander und hielten sich für etwas Besseres als die jeweils anderen.
Swior war Raswid beim Schlendern durch Midgards Wälder begegnet. Er hatte ihn einfach angesprochen. Irgendwas belangloses hatte er gesagt, wie "Ist das nicht ein tolles Wetter heute?" oder so. Ganz genau wusste er es auch nicht mehr, denn zuerst hatte er sich vor dem Drachen furchtbar erschrocken. Doch zu seiner Überraschung war auch Raswid einer von denen, die gern allein durch Wälder ziehen, die sich gern hochtrabend über wissenschaftliche Phänomene unterhalten und philosophieren. Ein Wort hatte das andere gegeben und beide waren begeistert nach Hause gekommen und hatten ihren Eltern eröffnet, dass sie einen neuen Freund gefunden hätten. Und beide Eltern waren entsetzt, dass der Elf einen Drachen und der Drache einen Elfen als Freund bezeichneten.
Jedoch keiner von beiden hatte sich davon beirren lassen, was andere von ihnen dachten. Vielleicht waren sie das ungewöhnlichste Freundespaar in ganz Midgard.

So saßen sie nun also beide auf dem Baumstamm und hatten sich gerade das Thema Reisen vorgenommen. "Weißt du, Raswid, manchmal möchte ich nicht nur auf unserem Planeten rumfahren, sondern ich würde so gerne andere Welten besuchen." seufzte Swior verträumt. "So, wie es in unseren alten Legenden heißt: "Er trat in eine andere Welt...", also nicht mit dem Raumschiff. Abgesehen davon, dass ich noch viel zu jung dafür bin, gehört unsere Familie nicht zu den Privilegierten, die eine Reiselizenz bekommen."
"Wieso zu jung? Du bist doch bereits 854 Jahre alt" wandte der Drache ein.
"Das ist es ja." seufzte Swior wieder. "Meinst du, die würden jemals einen unter 1000 Jahren ein Raumschiff betreten lassen?
Nein, das ewige im Raumschiff sitzen und warten, dass das nächste Sonnensystem kommt, wäre auch nichts für mich. Auf diesen fliegenden Büchsen gibt es außerdem keine Bibliothek und den ganzen Tag muss man Sport treiben, dass man keinen Muskelschwund bekommt. Und man ist auch als Elf immer alleine unter den blonden und blauäugigen Asen, die immer so arrogant tun, weil sie sich als Weltmacht fühlen. Denn mehr als einen von uns lassen die doch nicht in ihre Kapseln.
He, glaubst du, dass es irgendwann einmal Raumschiffe gibt, die Elfen oder Drachen gebaut haben und in denen nur unsereiner fliegt?"
fragte Swior seinen Freund. Als dieser nicht auf seine Frage reagierte, stupste er ihn leicht an.
"Hallo hörst du mir noch zu?"
"Oh entschuldige", schrak Raswid auf "ich habe mir gerade vorgestellt, wie es auf der Erde sein mag."
"Auf der Erde!" Swior lachte. "Du magst also auch diese Märchen von der Erde. Ich träume gern davon, aber das hat sich doch sicher nur jemand ausgedacht. Ich glaub nicht, dass es wahr ist. "
"Du irrst dich, Swior, es ist wahr. Ich weiß es von meinem Onkel, der ist an der Universität. Da gibt es eine geheime Abteilung, die hat jahrelang geforscht, um Yggdrasil wieder herzustellen. "
"Wie bitte? Yggdrasil? Das ist doch ein Baum."
"Ha, das denkst du. Ist dir noch nicht aufgefallen, das in der Asensprache "Esche" und "Verbindung" ganz ähnlich klingen? Yggdrasil ist keine Esche, sondern die Verbindung zwischen Midgard, der Erde und noch ein paar anderen Welten." Eine Weile saß Swior stumm da. Irritiert schaute er den Drachen an.
"Du Raswid, du bist mein Freund und ich weiß, du würdest mich nie anlügen. Aber kann es sein, dass d u Opfer einer Lüge bist? Was du da sagst, wäre so phänomenal..."
"Nein, ich weiß es ganz genau! Es ist die Wahrheit. Unsere Vor-vorfahren haben dieses System entwickelt und sind damit im Universum und zwischen den Welten herumgereist. Dann geriet es jedoch aus irgendeinem Grund aus der Mode und Yggdrasil wurde vergessen. Vor einigen Jahren fand man in einem vergessenen Archiv die alten Pläne dieses "Baums". Nun bemühen sich unsere Gelehrten, das System zu reaktivieren. Man weiß zwar immer noch nicht genau wie das ganze funktioniert, doch man weiß, dass man damit in andere Welten und auf Planeten der eigenen Welt gelangen kann.
Eigentlich ist es verboten, doch mein Onkel hat mir eines der Reisegeräte gezeigt. Es sieht aus wie ein Spiegel, aber es ist ein Teil von Yggdrasil. Komm, ich zeig ihn dir!"
"Natürlich!" wieder lachte Swior, aber es klang etwas unsicher "Wir zwei spazieren da so mir nichts, dir nichts in die Uni und gehen in eine geheime Abteilung, um uns ein Wunderding anzusehen!"
Drache lächelte verschmitzt. "Was meinst du, warum ich vorhin an die Erde gedacht habe. Ich habe doch den Schlüssel mitgehen lassen und einen nachgemacht. Übrigens den Nachschlüssel habe ich einstecken."
Swior schüttelte wieder den Kopf "Das ist Raswid, wie er leibt und lebt! Mit dir macht man was mit!" aber er lachte. Und das hieß, es war beschlossene Sache. Ehe sie die Universität erreicht haben würden, wäre der Lehr- und Forschungsbetrieb längst zu Ende und sie wussten, wie sie unbemerkt vom Pförtner hineinkommen würden. Fröhlich und voll Abenteuerlust machten sich die beiden Jungen auf den Weg und Raswid hatte sogar ein Lied auf den Lippen.

Sie stiegen von hinten durch ein Loch in der Mauer in das Universitätsgelände. Der ganze Hof war menschen-, oder besser elfen- und drachenleer. Weil Swior mit seinen Schuhen zu laut auftrat, mahnte der Drache ihn. "Du hast gut reden mit deiner Schlangenhaut unter den Füßen!" flüsterte der Elf. Aber anscheinend hatte sie niemand bemerkt. Zielstrebig steuerte Raswid ein Gebäude an. Die Tür war zwar zu, aber nicht abgeschlossen. So huschten die beiden Freunde hinein. Am Ende eines langen Ganges war eine alte Tür, von der man vermuten mochte, dass der Unigärtner sein Werkzeug dahinter untergebracht hatte. Aber als Raswid sie öffnete, tauchte eine Treppe auf, die nach unten führte. Ganze drei Stockwerke gingen Raswid und Swior hinunter, ehe der Drache den Schlüssel rausholte und eine ebenfalls stark rostige Tür öffnete. "Also, hier vermutet wirklich niemand eine geheime Forschungsstätte!" stellte Swior fest, während der Drache ihm erklärte: "Ja, mein Onkel hat mir gesagt, wenn unsere Uni Sicherheitseinrichtungen bestellen würde, wäre es möglich, dass die Asen hier auftauchen und rumschnüffeln. Und das wollte das Professorenkollegium vermeiden."
Der Raum, in den sie eintraten, lies immer noch keinen Verdacht aufkommen. Regalweise Bücher und Aufzeichnungen, ein Schreibtisch, 2 Stühle und ein ovaler mannshoher Standspiegel waren das ganze Inventar. Nicht einmal ein Selbstschreiber war zu sehen. "Wegen der Wissensdiebe wird alles per Hand geschrieben." erklärte Raswid seinem Freund, während sie an den "Spiegel" traten, "Aber die Gelehrten hatten noch keinen Erfolg. Das ist mir eigentlich unverständlich, denn schau mal, siehst du die Zeichen auf dem Rand?"
Swior nickte. "Das ist Ogham." erläuterte der Drache, "Ogham ist die alte Elfenschrift, die dein Volk vor der Einführung der Runen gebraucht hat. Ich denke mir, wir können das Ziel ansteuern, indem wir die Zeichen drücken."
"Aber wir kennen doch die Bedeutung der Zeichen nicht." wandte Swior ein.
"Doch, ich habe einiges darüber gelesen. Die "Mutter Erde" wurde früher als b a n b a bezeichnet. Wir müssen nur noch buchstabieren. Drücke mal bitte die Zeichen, die ich dir ansage." forderte Raswid seinen Freund auf.
"Na gut, aber ein bisschen mulmig ist mir schon."
"Ach, unterdrück es einfach." Der Drache war voller Eifer, hatte die Augen zusammengekniffen -soweit das ein Drache kann- und überlegte angestrengt.
"Also, B wie b e i t h e , die Birke, ist der eine Strich nach rechts. Dann kommt A wie a i l m , die Kiefer. Und das ist der einzelne Gnubbel. Das N waren die 5 Striche nach rechts und steht für n i n , die Esche. Jetzt wieder b e i t h e ..."
"Was war das gleich?" fragte Swior nach. Raswid brummte unzufrieden. "Konzentrier dich mal ein bisschen! B-A-N und B, also der Strich nach rechts. Und nun noch mal der Gnubbel: b a n b a ." Swior tat wie ihm geheißen. Doch nichts rührte sich. Raswid überlegte, ob es nicht doch eine andere Sprache war, in der man das Wort Erde eingeben musste.
"He, Swior, wir probieren es mit einer der Menschensprachen. Die meistgesprochene nennt man Englisch. Da heißt es e a r t h , also E wie e d e d , die Espe, dann A..."
"Halt, Raswid, welches Zeichen steht denn für Espe?"
"Verzeih, ich habe ganz vergessen, dass du nichts darüber weißt. Du musst die 4 Gnubbel drücken...ja..., jetzt den einen..."
Ein herzzerreißendes Geräusch ertönte.
Beide schrieen gleichzeitig "Hurra!"
Raswid ging plötzlich auf, warum es nicht geklappt hatte: "Sicherlich gibt es auf der Erde mehrere alte Durchgänge, sodass wir noch eine Codierung eingeben mussten. Komm, ich lass dir den Vortritt..."
So stiegen beide in den "Spiegel".

Olaf Tauchert & Romy Richter

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